Foto: Patrick Kunkel/ Patrick Kunkel/ ZweiTälerLand Tourismus

Wandern im Schwarzwald Einfach losstiefeln

Zwei Mehrtagestouren im Schwarzwald machen Lust aufs Rucksackpacken. Jetzt müssen Sie sich nur noch entscheiden: Suchen Sie das kleine oder das große Abenteuer?
Von Robin Hartmann

Im Gastraum des Hotel Hirsch in dem kleinen Schwarzwald-Ort Sprollenhaus tagt der örtliche Stammtisch unter einer Sammlung ausgestopfter Tiere. Wirt Udo Treiber, dessen Familie das Haus seit 1801 bewirtschaftet, hat gekocht: Rinderbraten und Spanferkel, dazu Semmelknödel, Gemüsespätzle und Rösti.

Deftig und willkommen - wohl nicht nur für hungrige Einheimische, sondern auch für die nach 26 Kilometern eingekehrten Wandertouristen. Sie haben die erste von drei Stiefelreise -Etappen durch den Nördlichen Schwarzwald geschafft und bekommen im Hirsch  nicht nur Braten, sondern auch Einblicke in die lokalen Befindlichkeiten aufgetischt. Über die Gründung des Nationalpark Schwarzwald , ein Dorado für Wanderer, hat der Sprollenhauser Stammtisch eigene Ansichten.

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Ich bin dann mal im (Schwarz)Wald

Foto: Luiza Skrzypczynska

Zwar liegt sie schon sechs Jahre zurück, bringt Gäste und Geld in die Region, dennoch findet die Runde: "Die geben 50 Millionen aus für ein neues Nationalparkzentrum, da zeigen sie dann den Leuten die Natur, dabei ist die doch überall um sie herum. Die wollen die Menschen gar nicht in den Wald bringen, sondern nur, dass sie im Zentrum dann Teddybären oder andere Souvenirs kaufen." Was die Einheimischen verärgert: "Schon als Kinder haben wir im Wald Beeren und Pilze gesammelt und im Kaltenbronner Moor  über Sprollenhaus gebadet - all das dürfen wir jetzt nicht mehr, weil im Nationalpark Wegegebot herrscht."

Vielleicht spricht hier auch der gekränkte Stolz: Früher haben sie hier Sprollenhauser Holz über die Flüsse bis in die Niederlande verschifft, nun sind sie auf den Tourismus angewiesen. Eine nennenswerte Holzwirtschaft gibt es nicht mehr.

Und doch ist der Wald natürlich immer noch das Kapital der Region - nur eben als Ort der Erholung, Entspannung und Entschleunigung. Und die finden Wanderer auf der sogenannten Stiefelreise: Sie ist eine 72 Kilometer lange Rundtour, startet in Calw und führt vorbei an kleinen, gluckernden Rinnsalen in moosbewachsenen Tälern, an 50 Meter hohen Baumriesen, an mannshohen Ameisenhaufen, mit Beeren beladenen Büschen und Dörfern, in denen am Wochenende kein Bus fährt. Weiter weg von Alltag kann man sich kaum fühlen.

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Wer auf Stiefelreise geht, entscheidet sich auch für Strecke statt Spektakel. Dramatische Landschaften und Panoramen sucht man hier vergeblich. Dafür findet der achtsame Wanderer vielleicht aber etwas Größeres, nämlich sich selbst, im Einklang mit der Natur.

Anders als zu jenen Zeiten, in denen die Einheimischen einfach auf den Kaltenbronn liefen, führt heute ein Bohlensteg durch das auf 900 Metern gelegene Hochmoor. Kurz dahinter thront über Bad Wildbad ein Baumwipfelpfad , von dem aus man bei klarem Wetter bis in die Schweiz gucken kann – all das mag dem Stammtisch nicht gefallen, der Wanderer jedoch fühlt sich wohl, weil das alles zwar ein bisschen wild ist, aber nicht zu wild. Die Stiefelreise ist ein Abenteuer "light".

