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Sommersport Wingsurfen Heute (ver-)leihe ich mir Flügel

Ab aufs Wasser, rauf aufs Board und Segel über den Kopf halten: Wingsurfen ist leichter als Wellenreiten oder Kiten. Unsere Autorin hat es an der Ostsee ausprobiert.
Von Aileen Tiedemann

Sommer am Strand von Niendorf in der Lübecker Bucht: Urlauber verdösen den Tag in Strandkörben oder schlendern über die Uferpromenade. Das beschauliche Szenario passt so gar nicht zu der Aufregung, die ich verspüre. Denn ich will heute zum ersten Mal Wingsurfen ausprobieren – eine Mischung aus Windsurfen, Stand-up-Paddling und Kitesurfen. Das Besondere an der Wassersportart ist der Wing – ein Flügel, den man sich beim Surfen frei über den Kopf hält.

Der Mann, der mir die ersten Wingsurf-Stunden meines Lebens gibt, trägt graue Dreadlocks und hat braun gebrannte Füße. Andreas Fischer, 54, von der Surfschule Niendorf hat, das sieht man sofort, in seinem Leben viel Zeit am Strand verbracht. »Der Wind weht heute mit etwa zehn Knoten. Das sind ideale Bedingungen, denn bei dieser Windstärke kostet es kaum Kraft, das Segel hochzuhalten«, sagt Andreas und hebt sein fünf Quadratmeter großes Wingsegel in die Höhe.

Ich hebe meins auch, Trockenübung – und tatsächlich schwebt es leicht wie ein Lenkdrachen über meinem Kopf. Gleichzeitig spüre ich, mit welcher Kraft der Wind in das Segel bläst. Ich bin beruhigt, als Andreas sagt: »Wir haben heute auflandigen Wind. Es besteht also wenig Gefahr, dass du auf deinem Board aufs offene Meer abtreibst.«

Interaktive Küstenkarte: 10 x Ostsee, 10 x Sommerglück

Coole Beachbars, entspannte Strände, ruhiges Hinterland – und eine Stadt, die überrascht. Wir haben entlang der 779 Kilometer langen deutschen Ostseeküste zehnmal Halt gemacht. Unsere Highlights :

Damit mir und den anderen zwei Teilnehmerinnen des Einsteigerkurses die 700 Euro teuren Flügel beim Surfen nicht wegfliegen, sichern wir sie mit einer Leine an unseren Handgelenken. Dann pumpen wir die Streben der Wings mit einer Luftpumpe auf, und Andreas gibt die letzten Instruktionen: »Weil der Wind vom Meer auf die Küste weht, surfen wir gleich immer parallel zum Strand. Wenn ihr nach Lee wollt, also zur windabgewandten Seite, dann dreht ihr den Wing in Richtung Brettspitze. Verschiebt ihr ihn zum Heck, fahrt ihr nach Luv, der windzugewandten Seite. Ganz einfach.«

Als Andreas im schultertiefen Wasser auf sein Surfbrett hüpft, auf Knien den Wingflügel greift und lossurft, sieht das auch ganz einfach aus. Ist es aber nicht. Bei meinem ersten Versuch falle ich kopfüber ins Wasser. Beim zweiten greife ich in die falsche Schlaufe und lande unter dem Segel. Beim dritten schmeißt mich eine Welle um, als ich gerade stolz das Segel in die Höhe halte. Von Melanie und Simone, den beiden anderen Kursteilnehmerinnen, ist hauptsächlich Gekreische und Gejuchze zu hören. Ihnen ergeht es ähnlich wie mir.

»Es dauert immer etwas, bis man die verschiedenen Schritte verinnerlicht hat«, ermutigt uns Andreas. Mit nassen Haaren im Gesicht stemme ich mich also wieder auf mein Board. Auch weil ich es den Rentnern beweisen will, die uns wie neugierige Erdmännchen vom Strand aus beobachten. Ich erinnere mich an Andreas’ entscheidenden Tipp: »Mittig auf dem Brett stehen und den Schwerpunkt tief halten, also beim Surfen in die Knie gehen.« Tatsächlich stehe ich irgendwann aufrecht auf dem Brett, halte das Segel in die richtige Richtung und gleite sanft die Küste entlang.

