Zollvereinsteig – er steht für den Kontrast von Natur und Großstadt
Zollvereinsteig – er steht für den Kontrast von Natur und Großstadt
Foto: Laura Engels

Zollvereinsteig bei Essen Wandern, wo Millionen wohnen

Zwischen Natur und Industriekultur: Der neue Zollvereinsteig führt quer durch den Essener Norden – durch Parkanlagen und Wälder, über Industriebrachen und Halden. Was macht urbanes Wandern aus?
Von Laura Engels

Es sind nur 267 Stufen hinauf zum Gipfel der Schurenbachhalde. Ralph Kindel nimmt aber lieber einen der Rundwege als die Direktroute, sie schlängeln sich langsam um den 86 Meter hohen Berg. Zwar müsste man ihn wohl eher »Hügel« nennen. Aber hier im Essener Norden, mitten im Ruhrgebiet, ist diese Halde der höchste Punkt.

Kindel geht durch einen grünen Waldpark hinauf. Er trägt Wanderschuhe, Rucksack und ein T-Shirt mit der Aufschrift »Ich kenn da 'ne Abkürzung«. Der lokale Wanderexperte kennt nicht nur Abkürzungen: Er hat den Zollvereinsteig für die Essen Marketing GmbH konzipiert. Die Halde, die durch Aufschüttung von Bergwerkgestein – vor allem von der ehemaligen Zeche Zollverein – entstand, ist buchstäblich der Höhepunkt des neuen Wanderwegs.

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Wandern bei Essen: Der neue Zollvereinsteig

Foto: Laura Engels

Als Rundweg führt dieser einmal vom namensgebenden Unesco-Welterbe quer durch den Essener Norden zum Rhein-Herne-Kanal und wieder zurück. Auf ihm soll der Strukturwandel der einst industriell geprägten Region für Wanderer erlebbar werden. Auf insgesamt 26,4 Kilometern und 321 Höhenmetern geht es durch Grüngürtel, Park- und Kleingartenanlagen, aber auch über Industriebrachen und eben auf Halden.

Am Gipfel der Schurenbachhalde angekommen, ist kein Baum zu sehen. Das Plateau gleicht einer kargen Mondlandschaft aus dunkelgrauem Schotter. Allein eine Stahlbramme ragt 14,5 Meter in die Höhe. Der US-Künstler Richard Serra entwarf die »Bramme für das Ruhrgebiet« 1998 als sichtbares Zeichen des Strukturwandels. Der war damals schon so weit fortgeschritten, dass es in der einstigen Montan- und Stahlregion kein Unternehmen mehr gab, das sie produzieren konnte. Also wurde sie in Frankreich gefertigt.

Schurenbachhalde: Mondlandschaft auf der höchsten Erhebung im Essener Norden

Schurenbachhalde: Mondlandschaft auf der höchsten Erhebung im Essener Norden

Foto: Laura Engels

Vor allem bietet die Halde aber einen Panoramablick auf den größten Ballungsraum Deutschlands: das Welterbe Zeche Zollverein, die Skyline der Essener Innenstadt, der Tetraeder in Bottrop, das Alpincenter auf einer Berghalde daneben, die Monumentalstatue Herkules auf dem Turm im Gelsenkirchener Nordsternpark, die Veltins-Arena auf Schalke, der Stadtwerketurm in Duisburg, der Chemiepark Marl oder das Gasometer in Oberhausen. »Alle Erhebungen sind menschengemacht, das ist das Faszinierende«, sagt Kindel. »Ein Bayer fände es vielleicht hässlich hier, ich find es schön – typisch Ruhrgebiet.«

Am Horizont Strommasten

Im Frühling fällt aber auch besonders auf, wie grün der Ballungsraum Ruhrgebiet ist und wie sich die Natur ihre Räume zurückerobert hat. Essen sei die grünste Stadt Nordrhein-Westfalens und die drittgrünste Stadt Deutschlands, erzählt der 53-Jährige. Kindel hat im ländlicher geprägten Süden von Essen 2017 bereits den Baldeneysteig konzipiert – damals als Projektleiter Grüne Hauptstadt Europas. 2020 folgte der Kettwiger Panoramasteig.

Der Zollvereinsteig, den der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, Anfang April offiziell eröffnete, steht nun für den Kontrast von Natur und Großstadt. Auf dem Weg runter von der Halde hören Wanderer nicht etwa das Rauschen eines Flusses, sondern das der nahen Autobahn 42. Die meiste Zeit laufen sie auf asphaltierten Wegen oder Schotter. Am Horizont immer wieder Strommasten.

»Das gehört einfach dazu. Es können ja nicht über fünf Millionen Menschen auf einem Fleck wohnen, ohne, dass man es sieht«, sagt Kindel. Das mache urbanes Wandern aus. »Wir erwandern die Grünzüge, nutzen aber die Infrastruktur und Vorteile einer Großstadt.« Konkret heißt das: Wanderer können mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, die Route dadurch auch jederzeit abkürzen und brauchen den Rucksack nicht so vollpacken, weil es entlang des Wegs zahlreiche Cafés und Restaurants gibt.

Einige Abschnitte führen durch Gelsenkirchener Stadtgebiet. Auch das ist typisch Ruhrgebiet: Die Städte gehen fließend ineinander über, Grenzen verschwimmen. Dass man sich schon in einer anderen Stadt befindet, merken die Wanderer oft nur an den Kennzeichen der Autos, die am Straßenrand stehen.

