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Pfalz: Weinanbau und Tourismus

Foto: Adrian Vesenbeckh

Weinregion Pfalz Frechheiten im Designer-Look

An der "Deutschen Weinstraße" in der Pfalz blüht Tourismus der üblen Sorte: Klischees und Weinseligkeit sind Trumpf. Doch jetzt brechen immer mehr Winzer und Metzger mit der Tradition.

Nein, unberührte Natur ist das hier nicht. Reben, so weit das Auge reicht, ihre schier endlosen Kolonnen verleihen der Landschaft einen eigenwilligen optischen Takt. Pfähle und Weinstöcke, militärisch in Reih' und Glied, verbunden durch aufgespannte Stützdrähte. Dazwischen erzeugen die nach unten gebogenen Ruten Wellenmuster. An diesen Zweigen werden ab Sommer die Trauben reifen. Jetzt sind die Stöcke noch kahl, aber zwischen den Reihen sprießt bereits frisches Gras, gespickt mit blühendem Löwenzahn, Ehrenpreis und Miere.

Die Weinberge östlich von Wachenheim würden an diesem sonnigen Frühlingstag völlig verlassen wirken, wäre da nicht das eindringliche Rauschen der nahen Schnellstraße. Die vielen Feldwege sind schnurgerade und zum Teil asphaltiert, Bäume und Hecken dagegen Mangelware. Besonders reizvoll ist das nicht. Und doch bezeichnet sich dieses Gebiet in der Pfalz als Ferienregion. Jährlich verbuchen die an der "Deutschen Weinstraße" ansässigen Gastwirte etwa zwei Millionen Übernachtungen. Die Anzahl der Tagestouristen ist nicht genau bekannt. Man schätzt allerdings, dass sie jährlich circa 500 Millionen Euro in die Region bringen. Das Geschäft blüht also.

Zwischen Bockenheim im Norden und Schweigen an der Grenze zum Elsass grassiert ein Omnibustourismus der üblen Sorte. Klischees und Weinseligkeit sind Trumpf. Orte wie Forst und Rhodt werden täglich im Zeitlupentempo von grauhaarigen Kohorten gestürmt. In den forciert rustikalen Ausschänken fließt reichlich langweiliger "Woi", Weißwein, dazu serviert man die unvermeidlichen Pfälzer Wurstspezialitäten, "Worscht", deren Nitritpökelsalzgehalt beim Genuss oft sämtliche Gesichtsmuskeln zusammenzucken lässt.

Doch viele Gäste stört das kein bisschen. Oberhalb von Maikammer, am Fuß der 673 Meter hohen Kalmit, erschlagen gemächlich spazierende Damen mit ihren Parfumwolken den Duft blühender Obstbäume. Alles ist so schön, so gemütlich, nächstes Jahr kommen wir wieder.

Besuchermassen statt Entwicklung

Doch nicht jeder Pfälzer mag bei dieser Show für die Massen noch länger mitspielen. "Dort, wo es den Extremtourismus gibt, findet keine Entwicklung statt", sagt Markus Schneider. Er verurteile diese Wirtschaftsform zwar nicht, aber für ihn sei das nichts. Nicht mehr. Schneider ist Winzer in Ellerstadt, einem Dorf an der A650, nur 15 Autominuten von Ludwigshafen entfernt. Bis vor zehn Jahren hat auch er zusammen mit seinen Eltern Busladungen bewirtet. Dann hatte der heute 35-Jährige genug, wollte eigene Wege gehen, etwas Neues aufbauen. Jenseits der Schunkelgruppenspeisungen und der Durchschnittsweine.

Das Schneidersche Weingut liegt auf einer flachen Anhöhe just außerhalb von Ellerstadt. Dunkelgrau kantig das Kellereigebäude, wie ein riesiger Steinriegel, daneben das elegante Gutshaus. "Alles ist neu", betont Markus Schneider stolz. "Das Haus, die Kellerei, jeder Baum und jeder Stein. Vor vier Jahren war das hier noch Weinberg." Die Lage bietet einen perfekten Rundumblick über das Pfälzer Land: im Westen die bewaldeten Berge des Haardt, im Osten Ludwigshafens Schlote und Hochhäuser. Der Dunst von dort komme nur selten herüber, erklärt Schneider. "Meistens haben wir hier einen super Westwind." Davon profitieren vor allem die Reben. Sie trocknen nach Regen schneller ab und sind deshalb weniger von Schimmelbefall bedroht.

