Trübe Aussicht: Tanja Schuhbauer im Bodensee
Trübe Aussicht: Tanja Schuhbauer im Bodensee
Foto: Tanja Schuhbauer

Tauchen im Bodensee 55 Minuten Leichtigkeit

Die Riffe Thailands waren pandemiemäßig out, für einen Tauchgang musste der Bodensee herhalten. Unsere Autorin entdeckte dort eine unerwartet zauberhafte Unterwasserwelt.
Von Tanja Schuhbauer

Sieben Meter Tiefe waren nötig, damit sich dieses Grinsen in meinem Gesicht breitmacht.

Nach dem Auftauchen lasse ich per Knopfdruck Luft in mein Jackett und schiebe mir mit der Hand die Tauchermaske auf die Stirn. Ich sehe: schneebedeckte Gipfel, Enten und Schwäne auf glasklarem Wasser, Schnorchler mit dicken Bäuchen, am Horizont ein paar weiße Segelboote. Ich sehe: den Bodensee am Ufer von Meersburg mit Blick auf Weinberge und die Blumeninsel Mainau.

Ich nehme den Lungenautomaten aus meinem Mund, lasse mich aufrecht im Wasser treiben und bin einfach nur glücklich. »Danach haben die meisten dieses Grinsen im Gesicht«, hatte der Tauchlehrer prognostiziert. Er hatte recht.

Die Pandemie hatte meine asiatischen Reisepläne Anfang 2020 platzen lassen. Farbenfrohe Korallenriffe und exotische Fische blieben unerreichbar, und Lockdown-Schwermut machte sich breit. Aber ist Tauchen nicht auch vor der Haustür möglich?

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Abgetaucht im Bodensee

Foto: Arnulf Hettrich / imago images/Arnulf Hettrich

Ich rufe Bernd an von den Lion Divers, eine von etwa einem Dutzend Tauchschulen am nördlichen Bodenseeufer, und buche einen Tauchgang mit Auffrischungskurs. Meine Tauchscheine aus Ko Tao in Thailand sind schon halb so alt wie ich selbst. Mein Logbook bescheinigt lediglich 33 Tauchgänge auf 20 Jahre verteilt. Und keiner im Süßwasser des heimischen Gletschersees, wo andere Druckverhältnisse herrschen, andere Tiere und Pflanzen zu sehen sind.

An einem heißen Sommermorgen fährt vor meiner Wohnung in Weingarten, einer barocken kleinen Studentenstadt im Herzen Oberschwabens, ein weißer Tauchbasen-Bulli vor. Bernd – sonnengebleichte Locken, blaue Augen, korallenrotes T-Shirt – steigt aus und winkt mir fröhlich zu. Im Berufsverkehr gondeln wir vorbei an Obstplantagen, Hopfenfeldern und Kuhweiden. Am Himmel fliegt ein Zeppelin; im Radio tönt »Sky and Sand« von Paul Kalkbrenner. Unterwegs kaufen wir Leberkäswecken in einer Dorfbäckerei als Proviant und rollen zum Ziel, dem Krebsgarten im badischen Meersburg.

»Tauchen hat nichts mit Tiefenrekorden zu tun, sondern mit Gefühl.«

Tauchlehrer Bernd Wildstein

Gefährlich sei der Bodensee für Taucher, habe ich oft gehört. Tief und kalt, verdammt kalt. Je tiefer, desto kälter, desto dunkler. »Es gibt kein kaltes Wasser, nur falsche Tauchanzüge«, sagt der Tauchlehrer. Bernd Wildstein, 52, gelernter Koch, 3000 Tauchgänge, hat als 20-Jähriger am Rande des Allgäus seine Leidenschaft entdeckt. Fünf Jahre später brachte er Reisenden in der Karibik und im Roten Meer den Sport bei, bevor er zurück in der Heimat seine eigene Tauchschule gründete.