»Ein paar Mal Umwege laufen«

»Die Kombination von Natur, Industriekultur und Wohnen ist superinteressant, es ist eine tolle Route«, finden Silke Tummescheit und Uwe Weber aus Dortmund. Die beiden stehen zwischen Spaziergängern und Anwohnern in Wanderschuhen im Kaiser-Wilhelm-Park und halten nach der nächsten Markierung Ausschau. Sie gehen sonst gern im Sauerland oder in den Alpen wandern, wollten aber am Wochenende nicht im Stau stehen und mal etwas in der Nähe ausprobieren.

»Wir mussten schon ein paar Mal suchen und Umwege laufen, weil wir den Weg verpasst haben«, sagt Weber. Die 15.000 bis 18.000 Markierungen, die der Sauerländische Gebirgsverein entlang der Strecke größtenteils mit der Hand aufmalen wolle, würden wohl erst in dieser Woche komplett fertiggestellt, sagt Kindel dazu. Eigentlich hatte das Dortmunder Wanderpaar vier Stunden eingeplant, ist aber nicht so gut in der Zeit. »Heute Abend sind wir zum Essen verabredet. Aber unser Auto steht auf Zollverein, im Zweifel können wir jederzeit abkürzen und dorthin zurück, das ist ein großer Vorteil.«

Wer etwas mehr Zeit einplant, kann dort, wo einst bis zu 12.000 Tonnen Kohle am Tag gefördert, aufbereitet und schließlich zu Koks veredelt wurden, Museen besuchen und an Führungen durch die original erhaltenen Übertageanlagen teilnehmen. Das 55 Meter hohe Doppelfördergerüst auf dem Welterbe Zollverein der einst größten und leistungsstärksten Steinkohlenzeche der Welt wird auch »Eiffelturm des Ruhrgebiets« genannt und ist zum Markenzeichen für das gesamte Revier geworden.

»Das Unesco-Welterbe zieht viele Menschen an, aber wir schaffen keinen Transfer in die nördlichen Stadtteile. Deshalb haben wir uns einen Steig gewünscht, der an Zeche Zollverein anschließt, und das Projekt in Rekordzeit innerhalb eines Jahres umgesetzt«, erzählt Florian Hecker, Marketing- und Kommunikationsleiter der Essener Marketing GmbH. Auch, um dem bestehenden Nord-Süd-Gefälle der Stadt etwas entgegenzuwirken und gegen das Vorurteil anzukämpfen, dass für den ärmeren Norden im Vergleich zum reicheren Süden nichts getan wird.

Ein Extraschlenker über die A52

»Früher gehörte der Essener Norden der Industrie, unter dem Motto ›Macht, was ihr wollt‹. Im Süden wurden dafür Ausgleichsflächen zur Erholung geschaffen und die grünen Täler grün belassen«, sagt auch Ralph Kindel. Wer auf den drei verschiedenen Wandersteigen der Stadt unterwegs ist, sieht das noch heute ganz deutlich. Der Baldeneysteig führt 27 Kilometer und 600 Höhenmeter rund um den Stausee der Ruhr durch Wälder, über Wiesen und Felder vorbei an Bauernhöfen und bietet immer wieder freie Sicht auf den See.

Hier teilen sich Wanderer die Wege streckenweise nicht nur mit Radfahrern, sondern auch mit Reitern. Als die Route 2017 im Rahmen der Grünen Hauptstadt Europas entstand, waren die ersten 20.000 Wanderkarten schon nach drei Monaten vergriffen. An sonnigen Feiertagen droht sogar Staugefahr – ausnahmsweise mal nicht auf der Lebensader im Revier, der A40, die zu den meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands gehört, sondern an schmalen Engstellen oberhalb des Sees.

»Wir können keine genauen Zahlen erheben, aber merken an den Zugriffszahlen unserer Website und den Karten, die wir immer wieder nachdrucken müssen, dass das Interesse am Wandern in den letzten Jahren stark zunimmt«, sagt Marketing-Mann Hecker.

Baldeneysee: 27 Kilometer Wandern im Süden von Essen

Baldeneysee: 27 Kilometer Wandern im Süden von Essen

Foto: Laura Engels

Auch auf dem Kettwiger Panoramasteig ist man im Prinzip raus aus der Stadt. Das habe nichts mehr mit dem zu tun, was die meisten vom Ruhrgebiet kennen, so Hecker. Auf den rund 35 Kilometern (761 Höhenmeter) steht nördlich und südlich der Ruhr die Kulturlandschaft im Vordergrund, ausgedehnte Felder und Pferdehöfe. Hier ahnt man nicht, dass das Zentrum einer Stadt mit fast 600.000 Einwohnern lediglich 15 Minuten mit der Bahn entfernt ist.

Nur einen Schlenker über die Autobahn 52 konnte sich Wanderwegfachmann Kindel bei der Streckenführung nicht verkneifen, für ihn gibt es kein größeres urbanes Sinnbild. »Ich wollte den Kontrast zeigen. Uns Ruhrgebietlern wird immer ein gewisser Charme nachgesagt – rau, aber herzlich. Und das ist auch das, was man hier erwandern kann.«