Stéphanie Souron mit Tochter: Magie eines Themenpfades
Stéphanie Souron mit Tochter: Magie eines Themenpfades
Foto: Claas Nagel

Schwarzwälder Themenpfade So macht auch Kindern das Wandern Spaß

Wer mit kleinen Kindern unterwegs ist, hat im Schwarzwald gute Karten: Früher oder später landet man immer auf einem Themenweg – der Trend begeistert sogar wandermüden Nachwuchs.
Von Stéphanie Souron

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Wir sind noch keine zehn Minuten unterwegs, als der Wald den ersten Zauber offenbart. Der schmale Pfad biegt plötzlich ab, und wir stehen vor einem Bachbecken. Das Wasser glitzert wie ein Teppich aus 1001 Edelsteinen. »Darf ich hier im Wasser spielen, bitte, bitte?«, ruft unser Kind begeistert und beginnt, die Schnürsenkel seiner Wanderschuhe zu entfesseln.

Zugegeben: Auch als Erwachsene würde man hier allzu gerne ein paar Minuten verweilen. Einfach die Füße ins Wasser hängen und dem Bach dabei zuschauen, wie er über die Kieselsteine hüpft. Aber nein, wir wollen doch wandern! Und als Eltern einer Dreijährigen weiß man, dass man lieber erst einmal ein paar Meter Strecke macht, bevor man sich irgendwo niederlässt – sonst kann es passieren, dass man gar nicht mehr von der Stelle kommt. Ich rufe also mit allernettester Abenteuerstimme: »Wollen wir nicht mal schauen, ob wir den Zauberer im Wald treffen?«

Wir wandern über den »Zauberpfad«, einen Themenweg, der sich im Südschwarzwald am Rande des Ortes Bernau durch den Wald schlängelt. Der Name ist gut gewählt, zwischen den haushohen Fichten flimmert das Licht auf dem Waldboden – ganz so, als würde jemand Feenstaub über uns streuen.

Der Weg ist überhaupt ziemlich märchenhaft: Mal führt er über weichen Waldboden, mal über Rindenmulch, und manchmal hebt er sogar ab. Dann laufen wir über lange Brücken aus Holzplanken, die sich entlang des Baches und über feuchte Moorflächen winden. Die Umgebung verleiht der Fantasie des Kindes Flügel. »Ich habe gerade einen Zauberer gesehen, der hat im Fluss gebadet und trocknet sich jetzt in der Sonne«, erzählt unsere Tochter begeistert und zeigt auf eine Figur, mit langem Bart und spitzem Hut, die einem Baumstamm zu entwachsen scheint.

Anders als sonst beim Wandern müssen wir unsere Tochter hier nicht mit der Aussicht auf den Gipfel-Snack antreiben oder mit Spielchen bei Laune halten. Sie rennt vor uns her und wieder zurück, nur um zu erzählen, was sie gerade entdeckt hat. »Da vorn ist eine Brücke mit Stacheln. Da müssen wir gleich drüber«, sagt sie aufgeregt und zeigt uns einen Baumstamm, der quer über dem Bach liegt.

Seine dicken Äste sehen wirklich ein bisschen aus wie Drachenstacheln. Sie sollen den Wanderern als Stützen dienen, trotzdem ist die Bachüberquerung ein Balanceakt. In der Nacht hat es geregnet, der Stamm ist glitschig, und ich bin froh, dass wir trockenen Fußes auf der anderen Seite sind. Das Kind sieht das anders. »Das war sehr lustig. Noch mal!«, ruft es begeistert.

Alles muss angeschaut und kommentiert werden

Zweieinhalb Kilometer lang ist der Bernauer »Zauberpfad«. Echte Wanderer haben für solche Distanzen nur ein müdes Lächeln übrig, zu Recht. Man könnte die Strecke ja theoretisch in einer halben Stunde schaffen. Aber als Eltern kleiner Stadtkinder freut man sich über solche Kurztrips; garantieren sie doch, dass man ohne »Ich kann nicht mehr«-Gejammer wieder ans Ziel kommt und trotzdem ein bisschen Wandergefühl in den Waden hat.

Und wenn man mit einer Dreijährigen unterwegs ist, verschmelzen Zeit und Raum sowieso zu einem Kontinuum: Man muss alle paar hundert Meter anhalten, und sei es, weil eine Weinbergschnecke den Weg kreuzt. »Guck mal Mama, die hat ihr Haus auf dem Rücken festgenäht«, ruft die Tochter. »Meinst du, die hat da auch ein Sofa drin?«

Wir jedenfalls haben nach 45 Minuten gerade mal die Hälfte des Weges geschafft. Rings um den Zauberpfad sprießen Farne, Pilze und Blumen, an einer Stelle schwebt ein Wasserrad über dem Bach, woanders stehen Bäume mit Gucklöchern am Wegrand. Alles muss angeschaut, kommentiert und weitererzählt werden. »Es läuft«, denke ich zufrieden.

