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Hotel der Zukunft: Roboter, bring mir ein Getränk!

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Das Hotel der Zukunft Roboter, bring mir ein Getränk!

Der Check-in läuft per Smartwatch, ein Roboter ersetzt den Zimmerservice: Im Hotelzimmer der Zukunft regiert die Vernetzung. Wissenschaftler treiben die Technik voran - auch wenn sich die Gäste vor so manchem Angebot fürchten.
Von Steve Przybilla

Nikolay Dreharov lässt die Rezeption links liegen. Er aktiviert eine App auf seiner Smartwatch, tippt auf "Check-in", und schon ist er als Hotelgast registriert. Als er sich seinem Zimmer nähert, beginnt der Türrahmen grün zu blinken. Dann, ganz ohne Schlüssel, macht es Klick. Die Tür geht wie von Geisterhand auf.

Nikolay Dreharov ist kein echter Gast. Er ist Wissenschaftler und leitet das "Urban Living Lab" des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO)  in Stuttgart. Aber das Hotel, das er gerade betreten hat, existiert tatsächlich - zumindest als Nachbau im Labor. "Technisch ist das alles schon heute möglich", sagt Dreharov. "Wir wollen herausfinden, welche Angebote die Gäste auch wollen."

Zusammen mit Partnern aus der Industrie forscht das IAO am Hotelzimmer der Zukunft. Gestartet ist das Projekt im Jahre 2008 mit einem Showroom in Duisburg, in dem die Wissenschaftler das "Hotelzimmer des Jahres 2020" aufgebaut haben. Heute, sieben Jahren später, steht im Urban Living Lab nicht nur ein neues Zimmer, sondern auch eine Rezeption, eine Lobby und diverse Nebenräume - vollgestopft mit Funksendern, digitalen Werbewänden und anderen Gadgets.

Als Dreharov das Zimmer betritt, geht das Licht automatisch an. Auf dem Schreibtisch liegt ein Tablet bereit, das auf die Cloud-Dienste des Gastes zugreift. Nach zwei, drei Fingerbewegungen erscheint ein Videoclip auf dem Fernseher. "Wenn jetzt ein Auto durchs Bild fährt, kann ich das Produkt direkt liken", sagt Dreharov. Der Fernseher ist mit dem Tablet verbunden, das Tablet mit sämtlichen Internetdiensten. Nur die Minibar fehlt. "Die frisst nur Strom", sagt Dreharov. "Der Zimmerservice lässt sich auch übers Tablet rufen."

Einmal die Smartwatch antippen, schon ist das Einchecken erledigt

Einmal die Smartwatch antippen, schon ist das Einchecken erledigt

Foto: Steve Przybilla


Alles ist vernetzt, alles ist online. Sogar die Reinigung erfolgt mit einem automatischen Staubsauger-Roboter. Das Internet der Dinge - im Labor existiert es bereits. Und in der Realität? Zeigt sich der Hotelverband Deutschland (IHA) offen, was die Zimmer-Steuerung per App angeht: "Das sind absolut realistische Szenarien", so IHA-Sprecher Christopher Lück. Für viele Betriebe sei es "wichtig und richtig", sich auf technikaffine Zielgruppen einzustellen.

Dank GPS-Sender, Bewegungssensor und WLAN liefern Smartwatches heute mehr Informationen als jede elektronische Fußfessel. Doch ist diese schöne neue Hotelwelt überhaupt wünschenswert? Wenn ein Hotel jederzeit alles über einen Gast weiß - wo bleibt die Privatsphäre?

Bei einer Studie mit 3380 Teilnehmern über die Bedürfnisse von Hotelgästen kam die Forschungsgruppe zu interessanten Ergebnissen:

  • Fast alle (87 Prozent) wünschen sich eine schnelle Abwicklung beim Einchecken, bei der sie nicht erneut ihre Daten eingeben müssen (78 Prozent). Trotzdem wollen drei Viertel persönlich begrüßt werden. Ein rein elektronischer Check-in wird nicht gewünscht.

  • Zwei Drittel aller Befragten möchte per Plastikkarte ins Zimmer gelangen. Nur neun Prozent können sich den Zugang per Zahlencode vorstellen - und nur acht Prozent per Fingerabdruck.

  • Die Mehrheit (63 Prozent) möchte keine "situationsbezogenen Informationen" auf dem Smartphone erhalten. Nur 16 Prozent möchten dies. Der Rest ist unentschlossen.

  • Die Mehrheit (62 Prozent) will ihre geografische Lage nicht via GPS dem Hotel mitteilen.

  • 67 Prozent sind nicht bereit, Informationen über ihren Hotelaufenthalt in sozialen Netzwerken zu teilen.

Wenig überraschend: Soziale Netzwerke spielen vor allem bei unter 30-Jährigen eine große Rolle. In dieser Altersgruppe sind auch die Zustimmungswerte für personalisierte Informationen am höchsten.

Die Ausspähung im vernetzten Hotelzimmer bereitet vielen Sorgen

Die Ausspähung im vernetzten Hotelzimmer bereitet vielen Sorgen

Foto: Steve Przybilla

In der Auswertung der Studie finden sich auch einige Freitext-Kommentare der Teilnehmer. Vor allem die Ausspähung durch das vernetzte Hotelzimmer bereitet vielen Sorgen. "Allein durch das Prism-Programm unserer amerikanischen Freunde sehe ich hier massive Gefahren für Datenschutz […] und einen gläsernen Menschen, bei dem durch das Smartphone […] alles offengelegt wird", schreibt einer der Befragten.

Andere fordern: "Keine Aufpreise für Schnickschnack." Oder kritisieren den aktuellen Zustand vieler Hotelzimmer: "Solange man so häufig auf winzige, renovierungsbedürftige, aber überteuerte Zimmer mit […] Billigmöbeln und durchgelegenen Matratzen trifft, […] sind technische Spielereien wirklich zweitrangig."

Dennoch wird sich auch das Hotelgewerbe einer alten Weisheit nicht entziehen können: Was technisch möglich ist, wird irgendwann auch gemacht. Wie so oft preschen amerikanische Firmen dabei voran. Nach Berichten der New York Times testet ein Hotel im kalifornischen Cupertino bereits einen Roboter , der Getränke und andere Service-Artikel aufs Zimmer liefert. Cupertino liegt im Silicon Valley und ist zudem der Hauptsitz von Apple. Technikliebe gehört in dieser Kommune offenbar zum guten Ton.

Doch auch in Europa rückt die Zukunft näher. Im Hotel Schani, das derzeit in Wien gebaut wird , fließen die Erkenntnisse des Urban Living Lab bereits ein. So soll nach Angaben des Hotels neben einem mobilen Check-in und Check-out auch der "Handy-Zimmerschlüssel" umgesetzt werden. Zudem können Gäste schon bei der Buchung das gewünschte Zimmer am Bildschirm auswählen.

Und in Deutschland? Dürften Roboter und Tablets wohl noch lange auf sich warten lassen. Um den technischen Rückstand zu erkennen, genügt schon ein Blick auf die Internet-Verfügbarkeit im europäischen Vergleich: Laut einer Untersuchung der Hotelsuchmaschine Kayak  vom April 2014 bieten gerade einmal 73 Prozent der deutschen Hotels ihren Gästen kostenloses W-Lan an. In Rumänien sind es 99 Prozent.

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