Bernd schätzt die heimische Gründlichkeit, geprüftes Material und hohe Qualitätsstandards. »Lässig ist es trotzdem«, sagt der Schwabe und grinst. Ein Tauchlehrer müsse Ruhe und Geduld ausstrahlen und darauf achten, was seine Schüler mitbringen in den Tag. Ich bringe Müdigkeit mit, gemixt mit leichter Nervosität – immerhin ist mein letztes Abenteuer mit Manta und Meeresschildkröten schon wieder drei Jahre her. Doch Bernd beruhigt mich: »Ich bin für die Sicherheit zuständig und gehe mit den Leuten immer nur so weit, wie sie gehen wollen. Tauchen hat nichts mit Tiefenrekorden zu tun, sondern mit Gefühl.«

Wir parken an einer Liegewiese am Ufer, wo Feriengäste ihre Badehandtücher in coronagerecht aufgemalte Quadrate legen. Der Bodensee schiebt sanfte Wellen in Pastelltönen über die Oberfläche. Über Wasser wirkt er immer so unschuldig, fast harmlos. Aber unter Wasser? Immerhin ist er bis zu 251 Meter tief. »Der Bodensee ist anspruchsvoll, aber nicht gefährlich. Es gibt Tauchplätze für alle Levels«, sagt Bernd.

Wir werden maximal zehn Meter tief gehen, nah am Ufer und weit genug weg vom Schiffs-, Fähren- und Katamaran-Verkehr. Damit sind wir auf der sicheren Seite. Optisch ist die geringe Tiefe ohnehin der schönste Bereich: hell, bunt und lebendig. Seine kühle Seite wird uns der See trotzdem zeigen. Die 20-Grad-Badetemperatur gilt nur für die ersten drei Tiefenmeter, dann werden wir es mit zwölf Grad zu tun haben. In 20 bis 25 Metern Tiefe hat er nur noch sechs Grad. Da wollen wir nicht hin.

In der Bruthitze reicht mir Bernd den sieben Millimeter dicken, langärmligen Halbtrockentauchanzug zum Überpellen, dazu Haube, Handschuhe, Füßlinge. Der Anzug muss sowohl zu Größe und Gewicht der Taucherin als auch zum Gewässer passen. Schon allein, weil Süßwasser weniger trägt als Salzwasser, muss es ein dicker Anzug sein.

Unter Bernds Aufsicht lege ich Messinstrument und Blei an, befestige Tarierweste und Atemregler an der Pressluftflasche und packe mir die gesamte Gerätschaft auf den Rücken. Mit Flossen in der Hand überqueren wir die Liegewiese zum Buddycheck am Ufer: Gegenseitig überprüfen wir erneut unsere Ausrüstung. Über eine Treppe steigen wir in den See hinab.

Die Schwere der Pandemiemonate fällt nach kurzer Zeit unter Wasser ab wie Blei.

Im Wasser angekommen, Flossen an, Brille auf, Lungenautomat im Mund, geben wir uns mit der rechten Hand das Taucher-OK-Zeichen, indem wir Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis formen. Mit der linken Hand lassen wir per Knopfdruck Luft aus dem Jackett, bis wir unter die Wasseroberfläche sinken. Gluck, gluck, gluck. Mit jedem Atemzug höre ich, wie meine Lungen die Pressluft aus der Flasche saugen und steige etwas auf. Mit jedem Ausatmen sinke ich wieder.

Den Druckausgleich – ich halte meine Nase zu und mache sanft die Ohren frei – brauche ich nur auf den ersten Metern. In Zeitlupe sinkt mein Körper in die Tiefe. Der Seeboden des Krebsgartens kommt uns nach sechs Metern näher, aber es bleibt genug Zeit, etwas Luft in die Tarierweste zu lassen. Es geht darum, den Schwebezustand zu erhalten und keine Lebewesen am weißsandigen Grund zu stören. Im Süßwasser sind Auf- und Abtrieb extremer als in den Tropen. Das Tarieren erfordert etwas Übung und Bedacht. Je entspannter man ist, desto besser funktioniert es, desto weniger Sauerstoff wird verbraucht, desto länger kann man unten bleiben. Bernd hat mich im Blick.