Unterwegs auf Zauberpfaden: Dreijährige mit Wanderdrang

Unterwegs auf Zauberpfaden: Dreijährige mit Wanderdrang

Foto: Claas Nagel

Wer mit kleinen Kindern unterwegs ist, hat im Schwarzwald gute Karten. Denn egal, auf welchem Hügel man unterwegs ist, man landet früher oder später auf einen Themenweg. Fast all diesen Wegen ist gemein, dass die Kinder beim Wandern Aufgaben lösen oder Gegenstände suchen sollen, die ein märchenhafter Waldbewohner verloren hat. Dabei werden sie meist recht zuverlässig vom eigentlichen Zweck des Familienausflugs abgelenkt: dem Wandern. In Todtnauberg etwa begleitet man einen Bergtroll über Wald und Wiesen, am Feldberg kann man über einen »Wichtelpfad« schlendern und an der Ravennaschlucht mit Ameisen auf Spurensuche gehen.

Themenwege sind nicht nur für Kinder

»In den vergangenen Jahren sind bei uns zahlreiche solcher Wege entstanden«, sagt Stephan Seyl vom Schwarzwaldverein. Der Verein betreut 24.000 Kilometer Wanderwege. Wie viele davon mit einem speziellen Thema daherkommen, weiß auch Seyl nicht genau, denn die Streckenführung und die fantasievolle Namensgebung liegt bei den Gemeinden. »Aber Themenwege sind ein großer Trend – nicht nur bei Familien mit Kindern«, sagt er. »Wir merken seit einigen Jahren, dass auch viele Erwachsene lieber einen Rundweg laufen, der einen schön klingenden Namen hat – wie etwa der ›Lebküchler-Weg‹.«

Schließlich verspricht ein Themenweg auch Erwachsenen neben einer überschaubaren Kilometerzahl nette Zusatzerlebnisse, die über die schöne Aussicht hinausgehen: hölzerne Sonnenliegen etwa, bunte Infotafeln oder Landschafts-Bilderrahmen. Auch das Name-Dropping der Wege trägt zu ihrem Erfolg bei, glaubt Seyl. »Die Leute können später zu Hause erzählen: ›Wir sind den Lebküchler-Weg gewandert.‹ Das klingt besser als: ›Wir sind 20 Kilometer durch den Schwarzwald gelaufen.‹«

»Genau so habe ich mir als Kind einen Märchenwald vorgestellt.«

Förster Andreas Mutterer

Das ist auch Andreas Mutterer vor ein paar Jahren aufgefallen. »Vielen Menschen fällt es heutzutage schwer, sich in der Natur selbst kreativ zu beschäftigen«, sagt der Förster aus Bernau. »Die sind dankbar, wenn man sie anleitet.« Mutterer hatte vor einigen Jahren die Idee zu dem »Zauberpfad«. »Jedes Mal, wenn ich durch diesen Teil meines Reviers gegangen bin, habe ich gedacht: Genau so habe ich mir als Kind einen Märchenwald vorgestellt«, sagt er.

Mutterer hat viel Zuspruch für seinen Weg bekommen. »In den vergangenen Jahren ist sogar ein regelrechter Run darauf entstanden«, sagt er, doch es klingt ein wenig bekümmert. »Im Sommer laufen da an manchen Wochenenden bis zu tausend Leute lang.« Auch bei unserer Ankunft an diesem frühen Samstagmorgen standen schon zahlreiche Familienkutschen auf dem Parkplatz. Väter wuchteten geländegängige Buggys aus dem Kofferraum, Mütter fütterten ihre Kinder noch schnell mit Bananenstücken.

»Durch die vielen Menschen geht dem Weg natürlich auch etwas vom Zauber verloren«, sagt Mutterer. Er rät, sich am besten kurz vor Sonnenuntergang auf den Weg zu machen oder an einem Vormittag unter der Woche. »Oder nach einem Regen, da ist es am allerschönsten«, sagt er. Und dann schwärmt er von dem Wald- und Wiesengeruch, von Licht und Schatten, von Hell und Dunkel. »So etwas Einzigartiges, das vergisst du nie mehr.«

Erklärtafeln am Wegesrand: Nebenbei etwas gelernt

Erklärtafeln am Wegesrand: Nebenbei etwas gelernt

Foto: Claas Nagel

Wir sind inzwischen auf der Sonnenseite des Zauberpfades angekommen, haben den Wald verlassen und sind auf einen Feldweg eingebogen. Auf der Wiese blühen Butterblumen und Margeriten, in der Ferne muhen Hinterwälder-Rinder. Das Kind hält Ausschau nach einheimischen Tieren, deren hölzerne Silhouetten im Unterholz versteckt sind – und nach einer Bank, auf der es Pause machen kann.

Auch wir freuen uns auf ein Picknick in der Sonne. »Aber bitte nicht zu lange sitzen bleiben, wir wollen ja noch weiterwandern«, ermahnt mich mein Kind. Es klingt fast so, als würde ich mit ihr sprechen. Vielleicht liegt der Zauber dieses Wanderweges ja darin, dass er mit ein paar Funken Magie die Rollen neu verteilt.

