Wintersport Kreekfahren Im Höllentempo zum Krankenwagen

Die Kufen schlagen Funken, im Affenzahn rauschen die Holzschlitten den Eishang hinab: Kreekfahren ist eine Ur-Hamburger Wintersportart für Unerschrockene. Prellungen und blaue Flecken gehören dazu - genauso wie eine für Laien schwer verständliche Sprache.
Von Silke Haas
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Kreekfahren: Temporausch auf dem Eis

Foto: Julius Koopmann

"Wahrschau!", "Raum!" Schon von weitem sind die Schreie zu hören, bevor ein lautes Rauschen einsetzt, unterbrochen von ein paar harten Schlägen. Ehrfürchtige Ahs und Ohs sind zu hören. Auf einer vereisten Buckelpiste rüschen mehrere Kreekfahrer mit einer Höllengeschwindigkeit an den Zuschauern vorbei hinab ins Falkental. Hinter ihren Holzgefährten schleifen sie sechs Meter lange Stämme her, die als Steuerruder dienen.

Rüschen, das bedeutet Kreekfahren, eine Sportart, die es nur hier gibt: Auf Schinkels Wiese im Hamburger Stadtteil Blankenese befindet sich die einzige Kreekbahn der Welt. Die Eschenholz-Schlitten der Sportler sind schwer, flach und rasend schnell. Jede Kreek ist ein handgearbeitetes Unikat.

Dunkle, kahle Bäume begrenzen links und rechts die Piste. Es knallt, knirscht und funkt. Nach Unebenheiten treffen die Kufen hart auf das Eis. Geht es nach den Kreekern, könnte es noch wochenlang frostig bleiben. Erstmals seit sechs Jahren ist das Wetter wieder so kalt, dass sie nach Herzenslust rüschen können.

"Ein irres Gefühl"

Petra Willes Gesicht glüht unter dem Skihelm. "Das ist ein irres Gefühl, wenn man mit wahnsinniger Geschwindigkeit den Hügel runterrauscht. Die Kreek und ich sind dann eins, ich bin ein Teil der Steuerlatte." Die 41-Jährige strahlt. Ihre Leidenschaft für die ungewöhnliche Wintersportart ist frisch. Weihnachten hat sie es das erste Mal probiert. Die Kreek ihres Vaters, der in Blankenese aufgewachsen ist, gammelte 30 Jahre lang im Keller. Wegen Umzügen, Umständen oder weil kein Winterwetter war. So wie Petra erinnerten sich in diesem Winter viele an das alte Familienerbstück und probierten es einfach aus. "Wahrschau!", tönt es über den Hügel - und ab geht die Post.

Beim Kreeken kommen viele Begriffe aus der Seefahrt. Wie auch die Rufe "Wahrschau!" oder "Raum!", was soviel wie "Achtung!" oder "Bahn frei!" heißt. Der Aufforderung sollte man unbedingt folgen, denn Kreeks sind sehr schnell. Die durchschnittliche Geschwindigkeit liegt bei 60 km/h, der gemessene Rekord bei 80. Es gibt Einer-, Zweier- und Dreierkreeks, ganz selten auch Vierer. Vorschoter heißt, wer vorne sitzt. Der Steuermann sitzt dahinter und hält die Kiste auf Kurs. Könner fahren Maschop: mehrere Kreeks hintereinander, verbunden durch die Steuerlatten, die die hinteren Fahrer festhalten.

"Wenn man hier aufwächst, gehört dieser Sport einfach dazu", sagt Kreek-Veteran Manfred Lipsky. Er ist in Blankenese groß geworden und sämtliche Hügel hinuntergerüscht. Als Kind träumte er von einem Edel-Sportgerät des Familienunternehmens Harmstorf. "Das war der Mercedes unter den Kreeks. Schöner, stabiler und vor allem schneller als die anderen", schwärmt Lipsky. Aber das war seinen Eltern damals zu teuer - gut erhaltene Harmstorf-Kreeks sind bis heute begehrte Sammlerstücke.

"Unsere Kreeks waren wirklich die Besten", sagt Harald Harmstorf. Er muss es wissen, denn er hat in der Familienfirma Taucher Ottar Harmstorf & Söhne die Gefährte selbst gebaut. Sie wogen 25 bis 30 Kilo, etwa viermal soviel wie ein normaler Schlitten. Über Generationen wurden in der Werft am Strandweg, direkt an der Elbe, Kreeks gebaut. Im Laden gibt es sie nicht, sondern nur auf Bestellung beim Tischler oder Bootsbauer.

Vom Arbeitsgerät zum Sportgefährt

Anfangs waren Kreeks reine Arbeitsgeräte. "Im Winter wurden die Menschen im Blankeneser Hanggebiet mit den stabilen Lastenschlitten mit Kartoffeln und Kohlen versorgt. Anders konnte man da nicht hinkommen", erzählt Harmstorf. Geteerte Straßen oder asphaltierte Wege gab es auf dem Elbhang noch nicht. Mit den langen Steuerlatten kontrollierte man die schweren Schlitten und bugsierte sie um die Kurve. Die Kreeks sind eine Blankeneser Besonderheit, nirgendwo in Hamburg sind die Hügel so abschüssig wie in dem westlichen Elbvorort.

