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Bulli-Treffen in Europa: Liaison fürs Leben

Foto: Oliver Lück

VW-Bulli-Fans Mein Bus ist meine Burg

Zwischen Freiheit und Häuslichkeit: Jeden Sommer reist ein Nomaden-Paar aus Niedersachsen mit seinem VW-Bulli übers Land - und feiert mit Gleichgesinnten seine Liebe zu diesem Bus-Klassiker. Denn nichts ist lässiger als eine rollende Einraumwohnung.
Von Oliver Lück

Heike Küsel trägt ein rotes T-Shirt, darauf steht der Schriftzug des Vereins: "VW Bus Club No Limits". Der Name soll gleichzeitig das Motto sein: ohne Grenzen. Das T-Shirt kann man in keinem Geschäft kaufen. Nur wer Mitglied ist, bekommt eines. Über das Hemd hat sich Heike Küsel eine dunkelblaue Weste mit blau-weißen Volkswagen-Logo gezogen. Das VW-Zeichen ist auf der linken Seite - auf Höhe ihres Herzens.

"Wir sind Benziner", sagt sie. Ihr Mann Thomas sitzt neben ihr und nickt. Auch er trägt die rote Vereinskluft mit dem Schriftzug. "Wir waren von Anfang an Benziner", sagt er. Jetzt nickt sie. "Ein Diesel macht kein so schönes Geräusch", weiß der 44-Jährige, das klinge eher wie ein gequältes Brüllen. Thomas Küsel arbeitet als Staplerfahrer. Und wenn er am Abend von der Schicht nach Hause kommt, kann seine Frau ihn schon hören, bevor er mit seinem feuerroten Bulli um die Ecke biegt. "Das ist ein unverwechselbares Geräusch", sagt sie, "ein gleichmäßiges, metallisches Brummen - irgendwie schön."

Die "Bullifreunde No Limits" aus Schneverdingen in Niedersachsen sind eine rot gekleidete Gruppe, die eines vereint: Sie alle fahren mit ihrem VW-Bus in den Urlaub. Die Küsels haben den Club mitgegründet, vor zehn Jahren war das. Acht Mitglieder haben sie heute, "wir waren aber schon mal mehr", sagt Thomas Küsel. Dann aber habe der eine oder andere seinen Bus verkauft, und ohne Bulli könne man ja schlecht aktives Mitglied in so einem Club sein.

Alle verbindet ein bestimmtes Lebensgefühl

20 eingetragene Bullivereine gibt es in Deutschland, dazu kommen unzählige Fanclubs, Interessengemeinschaften und private Homepages. Der VW-Bus ist längst zum Klassiker des mobilen Lebens geworden, bietet eine Mischung aus Häuslichkeit und Abenteuerlust. Und ihre Besitzer gelten als lässige Individualisten und gehören zu der Spezies im Straßenverkehr, die sich untereinander grüßen, so wie Motorradfahrer anderen Motorradfahrern winken und sich so ein kurzes Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit signalisieren.

So veranstaltet beinah jeder Club jedes Jahr ein großes Treffen, wo nostalgisch gestimmte Liebhaber ihre Busse vorführen, wo Wildfremde zusammenkommen und Nachnamen keine Rolle mehr spielen, wo Gleichgesinnte in Wagenburgen wohnen, um sich von den Reisen in ihren rollenden Trutzburgen zu erzählen. Auch die Küsels und die "No Limits" organisieren regelmäßig Wochenenden auf einem Campingplatz, der sich für einige Tage in ein kleines Bullidorf verwandelt. Und die Kaste der Busfahrer ist vielfältig: "Auf jedem Treffen hat man neue Nachbarn, es kommen Menschen aus allen Schichten", sagt Thomas Küsel.

Dieses Mal sind rund 90 aus ganz Deutschland angereist. Der Oberarzt parkt neben dem Maurer, der Beamte neben dem Arbeitslosen, man trifft ehemalige Häftlinge und Schuldirektoren - und sie alle verbindet eine gemeinsame Leidenschaft, ein bestimmtes Lebensgefühl. Ingo aus Hamburg ist in den siebziger Jahren einmal in sechs Monaten bis nach Indien gefahren. Marc aus Soltau hat vor drei Jahren eine mehrmonatige Bullitour durch Afrika gemacht. Michael aus Osnabrück erzählt die Geschichte, wie ihn frühmorgens im Norden Finnlands ein Elch weckte, der sich an seinem Wohnmobil schubberte. Es werden Landkarten hervorgeholt und die nächsten Reisen geplant.