»Sieht aus, als wärst du schon öfters gesurft!«, ruft mir Simone zu. Allerdings habe ich in meinem Leben bislang nur zwei Einsteigerkurse im Wellenreiten absolviert. Mäßig erfolgreich. Doch ihr Kommentar motiviert mich. Auch weil ich nach einiger Zeit merke, dass sich Wingsurfen im Vergleich zum Kiten oder Wellenreiten recht schnell lernen lässt. Steht man erst mal, fühlt es sich sogar richtig leicht an. Was super ist: das Segel frei in den Händen zu halten, ohne indirekt durch irgendwelche Schnüre gelenkt zu werden. Was anstrengend ist: ständig aufs Neue auf das Board klettern zu müssen.

Zehn Knoten? Optimal!

Zehn Knoten? Optimal!

Foto: Aileen Tiedemann / DER SPIEGEL

»Dass man zum Wingsurfen so viele Bauchmuskeln benötigt, hätte ich nicht gedacht«, sagt Melanie, als wir nach zwei Stunden die Ausrüstung zurück an den Strand ziehen. Erschöpft pellen wir uns aus unseren Neoprenanzügen und trinken noch ein Alsterwasser mit Andreas.

Seit der vergangenen Saison bietet er Wingsurfkurse an und bekommt immer mehr Anfragen. »Das Wingen macht mittlerweile 20 Prozent unseres Angebots aus«, erzählt er. Im Vergleich zum Kite- oder Windsurfen sei es sehr sicher, weil es schon bei niedrigen Windgeschwindigkeiten und in Ufernähe funktioniere. Bei ausreichend Wind strenge es zudem die Arme viel weniger an als klassisches Windsurfen. »Das Segel ist ultraleicht, und es macht nichts, wenn es einem auf den Kopf fällt.«

Wingsurfen – hier geht’s

Ein zweitägiger Wingsurf-Kurs (zweimal zwei Stunden) kostet in der Surfschule Niendorf  130 Euro. Die Ausrüstung gibt es vor Ort, man kann ein Segel für 25 Euro pro Stunde ausleihen. Tipp für Wassersportfans, die sich lieber selbst ausrüsten wollen: »Klassische Surfbretter mit Schwert funktionieren zwar am besten«, sagt Surflehrer Andreas Fischer. Aber gerade am Anfang brauche man nicht das perfekte Material. Ein aufblasbares SUP-Board tue es auch. Und das sei genauso gut im Rucksack zu transportieren wie das zusammenfaltbare Wingsegel.

An der Ostsee gibt es weitere Wingsurf-Angebote, z.B.:

Sail & Surf Pelzerhaken : Ein viertägiger Wingsurf-Basiskurs kostet 230 Euro, eine Privatstunde 70 Euro.

Surfschule Zingst : Ein dreistündiger Anfängerkurs auf dem eigenen oder geliehenen SUP kostet 199 Euro.

Surfschule Dahme : Der Wingsurf-Schnupperkurs dauert zwei Stunden und kosten 40 Euro, der achtstündige Grundkurs 195 Euro.

Rügen Piraten Wassersportschule : Die Einführung ins Wingsurfen kostet 35 Euro pro Stunde, eine Wingfoil-Stunde 60 Euro.

Wingfoil Fehmarn : Der Name ist Programm – in den Kursen geht es hauptsächlich ums Foilen. Es gibt aber auch einen dreistündigen Kurs ohne Foil auf aufblasbaren Boards (219 Euro).

Für Fortgeschrittene gibt es auch beim Surfen mit Flügeln noch eine nächste Stufe: Wingfoilsurfen. Dabei schwebt man mit dem Board und den Flügeln auf einer Art Kufe über das Meer. »Zur Vorbereitung darauf braucht man etwa drei bis fünf Wingsurf-Stunden«, sagt Andreas. Anfänger zieht er in der ersten Unterrichtsstunde mit dem Motorboot übers Wasser, damit sie lernen, sich auf dem Foil zu halten. »Hat man das drauf, kombiniert man es mit dem Wing.«

Klingt nach »next level«. Immerhin habe ich jetzt gefühlt mein »Seepferdchen« im Wingsurfen. Und wer weiß, was ich in diesem Sommer vielleicht noch lerne.

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