Umsatzrückgang im Tourismus Terror dämpft Reiselust der Deutschen

Erstmals seit Jahren schrumpft der deutsche Reisemarkt. Terroranschläge und politische Krisen halten viele Bundesbürger offenbar von Pauschalreisen ab. Doch das Fernweh scheint zurückzukommen.

Leerer Konyaalti-Strand in Antalya (Juni 2016)
DPA

Leerer Konyaalti-Strand in Antalya (Juni 2016)


Anschläge in beliebten Tourismusregionen und politische Spannungen wie in der Türkei haben das Reiseverhalten der Bundesbürger verändert. Erstmals seit Jahren ist der deutsche Reisemarkt geschrumpft. Zwar boomten 2016 Spanien, Italien oder Deutschland. Doch die Bundesbürger mieden die Türkei, Ägypten und Tunesien - das hinterließ Spuren.

Der Umsatz der Reiseveranstalter in Deutschland sank um drei bis vier Prozent auf etwa 26,3 Milliarden Euro, wie erste Berechnungen des Branchenverbandes DRV zeigen. Anschläge und Krisen hätten die Welt und die Touristik erschüttert, fasst DRV-Präsident Norbert Fiebig das Jahr zusammen.

Die Zahl der Reisetage sank leicht um 0,3 Prozent auf 1,67 Milliarden, wie aus einer Befragung im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) hervorgeht. Weltweit hatte es einen massiven Rückgang zuletzt in der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 gegeben.

Deutliche Kratzer in der Bilanz hinterließ die Türkei-Krise bei Europas zweitgrößtem Reiseveranstalter Thomas Cook, der in Deutschland Marktführer für Reisen in das Land am Bosporus ist. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verdiente Thomas Cook unterm Strich neun Millionen Pfund und damit nur knapp halb so viel wie ein Jahr zuvor.

Die Aussichten für Türkei-Reisen scheinen auch für 2017 gedämpft - schon vor den jüngsten Anschlägen in dem Land, bei denen es erneut Tote gab. "Die kurzfristigen Buchungen liegen teils über dem Vorjahresniveau. Unser Problem sind die längerfristigen Buchungen", sagte die Deutschland-Chefin von Thomas Cook, Stefanie Berk, jüngst der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Blick auf die Türkei.

Auch Europas Branchenprimus TUI bekam die Turbulenzen nach Anschlägen und dem gescheiterten Militärputsch in dem bei Bundesbürgern einst so beliebten Reiseland am Bosporus zu spüren. "Wir hatten insgesamt mehr Kunden als im Vorjahr, aber eine Million weniger in der Türkei", berichtete TUI-Chef Fritz Joussen bei der Vorlage der Bilanz.

Immerhin im Ägypten-Geschäft deutet sich eine Trendwende an. Viele Veranstalter haben dem DRV zufolge ihr Angebot für das Land am Nil wieder ausgebaut. Sie hoffen, dass die Nachfrage anzieht. "Erste Tendenzen in diese Richtung sind erkennbar", sagt Verbandspräsident Fiebig.

Immerhin: Reiselust für 2017 steigt

Auch die Forscher der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sehen in den aktuellen Zahlen für das wichtige Sommergeschäft eine "vielversprechende Tendenz". Für verlässliche Prognosen sei es zwar noch zu früh, die Vorzeichen seien aber recht gut. Einschließlich November verzeichnen die Reisebüros ein Plus von 9 Prozent. Vor einem Jahr lagen die Buchungen für die Sommersaison noch 5 Prozent im Minus, wie aus der monatlichen Auswertung der GfK für die Fachzeitschrift "fvw" hervorgeht.

Der BTW rechnet für das kommende Jahr mit einem Anstieg um 0,9 Prozent - eine einigermaßen stabile Sicherheitslage vorausgesetzt. "Die Menschen haben trotz vieler globaler und gesellschaftlicher Herausforderungen ihre Reisefreude nicht verloren", sagte BTW-Präsident Michael Frenzel.

"Die Menschen werden immer noch in den Urlaub fahren, sie ändern nur die Urlaubsart und die Destinationen", sagt Paco Buerbaum, Chef des Forschungsinstituts IPK International, voraus. "Sie fahren an Orte, die sie als sicher wahrnehmen."

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Dazu zählten 2016 laut dem Statistische Bundesamt Destinationen wie die Kanaren oder die Karibik. Beliebtestes Ziel war Spanien. Dorthin flogen von April bis Oktober 9,84 Millionen Passagiere, wie eine aktuelle Auswertung des Sommerflugplanes zeigt. Die Kanaren steuerten 1,7 Millionen Menschen von einem deutschen Flughafen an, das war ein Zuwachs um mehr als 16 Prozent.

Um knapp 29 Prozent auf 283.000 stieg die Zahl der Fluggäste mit einem Ziel in der Karibik, wie die Statistiker erklärten. In die USA flogen fast 3,6 Millionen Passagiere aus Deutschland. Verlierer bei den deutschen Touristen waren in diesem Sommer die Türkei und Ägypten.

Eine Datenanalyse von SPIEGEL ONLINE belegt, dass die Auswirkungen von Terrorismus auf den Tourismus häufig nur von kurzer Dauer sind.

Nutzen Sie die Schaltflächen im Kopf des Diagramms, um zwischen den Orten zu wechseln. Terroranschläge und politische Umbrüche sind durch Kreise markiert und mit kurzen Informationen zu den Ereignissen beschriftet (auf Mobilgeräten durch Antippen der Kreise aufrufbar). Da Tourismuszahlen stark saisonabhängig sind, zeigt eine saisonbereinigte Darstellung mittel- und langfristige Trends deutlicher. Nutzen Sie hierzu die Buttons unterhalb des Diagramms.

In der Analyse zeigte sich, dass neben den meist zu beobachtenden kurzen und starke Rückgängen der Besucherzahlen, die gefühlte Reisesicherheit von größter Bedeutung ist. Dass der Tourismus unter den Folgen von Anschlägen stark leidet, ist häufig gerade das Kalkül der Terroristen, die mittelbar damit auch die Wirtschaft und die Stabilität eines Landes treffen wollen. In den vergangenen Jahren ließen sich die Menschen aber den Spaß am Reisen dadurch meist nicht nehmen. Trotz Terrorangst gab es immer wieder weltweite Umsatzrekorde im Tourismus und steigende Zahlen bei den Reisetagen.

jus/dpa/AFP

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