Verbraucherzentralen Fluggesellschaften ignorieren Passagierrechte

Airlines missachten bei Flugausfällen oder -verspätungen häufig die Rechte ihrer Passagiere. Nach einer Umfrage der Verbraucherzentralen ist es Geschäftspraxis, berechtigte Ansprüche einfach auszusitzen. Nur drei Prozent der Befragten bekamen problemlos Entschädigungen.


Berlin - Trotz verbesserter Passagierrechte verweigern zahlreiche Airlines ihren Kunden systematisch Entschädigungen für verspätete und ausgefallene Flüge. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der bundesweiten Verbraucherzentralen unter 1122 Betroffenen von Flugstörungen.

Auch fünf Jahre nach dem Inkrafttreten der EU-weiten Fluggastrechte drücken sich Airlines häufig mit "Taschenspielertricks und Verweigerungshaltung" vor Ersatzansprüchen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Verbraucherzentrale Berlin, Jürgen Keßler. Bundesweit melden die Beratungsstellen eine steigenden Zahl an Beschwerden.

Zwar haben Fluggäste bei Verspätungen, Annullierungen oder anderweitiger Nichtbeförderung seit 2005 je nach Strecke und Zeitverzug das Recht auf Verpflegung und Unterkunft sowie in besonders drastischen Fällen auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro und alternative Beförderung durch die Airline. Mit ihren Beschwerden stoßen sie bei den Fluggesellschaften jedoch häufig auf taube Ohren.

"Es ist grundsätzliche Geschäftspraxis, dass berechtigte Ansprüche von den Airlines einfach ausgesessen werden", sagte Keßler. Dies betreffe alle Airlines und nicht nur einzelne schwarze Schafe. Demnach konnten acht von zehn Betroffenen den Kundenservice ihrer Airline nicht erreichen oder klagten über unzumutbare Bearbeitungszeiten, nur drei Prozent konnten ihre Rechte reibungslos durchsetzen.

Ein Fünftel der Fluggesellschaften reagierte gar nicht

Mehr als die Hälfte der Befragten sei von der Fluggesellschaft zudem erst gar nicht über ihre Rechte informiert worden. In 37 Prozent der Fälle sei von den Fluggesellschaften nichts aus Ausgleich angeboten worden. Auf Beschwerden hätten die Gesellschaften in 22 Prozent der Fälle nicht reagiert. 32 Prozent gaben an, die Antwort habe länger als ein Monat auf sich warten lassen. Keßler riet betroffenen Kunden, Verbraucherzentralen zu informieren und gegebenenfalls vor Gericht zu ziehen, denn oft würden "rechtskräftige Urteile mit Vergleichen vermieden, um Präzedenzfälle zu vermeiden".

Die Umfrage, die vom Bundesverbraucherministerium finanziert wurde, ist nicht repräsentativ. Sie decke sich aber mit den Erfahrungen der Verbraucherzentralen, berichtete Rainer Radloff von der Verbraucherzentrale Brandenburg.

Verkehrsexperte Holger Krawinkel forderte die Luftfahrtunternehmen auf, sich endlich an der Schlichtungsstelle öffentlicher Personenverkehr zu beteiligen. Seien sie dazu nicht bereit, müssten sie per Gesetz dazu gezwungen werden. Die vor einem Jahr gegründete Schlichtungsstelle wird bislang von der Deutschen Bahn und einigen ihrer Konkurrenten getragen.

Erst kürzlich hat eine Untersuchung, die die Grünen-Bundestagsfraktion bei der Inkassogesellschaft EUClaim in Auftrag gegeben hatte, ergeben, dass hunderttausende Flugreisende in Deutschland die Zahlungen offenbar nicht in Anspruch nehmen - obwohl sie ein Recht darauf hätten.Demnach hätten im vergangenen Jahr täglich bis zu 5000 Fluggäste Grund für eine Entschädigungsforderung gehabt. Das Luftfahrtbundesamt bekommt in diesem Zusammenhang aber nur zwischen 3000 und 4000 Beschwerden pro Jahr auf den Tisch.

fro/dapd



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.