Schnell machte die Kreek auch als Sportgerät Karriere. "Früher sausten wir den Waseberg bis an die Elbe hinunter, erst die Eisschollen machten der Fahrt ein Ende", erinnert sich Harmstorf. Autos fuhren damals im Winter nicht, den steilen Hang wären sie sowieso nicht hoch gekommen.

Harald Harmstorf ist mit seinen 69 Jahren nicht nur Bahnältester, sondern auch Urgestein der Kreek-Familie. Das Rüschen hat er nicht nur seinen eigenen, sondern auch Dutzend Nachbarskindern beigebracht. Dick eingemummelt in blassgrüner Daunenjacke und blauer Wollmütze bringt er seine original Harmstorf-Kreek in die richtige Position. Ein Helfer stellt einen Fuß vor die Kufen und hindert sie am vorzeitigen Losfahren. Tochter Kirsten ist als Vorschoterin mit an Bord. "Jetzt noch einmal mit Vaddern", ruft sie. "Zusammen ist der Kick einfach größer." Harald Harmstorf nickt. Je schwerer sie ist, desto schneller wird die Kreek.

Adrenalin pur bei 60 km/h

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Kreekfahren: Temporausch auf dem Eis

Foto: Julius Koopmann

Kirsten sitzt vorne, umklammert fest die Beine ihres Vaters, das ist die wichtigste Aufgabe des Vorschoters. Der Steuermann hat nur eine Hand, um sich festzuhalten, in der anderen hält er die Steuerlatte. Sie brüllen: "Raum!" und "Röörööröö!", den alten Schlachtruf der Kreeker. Die Kufen donnern über das blanke Eis, Funken stieben, wenn sie über die Buckel springen. Die Stirn hochgezogen, den Mund wie zum Schrei geöffnet und die Augen weit aufgerissen. Es ist pures Adrenalin, der berühmte Kick, den die Kreekfahrer suchen.

"Es ist wie früher, als ob die Zeit stehen geblieben wäre", schwärmt Harald Harmstorf. Seine Augen blitzen, und sein Atem dampft silbern in der Winterluft. Die Zuschauer sind beeindruckt. "Mit fast 70 fährt der noch. Unglaublich, Wahnsinn", sagt jemand anerkennend. Harmstorf winkt ab: "Rüschen ist für mich selbstverständlich. Habe ich mein ganzes Leben gemacht und solange es geht, mache ich weiter."

Man kennt sich auf der Bahn. Jemand kocht Glühwein und reicht eine dampfende Tasse an einen Kreekfahrer, der den Hang hinaufhumpelt und seine Kreek an einer rot-weißen Leine hinter sich herzieht. Der Glühwein hilft gegen die Kälte und die Schmerzen. Kaum ein Fahrer ist unverletzt, keiner ohne Prellungen oder blaue Flecken. Schmerzmittel halten viele auf den Beinen. Kreeken geht auf die Knochen, doch der Rausch der Geschwindigkeit ist größer.

Früher wartete unten der Krankenwagen

Schwere Verletzungen sind selten. Dennoch hängen Zettel mit Notrufnummern und genauer Ortsangabe für den Rettungswagen an den Bäumen. "Früher passierte mehr, da stand unten an der Straße ein Krankenwagen, um die Verletzten einzuladen", sagt Manfred Lipsky. Unfälle gab es vor allem mit den normalen Schlittenfahrern. "Die Davos-Schlitten waren einfach viel zu langsam, blockierten die Bahn. Mit der Kreek haben wir sie einfach weggerüscht", sagt er und grinst schelmisch. Schlittenfahrer sind für ihn ein anderer Menschenschlag. Rodeln kann schließlich jeder. "Die steuern und bremsen mit den Füßen und machen dadurch die Bahn kaputt", schimpft er. Deshalb sind Schlittenfahrer hier bis heute verpönt.

Doch bekommt man es bei dem Irrsinns-Tempo nicht auch mal mit der Angst zu tun? "Angst darf man nicht haben, sonst ist man verloren", sagt Axel Blessmann. Es ist seine erste Saison. Das Fahren hat ihm seine Freundin beigebracht. Sie kommt aus Blankenese und hatte eine alte Kreek im Keller. "Mit Angst macht man Fehler, klammert sich vielleicht noch an der Steuerlatte fest - und dann stürzt man und verletzt sich." Rüschen ist eben nichts für Bangbüxe.

Die Blankeneser Kreekfahrer sind eine eingeschworene Gemeinde. Auf Online-Portalen verabreden sie sich zum abendlichen Eisen der Bahn, bringen gemeinsam die Piste in Schuss, stopfen Löcher mit Schnee und kippen Wasser drauf. Mit Gießkannen, Eimern und Kanistern holen sie das Wasser aus der nahegelegenen Tankstelle: Eine Kreek muss poltern, und das geht nur auf Eis.