Tourismus-Boom in Deutschland Berlin hängt Rom ab

Der Tourismusbranche in Deutschland geht es gut wie lange nicht. Das Geld der Kunden sitzt locker, Hotels müssen weniger Mehrwertsteuer abführen, und Urlaub daheim gilt nicht mehr als spießig. Investoren reagieren auf den Trend - und stecken in diesem Jahr viel Geld in neue Hotels.
Tourismus-Boom in Deutschland: Berlin hängt Rom ab

Tourismus-Boom in Deutschland: Berlin hängt Rom ab

Foto: Jens Wolf/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Der neue deutsche Tourismusboom haucht sogar der größten Ruine des Landes neues Leben ein. Auf mehr als fünf Kilometern erstrecken sich die Reste des alten Nazi-Ferienkomplexes Prora am Strand der Ostseeinsel Rügen. 20.000 Menschen sollten nahe dem mondänen Kurort Binz gleichzeitig ihren Urlaub verbringen. Das verhinderte der Zweite Weltkrieg. Seither schien es undenkbar, dass es tatsächlich einmal Touristen in größerer Zahl in den fünfgeschossigen Betonkoloss ziehen könnten.

In Juli dieses Jahres allerdings will das Deutsche Jugendherbergswerk seine neue Unterkunft in der Anlage eröffnen - mit immerhin 500 Betten. "Die längste Jugendherberge der Welt" sei da im Entstehen, verkündet der Bauherr. Komplett entkernt, gedämmt und mit bunten Möbeln ausgestattet, soll das noch vor kurzem gespenstisch anmutende Bauwerk Jugendliche, Familien und Individualisten anziehen.

Optimistisch sind die Macher auch, weil die gesamte Tourismusbranche in Deutschland derzeit kräftigen Rückenwind verspürt. Urlaub in der Bundesrepublik boomt seit einigen Jahren wie nie zuvor, und Mecklenburg-Vorpommern zählt zu den wachstumsstärksten Regionen.

Bereits 2010 dürfte als Rekordjahr in die Geschichte eingehen. Um etwa drei Prozent haben die Übernachtungen bundesweit zugelegt, auf hochgerechnet etwa 380 Millionen im Jahr. Die Zahlen für das Gesamtjahr hat das Statistische Bundesamt noch nicht vorgelegt. Und der Aufschwung soll sich fortsetzen. In einer Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), gaben jüngst 53 Prozent der Befragten an, sich in diesem Jahr eine Reise innerhalb Deutschlands vorstellen zu können. Vor drei Jahren waren es den Angaben zufolge nur 44 Prozent.

Umsatz erreicht 60-Milliarden-Marke

"Der Tourismus in Deutschland wird auch in diesem Jahr kräftig zulegen", sagte der Sprecher des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Torsten Schäfer. Das legten allgemeine konjunkturelle Trends sowie die bisher vorliegenden Buchungszahlen der DRV-Mitglieder nahe. Der Verband bündelt die Interessen der Reiseveranstalter wie TUI oder Thomas Cook, die zumeist im Geschäft mit weltweiten Reisezielen aktiv sind.

Zuversichtlich gibt sich auch der deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). "Wir erwarten klare Zuwächse", sagt eine Verbandssprecherin. Der Umsatz in der Branche dürfte ihren Angaben zufolge um 1,5 bis 2 Prozent auf knapp 60 Milliarden Euro steigen.

"Die geringe Arbeitslosigkeit und steigende Einkommen stimmen die Unternehmen optimistisch", sagt DRV-Mann Schäfer. Zudem habe die Attraktivität Deutschlands seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 im In- und Ausland erheblich zugenommen. Zudem profitieren die Hotels von der Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent zum Jahresbeginn 2010.

Tourismuskonzerne suchen verstärkt im Osten nach Arbeitskräften

Die großen Reisekonzerne haben den Trend längst erkannt. "Die Veranstalter bauen ihr Deutschland-Angebot extrem aus", sagt Schäfer. In zunehmendem Maße sei es möglich, den Deutschland-Urlaub über Kataloge zu buchen. Dies ist traditionell vor allem bei Fernreisen üblich.

