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06. Oktober 2009, 06:27 Uhr

Sylt im Herbst

Ablaufen und Tee trinken

Wenn der Herbst auf Sylt Einzug hält, dann zeigt sich die Nordseeinsel von ihrer rauen Seite: wilder und windiger. Dann beginnt die Zeit der endlosen Strandspaziergänge, des Schietwettertees - und der Kitesurfer, die eine steife Brise zu schätzen wissen.

Wenningstedt - Sylt ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert. Aber wer im Herbst kommt, erlebt die nordfriesische Insel ganz anders als die meisten Touristen, die ja im Sommer hier sind. Es wird rauer und windiger. Das gefällt auf jeden Fall den Kitesurfern, die vor Westerland dann auf den Wellen zu beobachten sind. Oft schauen ihnen Hunderte von Menschen von der Strandpromenade aus zu. Sylt nach der Sommersaison hat aber auch sonst viele Liebhaber.

Am Strand herrscht im Herbst oft noch viel Betrieb. Es klingt, als rausche das Meer noch lauter als im Sommer. Aber wenn die Sonne scheint, ist alles andere wie immer: Die einen lassen Drachen steigen, die anderen spielen Fußball im Sand, und die nächsten gehen mit dem Hund kilometerweit am Spülsaum spazieren. An guten Tagen ist der Himmel so strahlend blau wie das Kliff bei Kampen rot. Dann sind am Strand zwischen Wenningstedt und Kampen Jogger und Spaziergänger zu Hunderten unterwegs.

Die etwas Mutigeren laufen barfuß, die ganz Mutigen springen sogar manchmal ins Wasser und werfen sich in die Brandung - viele Zuschauer beobachten das mit Respekt, einige mit Kopfschütteln. Aber auch das ist Sylt: Jeder nach seinem Geschmack. Das gilt erst recht an Buhne 16. Im Oktober oder November sind an Sylts berühmtem FKK-Strand die Nackten zwar die rare Ausnahme - aber ihr Erscheinen nicht komplett ausgeschlossen.

Der Strand bei Kampen ist an vielen Stellen überraschend breit. Wer einen der Dünenübergänge wählt, hört die Brandung bald nicht mehr. Möwen schweben über dem Dünenkamm, Hagebutten blühen in Rosa. Und dann ist Kampen schon zu sehen, das legendäre Inseldorf mit seinen Dutzenden von reetgedeckten Friesenhäusern, in denen nicht nur, aber bevorzugt die Gutbetuchten übernachten. Kampen ist noch immer das Zentrum für Boutiquen-Liebhaber. Das gilt auch im Herbst. Auch das "Gogärtchen" hat geöffnet. Hier kann man Hummer und Gänseleber kosten - oder einfach nur Tee trinken.

Schokolade mit Rum zur Friesentorte

Viele halten mit guten Argumenten nicht Kampen, sondern Keitum für das schönste Dorf der Insel. Die Kapitänshäuser aus der Zeit, als Sylter Seebären gefragte Kommandeure auf den Seglern im Atlantik waren, sind dort echte Hingucker. Eins davon ist ein Museum: das Altfriesische Haus, das einst dem 1701 in Keitum geborenen Peter Uwen gehört hat. Im Wohnzimmer stehen ein Schrank voller ansehnlichem Geschirr und eine Truhe von 1761. Geschlafen wurde im Alkoven, einer Art Bettschrank. In der Küche gibt es holländische Fliesen - und zwar vom Feinsten. Die Sylter hatten schon damals Geschmack.

Keitum hat etwas Gemütliches, auch bei herbstlichem Wetter. Gut zu spüren ist das in "Nielsen's Kaffeegarten", dem ältesten, 1919 eröffneten Café der Insel. Die Gäste sitzen dort am "grünen Kliff" mit Blick auf die Nordsee. Bei Bedarf gibt es "Keitumer Schietwettertee" mit Kräutern. Falls das nicht wirkt, hilft womöglich Eiergrog oder Heiße Schokolade mit Rum. Und dazu passt ein Stück Friesentorte, der Kuchenklassiker im hohen Norden.

Wenningstedt ist schon im Sommer etwas ruhiger als Westerland oder Kampen. Im Herbst ist es nochmal deutlich stiller - erst recht am späten Abend, wenn selbst die windverliebtesten Strandläufer, die es täglich ans Wasser zieht, im Warmen sitzen. Der Polarstern blinzelt über dem Horizont, darunter hängt ein Streifen dunkler Wolken. Die Nordsee ist nicht zu sehen, aber zu hören, was in der Dunkelheit umso eindrucksvoller ist: Mit lautem Grollen branden die Wellen heran.

Von der Kliffkante bei Wenningstedt führt eine Holztreppe zum Strand. Unten knirscht der Sand unter den Schuhen. "Beaufsichtigter Badestrand" steht dort auf einem Schild - aber im Spätherbst ist darauf nicht viel zu geben. Die meisten Sylt-Besucher gehen auch hier dann lieber spazieren als baden.

Andreas Heimann, dpa

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