Nancy Engels, Geschäftsführerin des Hotels Hitthim
Nancy Engels, Geschäftsführerin des Hotels Hitthim
Foto: Jens Büttner / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Tourismusstart in Mecklenburg-Vorpommern »Die Gäste würden auch eine Besenkammer nehmen«

Seit November war ihr Hotel geschlossen, jetzt kann Nancy Engels es wieder öffnen. Endlich. Aber auch ohne Gäste war Hiddensee ganz schön.
Ein Interview von Antje Blinda

SPIEGEL: Sie sind Geschäftsführerin eines Hotels mit Zimmern, Ferienwohnungen und Restaurant. Seit vergangenem Freitag dürfen wieder Gäste aus Mecklenburg-Vorpommern bei Ihnen auf Hiddensee übernachten, ab kommenden Freitag aus ganz Deutschland. Wie ist die Lage?

Nancy Engels: Wir haben erst seit Montag geöffnet, früher haben wir es nicht geschafft. Jetzt läuft es ruhig an, ab Freitag sind wir schon sehr gut gebucht. Gäste sagen, sie würden auch eine Besenkammer nehmen, das sei ihnen völlig egal, Hauptsache, sie könnten reisen. Ich staune immer wieder: Die Leute nehmen die Auflagen mit den Tests wirklich in Kauf.

SPIEGEL: Und Ihre Stimmung?

Engels: Dieses ganze Hin und Her war nicht schön, erst hieß es, am 7. Juni darf geöffnet werden für Urlauber aus Mecklenburg-Vorpommern und ab 14. Juni für alle aus den anderen Bundesländern. Ich habe tagelang gesessen, habe Buchungen stornieren, wieder neu buchen müssen, zum Teil waren Gäste verärgert. Aber wir haben es gut hingekriegt. Die Kellner sind auch zufrieden, dass wir jetzt schon aufmachen können und die Prozeduren mit den Auflagen in Ruhe üben können.

Segelboote in Kloster: Sieben Monate waren die Hiddenseer unter sich

Segelboote in Kloster: Sieben Monate waren die Hiddenseer unter sich

Foto: imageBROKER/Stephan Schulz / imago images/imagebroker

SPIEGEL: Was sind die Auflagen?

Engels: Die Gäste können zwar ohne negativen Test auf die Insel, brauchen aber einen, um das Hotel zu betreten, und dann alle drei Tage einen neuen. Wenn sie im Restaurant an einem Tisch drinnen sitzen möchten, weil es abends doch ein bisschen kühler wird, dann müssen sie einen negativen Test vorweisen, der nicht älter als 24 Stunden ist. Auf der Terrasse benötigen die Gäste das nicht. Geimpfte müssen keine Tests vorzeigen. Jetzt wurden gerade wieder die Bedingungen für die Ferienwohnungen geändert, dort muss jetzt nur zur Anreise ein Test vorgelegt werden – oder eben bei einem Restaurantbesuch.

SPIEGEL: Das klingt kompliziert...

Engels: Ja, wirklich. Auch wenn viele Gäste bestens informiert sind, muss man anderen sehr deutlich sagen, dass wir uns strikt daran halten. Wir sind ja froh, dass wir wieder öffnen dürfen. Unsere Gemeinde ist sehr gut vorbereitet und hat sich wirklich Gedanken gemacht.

SPIEGEL: Wie ist die Insel mit Teststellen ausgestattet?

Engels: Wir haben hier in jedem Ort im Hafen ein Testzentrum, und in Schaprode auf Rügen, wo die Fähre nach Hiddensee ablegt, soll auch eins eröffnet werden. Die Gäste können ihren Test direkt zum Hotel schicken lassen. Wir als Hiddenseer waren vergangene Woche schon mal alle da zum Testen, damit die Gemeinde üben kann.

SPIEGEL: Also zum Testtesten…

Engels: Ja, genau. Wir hoffen alle, dass das nicht allzu lange nötig ist. Das größte Problem ist, dass die Innengastronomie praktisch nicht im vollen Umfang genutzt werden kann. Die Menschen wollen einfach nicht jeden Tag zum Testzentrum laufen.

SPIEGEL: Die Gemeinde Hiddensee hat versucht, ähnlich wie Gebiete in Schleswig-Holstein eine Modellregion in Mecklenburg-Vorpommern zu werden – um so früher Unterkünfte und Gastronomie zu öffnen. Alle Insulaner und Insulanerinnen sollten geimpft werden, Urlauber und Urlauberinnen nur mit Test auf die Insel. Das hat nicht geklappt. War die Enttäuschung groß auf der Insel?