Zauberpfad

Länge: 2,5 Kilometer

Start: Parkplatz Loipenzentrum Bernau, Ortsteil Oberlehen

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Weitere schöne Familienwege im Schwarzwald

Wald- und Sinnespfad Horneradsch, Todtnauberg: Wenn man sein Ohr fest an den Baumstamm presst, hört man Klopfzeichen. Sie kommen vom anderen Ende des Baumstamms, wo das Kind klopft und pocht, reibt und kratzt. Der Bergtroll Horneradsch ist der Guide auf diesem Weg und führt an viele solcher Stationen zum Staunen, Entdecken und Ausprobieren. Auch ein Insektenhotel ist dabei – und ein Spielplatz. Wer nach der Wanderung noch Kraft hat, tobt sich im Ort auf einem Pumptrack (für Kinder) oder einem Fitnesstrack (für Erwachsene) aus.

Länge: 2,5 Kilometer

Start: Parkplatz Radschert, 79674 Todtnau

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Schlühüwanapark Grafenhausen: Der unaussprechliche Schlühüwanapark liegt Eltern-Kind-gerecht zwischen der Brauerei Rothaus und dem Badesee Schlüchtsee. Der knapp drei Kilometer lange Rundweg führt an verschiedenen Stationen und Holzskulpturen vorbei – inklusive Barfußpfad, Waldxylofon und Tierweitsprung. Auf die Skulpturen darf man klettern – was Kinder ab etwa vier Jahren großen Spaß macht. Die Skulpturen sind aus den Wurzeln und Baumresten des Orkans Lothar geschnitzt, der 1999 allein im Gebiet Grafenhausen 30.000 Bäume zerstört hat. Zum Park gehört auch ein Biergarten direkt am Schlüchtsee – und im See ist Schwimmen erlaubt!

Länge: 2,6 Kilometer

Start: Parkplatz Tourist-Info Grafenhausen

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Kuckys Vogelwelt, Lenzkirch: Das Hochschwarzwälder Maskottchen Kucky begleitet die Familienwanderung und erklärt an verschiedenen Spielstationen und Infotafeln die Welt der heimischen Vögel. Zur Tour gehört neben einer Spechte-Ecke, Kletterstämmen und einem Naturmemory auch ein schöner Spielplatz mit Picknickplatz. In der Tourist-Info können Familien unter anderem eine Kinderrückentrage und einen Forscherrucksack  mit Lupe, Fernglas & Co. ausleihen.

Länge: circa 3,2 Kilometer

Start: Parkplatz Schloss Urach-Straße

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Zauberweg am Hasenhorn, Todtnau: Im Wald herrscht große Aufregung, denn zwei Wichtel haben ihren Zauberstein verloren – und ohne den könnte der Wald seine Farbe verlieren. Die Kinder sollen bei der Suche helfen. Bergauf zum Hasenhorn schaukelt man gemütlich mit dem Sessellift, bergab geht es vorbei an Spielstationen, Schnitzereien und einer Höhle. Die Geschichte wird in Comic-Form auf Infopulten erzählt. Wer mag, packt ein paar Würstchen in den Rucksack, denn kurz vor dem Ziel kommt man an einem schönen Grillplatz vorbei.

Länge: 4,4 Kilometer

Start: Bergstation Hasenhorn Sessellift

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Ameisenpfad, Rötenbach: Entlang des Rötenbachs wandert man durch eine wilde Schlucht mit vielen Wasserfällen und kleinen Brücken. Ameise Amina führt von Station zu Station und verrät dabei Details aus ihrem Leben. Der schmale Pfad schlängelt sich auch durch das Naturschutzgebiet »Rötenbacher Wiesen«, wo sich besonders im Frühsommer viele Pflanzen und Tiere entdecken lassen. Wer gerne auf Schatzsuche geht, kann die Tour auch mit einem Geocaching verbinden. Geräte mit Anleitung leiht die Tourist-Info  aus.

Länge: 4,7 Kilometer

Start: Wanderparkplatz Hardt

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Wichtelpfad Feldberg: Entlang des Pfades sucht eine Truppe von Wichteln nach Anton, dem Auerhahn. Auf der Suche nach dem Gockel begegnen die Wichtel Gnomen und Waldfeen. Die Tour dauert rund zwei Stunden und endet an einem Waldspielplatz. Auf der Website des Naturschutzzentrums  kann man sich ein kleines Quiz herunterladen mit Fragen zum Leben des Auerhuhns. Die Antworten finden sich auf Tafeln entlang des Wichtelpfades.

Länge: circa 2 Kilometer

Start: Café Waldvogel, Feldberg (Nähe Haus der Natur)

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Stéphanie Souron ist freie Autorin des SPIEGEL. Die Reise wurde von Schwarzwald Tourismus unterstützt.

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