Südlicher Schwarzwald: der Zwei-Täler-Steig

Bei der Wanderung auf dem "Zwei-Täler-Steig"  im Südlichen Schwarzwald ist das schon anders: Hier gibt es von Wildbächen oder Wasserfällen durchzogene Bannwälder, in die der Mensch seit Jahrzehnten nicht mehr eingegriffen hat. Am Wegesrand erinnern aber auch einige Gedenktafeln an tödlich verunglückte Wanderer. Was nicht heißen soll, dass nicht jeder, der sich umsichtig auf den Weg begibt, die insgesamt fünf Etappen  des 106 Kilometer langen Wanderwegs gut bewältigen könnte.

Kondition braucht man. Denn hier geht es mitunter lange Strecken bergauf. Statt über breite Forstwege wie im Nördlichen Schwarzwald kraxeln Wanderer etwa auf der Etappe vom Sagenberg Kandel ins Simonswälder Tal über loses Geröll entlang eines Steilhangs.

Der Wildsaupfad von der Hintereck-Hütte  führt derart steil bergab, dass man sich fragt, warum der Weg überhaupt als offizieller Wanderweg freigegeben werden durfte. Die Entschädigung für alle Anstrengung: spektakuläre Aussichten in die Weite und auf den tiefen Wald, auf Bauernhöfe und Tagesetappen-Ziele wie den 3100-Einwohner-Ort Simonswald.

Aussicht auf der zweiten Etappe des Zwei-Täler-Steiges

Aussicht auf der zweiten Etappe des Zwei-Täler-Steiges

Foto: Luiza Skrzypczynska

In einem der schönsten Schwarzwaldtäler, 30 Kilometer nordöstlich von Freiburg, existiert die Bäckerei Wölfle seit mehr als hundert Jahren. Seit 1749 ist das Schuhhaus Wehrle in Familienhand. Zwei traditionsreiche Simonswalder Adressen, die Gasthöfe "Bär" und der "Ochse", mussten hingegen schließen. Auch der Gasthof "Zum Hirschen"  mit seinen 20 Zimmern kämpft. Für das Saisongeschäft findet Wirtin Jutta Kern kaum noch Personal. "Die Leute fahren zum Arbeiten in die größeren Orte oder Städte. Wo wir in fünf Jahren sein werden, weiß ich nicht", sagt sie.

Überhaupt wird man während der Wanderung das Gefühl nicht los, dass in der Gegend derzeit einige Geschichten zu Ende gehen. In Waldkirch, dem Ausgangsort der Wanderung, ist es eine fast 600-jährige: Das Gasthaus "Suggenbad"  wurde bereits 1469 wegen seiner Mineralquelle erwähnt und hatte lange ein eigenes Badehaus. 1880 kam sogar Kaiser Wilhelm I. vorbei.

Die Eltern von Betreiberin Andrea Etgeton bauten in den Siebzigerjahren aus, dann noch einmal in den Neunzigern. "Letztes Jahr haben ein paar Kinder Steine in die Schwefelquelle geworfen", sagt Etgeton. "Jetzt ist das Rohr verstopft." Sie macht eine kurze Pause und sagt dann nachdenklich: "Die Gäste haben sich sowieso immer beschwert wegen des Schwefelgeruchs."

Lang leben die liebenswerten Gasthöfe

Das Finale der Wandertour ist besonders schön: Vom Gasthof "Landwassereck"  auf 635 Höhenmetern geht es noch einmal über Felder und durch lichten Wald in Richtung des Höhengasthofes "Zum Kreuz ". Es ist eher ein Spaziergang als eine Wanderung mit Blicken auf das Elztal und das Kinzigtal.

Zum Abschied kommt eine Anekdote in den Sinn, die ein Mitglied des Sprollenhauser Stammtisch am ersten Abend erzählt hat: Demnach sei der Sprollenhaus-Granit der härteste überhaupt bekannte dieser Gesteinsart. Er überdauere bereits seit Millionen Jahren.

Und so wünscht man sich am Ende des Zwei-Täler-Steigs, dass all die liebenswerten Wirtschaften, die altehrwürdigen Gasthöfe und die mitunter auch heute noch von Strommasten völlig freien Täler ähnlich lange Bestand haben wie der Stein.

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