Überhaupt, die Weinstöcke, ihre Eigenheiten und Bedürfnisse: Markus Schneider kann stundenlang von ihnen erzählen. Wie sich karger Schotterboden auf das Aroma eines Chardonnay auswirkt, und warum er seine Weinberge, anders als die meisten, bei Trockenheit nicht bewässert. "Reben sind stinkfaul. Wenn die bemerken, dass von oben ständig was kommt, legen sie sich nur noch in die Sonne." Will sagen: Die Pflanzen bilden kein ausgedehntes Wurzelwerk aus, um so tieferes Grundwasser zu erreichen. Nicht gut.

Zwecks Bodenverbesserung lässt Schneider seine Mitarbeiter Klee, Koriander, Wicken und Winterweizen aussähen. Das verbessert den Nährstoffhaushalt und sieht auch noch hübsch aus. Vor dem Klimawandel hat der stämmige Winzer, im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen, keine Angst. Die Erwärmung spiele ihm vielmehr in die Karten, sagt er. "Wir hätten hier vor 30 Jahren keinen Merlot, keinen Cabernet reif bekommen und viele Rebsorten, die heute erfolgreich sind, nicht über den Winter gekriegt."

Weißweine als Cuvée

Was die Auswahl betrifft, hat das Weingut Schneider einige untypische Besonderheiten zu bieten. Etwa die Hälfte der Produktion besteht aus Rotwein, und die meisten davon sind Cuvées - fein abgestimmte Mischungen aus verschiedenen Sorten und Lagen. So etwas macht Schneider zum Teil auch mit seinen Weißweinen, was in Deutschland noch immer meist skeptisch beäugt wird. Doch die Ergebnisse solcher Frechheiten überzeugen sofort. In den Flaschen mit den modernen Design-Etiketten stecken schlichtweg geniale Weine. Punkt.

Sein Verhältnis zur Tradition sei ganz gut, sagt Markus Schneider grinsend. "Ich habe eigentlich gar keins." Er mache sein eigenes Ding, dadurch konnte sich der Betrieb so erfolgreich entwickeln. Schneider senior, selbst Winzer, mischt sich nicht ein. "Neben mir steht keiner da und sagt: Das machen wir nicht, das haben wir noch nie so gemacht", sagt der Sohn. Ganz ohne Althergebrachtes mag allerdings auch er nicht arbeiten.

Der junge Schneider verzichtet bewusst auf vielerlei Maschinentechnik, und stolz zeigt er seinem Besucher eine kleine Parzelle mit gut 80 Jahre alten Portugieser-Rebstöcken. "Wurzelecht", betont der Experte. So was dürfte heute gar nicht mehr gepflanzt werden. Die Rarität wird separat gekeltert und auf Flaschen gezogen, als Liebhaberstücke.

Saumagen mit Schafskäse

Schneider ist gewiss nicht der einzige geschmackskulturelle Rebell der Pfalz. In Wachenheim zum Beispiel betreibt Metzgermeister Klaus Hambel sein Geschäft. Spezialität: Saumagen, das Leibgericht von Altkanzler Helmut Kohl. Hambel hat den berühmten Oggersheimer schon oft beliefert. In ihrer Urform besteht die Wurstspeise aus einem mit Wellfleisch, Mett und gekochten Kartoffeln gefüllten Schweinemagen, der vier Stunden lang in Salzwasser bei nur 70 Grad gegart wird. Der Klassiker schmeckt bei Klaus Hambel richtig gut, ganz anders als die handelsübliche Massenware, aber er hat auch seine eigenen Varianten erfunden: mit Schafskäse und Chili oder Pfifferlingen und Speck. Zur Weihnachtzeit kommt sogar Saumagen mit in Rum eingelegten Dörrpflaumen und Apfelringen ins Angebot. "Da kann man schon ein bisschen spielen", sagt der Meister vergnügt.

Es gibt sie also wirklich, die qualitativ-kreative Wende im Land zwischen Haardt und Rhein. Inzwischen wirken hier mehrere Michelin-Sterneköche. Und wer sich etwas länger umsieht, findet durchaus schöne Orte. Nicht nur in der dünner besiedelten Südpfalz, wo man mancherorts tatsächlich ohne dauerbegleitendes Verkehrsrauschen über Feldwege radeln kann, sondern auch zwischen den Autobahnen im Norden.

Freinsheim ist eine solche Oase. Das historische Städtchen hat einen gut erhaltenen Kern und eine weitgehend intakte Stadtmauer. Hübsch, aber nicht kitschig. Die Bewohner schleppen an diesem milden Freitagnachmittag schwere Pflanzenkübel mit Oleanderbüschen ins Freie, der Winter ist endgültig vorbei. Auf dem Kopfsteinpflaster balgen sich Spatzen, die Kirchenuhr schlägt vier, doch sonst scheint die Zeit hier fast still zu stehen. Manchmal braucht der Mensch auch das.

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