Marktführer TUI bestätigt die Entwicklung. "Aktuell entwickelt sich Deutschland bei uns sehr gut und liegt sowohl für den Winter als auch den Sommer 2011 zweistellig im Plus", heißt es im Unternehmen auf Anfrage. Inzwischen belege Deutschland im internen TUI-Ranking der beliebtesten Reiseziele bereits Rang zwei hinter Spanien.

Das Unternehmen setzt seit dem Jahr 2000 besonders stark auf Deutschland, als es in Mecklenburg-Vorpommern das etwa 220 Millionen Euro teure "Land Fleesensee" eröffnete, die mit 2000 Betten bis heute größte Ferienanlage der Republik. Auch bei Hauptkonkurrent Thomas Cook sowie den Billiganbietern der Supermärkte wie Rewe (DER-Gruppe) oder Aldi (TUI-Tochter Berge und Meer) steht Deutschland hoch im Kurs.

Dabei verzeichnen die einzelnen Regionen unterschiedliche Entwicklungen. Während Flächenländer wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder das wichtigste Ferienbundesland Bayern zuletzt nicht vom allgemeinen Aufschwung profitierten, legten die Regionen an Nord- und Ostsee sowie Stadtstaaten kräftig zu.

Berlin hinter London und Paris

So schraubte sich Berlin mit 20 Millionen Übernachtungen 2010 jüngst an Rom vorbei auf Platz drei der beliebtesten Stadtreiseziele in Europa. Vorn liegen London (45 Millionen) und Paris (33 Millionen).

Einen kometenhaften Aufstieg hat auch Mecklenburg-Vorpommern hingelegt. Das Land mit gerade einmal 1,65 Millionen Einwohnern verzeichnete 2009 gut 28 Millionen Übernachtungen und hat Hauptkonkurrent Schleswig-Holstein längst hinter sich gelassen. Knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung im Land entfallen bereits auf den Tourismus.

Entsprechend zuversichtlich geben sich die Anbieter mit Blick auf den deutschen Nordosten, für TUI ist Mecklenburg-Vorpommern bereits die wichtigste Region hierzulande. In diesem Jahr eröffnen Hotels und Ferienanlagen mit einem Volumen von etwa 250 Millionen Euro ihre Türen. Steigenberger investiert 50 Millionen Euro in ein neues Haus in Heringsdorf, der Konzern Upstalsboom baut ein Vier-Sterne-Hotel in Kühlungsborn. Auch die Gästehäuser im lange totgesagten Heiligendamm kommen nach und nach auf den Markt.

Gerade in Mecklenburg zeigt sich aber auch, dass die Tourismusbranche durch den Boom erste Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Arbeitskräften bekommen könnte. Knapp 80 Prozent der befragten Betriebe aus dem Gastgewerbe im Nordosten gaben an, mehr Ausbildungsplätze als Bewerber zu haben. In ganz Deutschland beläuft sich der Wert auf 43 Prozent.

Auch ausgebildete Fachkräfte lassen sich nicht mehr so leicht wie vor einigen Jahren für die Jobs gewinnen, die vielfach durch Mini-Löhne und schlechte Arbeitszeiten ins Gerede gekommen sind. "Es wird schwieriger, Personal zu finden", sagt Dehoga-Geschäftsführerin Sandra Warden. Zuwanderer könnten das Problem nicht allein lösen, ist die Arbeitsmarktexpertin überzeugt - Deutschland konkurriere mit zahlreichen anderen Staaten um die Fachkräfte.

Manche Unternehmen hoffen nun aber, dass die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten ab Mai 2011 die Lage verbessert. "Die Arbeitnehmerfreizügigkeit für neue EU-Staaten ist grundsätzlich hilfreich", heißt es bei TUI. Zusammen mit den Arbeitsagenturen sucht der Konzern im Osten nun nach neuen Mitarbeitern, damit der Boom im Deutschlandgeschäft nicht ins Stocken gerät.

Mit Material von dpa
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