Engels: Ach, das war gemischt. Dann hätte es auch ganz schnell gehen müssen, so wie jetzt. Aber wir hätten alle mitgemacht und uns auch über Öffnungen an den Feiertagen gefreut. Der Bürgermeister hat zweimal einen Antrag gestellt, aufgrund der Insellage hätte das gut funktioniert.

»Das war ein bisschen ein Lotterleben.«

SPIEGEL: Ihr Hotel war sieben Monate geschlossen – wie haben Sie Ihre Zeit verbracht?

Engels: Wir haben zehn Mitarbeiter, die alle in Kurzarbeit waren. Wir haben hier ein bisschen aufgefrischt, dort noch mal etwas hübsch gemacht und Ferienwohnungen gestrichen. Alles, was wir sonst nicht in dem Umfang hätten machen können. Ich war die Einzige im Büro und mit den Stornierungen beschäftigt. Morgens hatte ich eine Rufumleitung aufs Handy und bin dann vielleicht erst um 10 Uhr ins Büro und um 13 Uhr wieder nach Hause gegangen. Das war ein bisschen ein Lotterleben.

SPIEGEL: Das ist ja eher selten in der Hotellerie und Gastronomie.

Engels: Ja. Als es hieß, wir dürfen jetzt öffnen, konnte ich eine Woche lang nachts kaum schlafen. Weil noch so viel zu tun war und alles hundertprozentig fertig sein sollte. Aber wir sind gut organisiert, jeder bringt sich mit Ideen ein.

Hotel Hitthim am Hafen von Kloster: 1907 erbaut, seit 1910 ein Gasthof mit Schanklizenz

Hotel Hitthim am Hafen von Kloster: 1907 erbaut, seit 1910 ein Gasthof mit Schanklizenz

Foto: imageBROKER/Werner Dieterich / imago images/imagebroker

SPIEGEL: Sind Sie die ganze Zeit auf Hiddensee geblieben?

Engels: Ich war in der Zeit vielleicht drei-, viermal auf Rügen oder dem Festland, wenn ich Termine hatte. Wir wollten gar nicht weg, hier haben wir uns sicher gefühlt. Was will man auch in einer großen Stadt, die Läden waren geschlossen, und treffen durfte man sich auch nicht.

SPIEGEL: Allerdings gab es auch auf Hiddensee Coronainfektionen.

Engels: Ja, wir hatten auch mal eine Inzidenz von um die 800. Wenn es hier einen Fall gibt, dann geht das auch rum. Das war aber auch schnell wieder vorbei.

SPIEGEL: Und wenn man bei 1000 Einwohnern auf der Insel die Fälle auf 100.000 hochrechnet, kommt man auch auf extreme Zahlen. Wie war das Inselgefühl so ohne Urlauber?

Engels: Man darf das vielleicht gar nicht so sagen – aber es war auch mal sehr schön! Beim letzten Lockdown haben die Hiddenseer Fotos von der Insel über WhatsApp geschickt, die hätten sie sonst niemals gemacht: vom Sonnenuntergang, dem Bodden, dem Ginster. Alle haben die Insel viel mehr genossen, hatten Zeit dafür und keinen Stress. Ich habe einen Hund und gehe auch sonst spazieren. Aber in den Monaten habe ich niemanden gesehen, oder wenn doch, ihn dann gegrüßt – weil es ja nur ein Hiddenseer sein konnte. Wir haben aber auch viele Anrufe von Stammgästen gehabt, die sagten: »Wie geht es Ihnen? Können wir Ihnen helfen? Sollen wir schon etwas überweisen?« Das war rührend.

SPIEGEL: Wie hat Ihr Hotel die Zeit finanziell überstanden?

Engels: Die letzte Sommersaison war sehr gut, das hat uns über den Winter geholfen. Wir hatten zwar erst am 18. Mai aufgemacht, aber dann hat es geknallt, so viele Gäste hatten wir noch nie. Wir haben aber auch das Glück, dass wir ein großes Grundstück haben. So konnten wir draußen die Tische so stellen, dass wir die Mindestabstände einhalten konnten und praktisch keinen Verlust hatten. Dann gab es auch ein paar Hilfen. Jetzt wird es wirklich Zeit, dass wir wieder öffnen können. Das Wetter muss aber auch mitspielen, da die Innengastronomie aufgrund der Auflagen eher schlecht laufen wird.

SPIEGEL: Hiddensee hat da doch die besten Voraussetzungen.

Engels: Ja, wir sollen die sonnenreichste Insel Deutschlands sein – da streiten wir uns aber mit den Usedomern.