Die Schwere der Pandemiemonate fällt nach kurzer Zeit unter Wasser ab wie Blei. Vor meinen Augen breitet sich eine geheimnisvolle Parallelwelt aus, eine Unterwasserlandschaft in Grün, Beige und Rotbraun. Pflanzen wiegen sich sanft hin und her, Leben überall. Ein kleiner Wald von fünf Meter hohem Laichkraut begrüßt mich, Sonnenlicht färbt die oberen Blätter im Wasser knallgrün, nach unten hin wird es türkisbraun. Fadenalgen, Seegras und märchenhaftes Tausendblatt, dahinter öffnen und schließen sich kleine Haufen schwarzer, kleiner Muscheln. Graugrüne Wasserpflanzen wie Mini-Armleuchter und kleine Wedel tanzen in einem Hauch von Strömung.

Ich lausche meinem blubbernden Ausatmen und beobachte die Silber leuchtenden Luftbläschen, die nach oben ins Licht steigen wie Feenstaub. Zu tun gibt es nichts, aber zu schauen. Die Sichtweite liegt mit sechs bis acht Metern im üblichen Bodenseemaß, nur in den Monaten April, Mai, September und Oktober soll die Sicht besser sein. Wer sich im Winter ins Eiswasser traut, wird mit einer Sichtweite von 20 Metern belohnt.

Zugegeben, ein Barrakuda-Schwarm im Golf von Thailand sieht anders aus, dafür beißt mir hier kein aggressiver Drückerfisch in die Flosse.

Am Abgrund nehmen mich sechs Fischaugen ins Visier. Sie schweben auf meiner Höhe und betrachten mich frontal. »Das waren Stichlinge. Die sind immer sehr neugierig«, wird Bernd später über die gelb-silbernen Tiere sagen, die etwa so lang sind wie ein Handy, aber so dünn und schmal wie ein Lineal. Als Zugewanderter tut sich der Stichling sicher gut mit Kontaktfreude. Ursprünglich gehört er nicht in den Bodensee, ist aber mittlerweile der häufigste Fisch darin.

Barsche, Felchen und Zander scheinen heute anderweitig beschäftigt zu sein. Wer Glück hat, entdeckt Süßwasserkrebse, Wasserflöhe, Schwebeshrimps, Spitzschlammschnecken, einen Hecht von bis zu 1,5 Metern Länge oder sogar einen bis zu drei Meter langen Wels. Nachttaucherinnen und -taucher können Bekanntschaft mit den nachtaktiven meterlangen Aalen machen, sagt Bernd, die seien sehr zutraulich. Zugegeben, ein Barrakuda-Schwarm im Golf von Thailand sieht anders aus, dafür beißt mir hier kein aggressiver Drückerfisch in die Flosse. Gefährliche oder giftige Fische gibt es im Bodensee nicht.

Und die Taucher selbst stellen auch keine Gefahr für den See dar – wenn sie nicht gerade in den sensiblen Naturschutzgebieten tauchen und die Ufer schonen. Als Regel gilt allerdings, beim Wechsel von einem ins andere Gewässer die Tauchausrüstung gründlich zu reinigen und zu trocknen, um das Verschleppen von Organismen zu verhindern.

Hygiene beim Tauchen ist aber nicht nur für Flora und Fauna überlebenswichtig, sondern auch für den Menschen. Seit der Coronapandemie müssen Tauchschulen die Leihausrüstung wie Anzug, Weste und Atemregler desinfizieren. Auf die bei der Tauchausbildung üblichen Partnerübungen müssen Schüler teilweise verzichten, die Wechselatmung mit dem Haupt-Lungenautomaten wird unter Wasser nur simuliert, und auch zwischen Tauchern an der Wasseroberfläche sollten 1,5 Meter Abstand eingehalten werden.

Nach 55 Minuten geht unser Tauchgang dem Ende zu, unsere Pressluftflaschen sind bald leer geatmet. Ich tauche auf, nehme die Brille ab. Bernd schaut mich an und lacht: »Da ist es wieder, das Tauchergrinsen. Jetzt hast du's.«

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