"So ein Bus bedeutet Freiheit"

Und wenn Wolfgang Arndt aus der Nähe von Münster von seinem marineblauen Oldtimer, Baujahr 1975, spricht, leuchten seine Augen: "Das ist mein allererstes Auto, da stecken die schönsten Erinnerungen drin." Er sagt: "Wenn ich mich gut um ihn kümmere, wird mein Bulli mich in jeden Urlaub und auch immer nach Hause bringen." Halb Europa hat Arndt in seinem kompakten Reisemobil schon gesehen.

Die allererste Tour ging nach Spanien. Er war 19, hatte gerade den Führerschein gemacht. Und mit seinem fahrbaren Einzimmerappartement konnte er an den schönsten Plätzen anhalten und bleiben, wo er kochen oder schlafen wollte. Dieses Gefühl von Unabhängigkeit hat ihn damals geprägt, sagt der 42-Jährige heute. Und dann schiebt er den Satz nach, den jeder Bullifahrer nachempfinden kann: "So ein Bus bedeutet Freiheit."

Gleich neben ihm steht Peter Reimer, stolzer Besitzer eines Sondermodells, einer sogenannten Limited Last Edition. Nur 2500 Stück gibt es davon. "Seriennummer 1267", sagt der 61-Jährige. Diese Zahlen sind ihm wichtig. Und auch das Kennzeichen: SL-LE 1267. SL steht eigentlich für die Kleinstadt Schleswig in Schleswig-Holstein. Bei Familie Reimer gibt das Kürzel aber Auskunft über sehr viel mehr: "Silkes Limited Last Edition 1267", sagt Reimer und strahlt. Silke ist seine Frau. Inzwischen werden auch Mützen und Handtücher mit diesen vier Ziffern bestickt.

Eine Liaison fürs Leben

Peter Reimer fährt seit fast 30 Jahren Bulli. Das Ehepaar kann sich allerdings nicht einigen, wann es genau war, als ihr mobiles Leben in Gang gekommen ist - ob vor der Geburt des dritten Kindes oder danach. Silke Reimer erinnert aber noch, dass eines der ersten Dinge, die ihre Kinder in jungen Jahren lernen mussten, ebenso kurz wie einprägsam war: "Weg vom Lack!"

Längst sind die Kinder aus dem Haus und fahren selber Bulli. Und die Reimers verbringen mehr Zeit in ihrem Camper als zu Hause. Im letzten Jahr sind sie zum ersten Mal nach England gefahren, zum weltweit größten VW-Bus-Event ins englische Great Malvern südlich von Birmingham. 9000 Bullis und 30.000 Menschen in drei Tagen. "Das ist unser Mekka", sagt Peter Reimer. "Das war wie im Paradies", sagt seine Frau. Auf ihrer Rundreise durch Großbritannien haben sie dann auch Stonehenge und die Universität in Oxford besucht - "Orte, die wir schon immer mal sehen wollten".

Eines Tages möchten auch die Küsels in ihrem Haus auf Rädern zum "Vanfest" nach England fahren. "Doch dafür muss man sich Zeit nehmen", sagt Thomas Küsel und klopft auf das Dach seines 24 Jahre alten, durstigen Benziners. Er sagt: "Auch wenn es abgegriffen klingt: Mit so einem Auto ist der Weg das Ziel. Das ist eine andere Qualität des Reisens." In seinem Bulli taucht er in einen Zeitraum ein, der vielen anderen vorbeizischenden Autofahrern verschlossen bleibt.

In Michael Endes Buch "Momo" stellen die grauen Männer von der Zeitbank dem Mädchen Momo nach und sind ihr schließlich auf den Fersen. Doch in höchster Not fällt Momo etwas auf: Je langsamer sie geht, desto weiter bleiben ihre Verfolger zurück. Deren Schnelligkeit nützt ihnen nichts, da die Zeit plötzlich auf der Seite der Langsamen ist. Küsel kennt das Buch und das Gefühl. Er sagt: "Wenn du Bulli fährst, wirst du ruhiger. Du hast mehr Zeit und kannst mehr genießen."

Ein Bus und sein Fahrer sind eine Liaison fürs Leben, sagt Küsel: "Ohne Bus geht es nicht mehr." Seine Frau sagt nichts, sie nickt auch nicht, aber sie lächelt.

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