Paul Herbig und seine Mutter Martina: Der Film "Die Geschichte vom Machen und dem Meer" hat am Sonntag, 30. August, Premiere
Paul Herbig und seine Mutter Martina: Der Film "Die Geschichte vom Machen und dem Meer" hat am Sonntag, 30. August, Premiere
Foto: @makeandsea.de

Dokumentarfilmer erfüllt Wünsche "Wir sind wunderbar anders"

Ein umgebauter Bulli, drei Lebensträume: Filmemacher Paul Herbig reiste quer durch Deutschland, um körperbehinderten Menschen einen Wunsch zu erfüllen.
Von Britta Mersch

Paul als kleiner Junge am Strand. Paul auf dem Arm seiner Mutter, sie lacht in die Kamera. Paul mit seiner Mutter im Gras, sie kuscheln. Dass er an diesem Abend mit ihr in einer lauen Sommernacht zusammensitzt und für sein Filmprojekt Fotos von früher auf ein Bettlaken wirft, neben ihnen der Bulli, vor ihnen Hügel und Wiesen, hätte er sich als Kind wohl nicht träumen lassen.

Es ist der Wunsch der Mutter, noch einmal vom thüringischen Burgtonna an die Nordsee zu reisen, zur Halbinsel Nordstrand. Ein Wunsch, der sich nicht einfach erfüllen lässt. Sie sitzt im Rollstuhl, ein Aneurysma hat das Leben der heute 55-Jährigen nachhaltig verändert. Mehr als sechs Stunden Autofahrt sind nicht ohne Weiteres machbar.

Es sei denn, es gibt einen Bulli, so einen wie "Captain T.". 

Seine Mutter Martina ist eine von drei Frauen mit drei Wünschen, die Paul Herbig, 22, für den Film "Die Geschichte vom Machen und dem Meer" (Premiere am Sonntag per Livestream im Internet ) begleitet. Er hatte sich schon lange vorgenommen, körperbehinderten Menschen zu helfen, sich einen Lebenstraum zu erfüllen.

Martina Herbig: Noch einmal an die Nordsee

Martina Herbig: Noch einmal an die Nordsee

Foto: @makeandsea.de

Daneben hatte er noch ein anderes Ziel: sich einen Bulli zu kaufen und damit zu reisen. "Diese beiden Wünsche habe ich lange gar nicht zusammengebracht", sagt er. Bis im November 2018 ein Projekt für sein Dokumentarfilm-Studium in Stuttgart platzt und sechs freie Monate vor ihm liegen: "Da kam mir die Idee, beides miteinander zu verbinden und die Reise zu verfilmen."

Wochenlang feilt Herbig an dem Konzept für den Film. Bei der Finanzierung hat er Glück: Über die Filmförderung des Landes Thüringen bekommt er 7000 Euro. "Damit konnte ich einen Großteil der Kosten decken: den Bus, die Ausstattung, die Verpflegung und noch einiges mehr." Weitere 3000 Euro organisiert er sich über kleine Firmen und Privatpersonen. Etwas Erspartes hat er auch.

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Bleibt noch die Suche nach Menschen, die mitmachen. Im Internet wird Herbig schnell fündig. Auf Anne-Katrin Ott, 44, wird er in einer Facebook-Gruppe aufmerksam: "Sie hat ein Video von sich geteilt, in dem sie über ihr Leben gesprochen hat", erinnert sich Herbig, "das hat mich fasziniert." Er schreibt Ott an, erzählt von seinem Projekt. "Ich fand es toll, bei einer Doku dabei sein zu können", erzählt sie. Und einen Wunsch, den Paul ihr erfüllen könnte, hat sie auch.

Anne-Katrin Ott lebt in der Nähe von Friedrichshafen. Und sie hat ein Talent: Menschen mit ihrer Geschichte zu begeistern. "Mir ist das irgendwann aufgefallen", sagt sie. "Ich erzähle etwas, und die Menschen lachen. Im nächsten Moment kommen ihnen die Tränen."

Ott hat einen "besonderen Körper", wie sie selbst sagt. 1,48 Meter groß, ein angewinkelter, fast steifer Arm, eine gekrümmte Wirbelsäule und dadurch eine eingeschränkte Lungenfunktion. Ihr Wunsch war immer, einmal auf einer Bühne vor Publikum zu sprechen. Paul Herbig macht diesen Traum wahr: Über den Coach Veit Lindau organisiert er ein Event in Frankfurt, bei dem Ott vor Publikum auftreten kann.

Wegen eines Staus hätten sie die Rede allerdings fast verpasst, obwohl sie mit einem guten Zeitpuffer gestartet seien, erinnert sich Herbig. Endlich kommen sie in Frankfurt an, 45 Minuten bleiben noch bis zum Vortrag. Doch die Innenstadt ist wegen eines Marathons gesperrt. Anne-Katrin Ott geht zu Fuß weiter, sie ist gerade noch pünktlich. "Fünf Minuten, bevor es losging, waren wir auch mit dem Bulli und unserem Equipment da." Herbig ärgert sich noch heute, dass er den Stau nicht gefilmt hat - diese Anekdote also nicht im Film auftaucht.

Anne-Katrin Ott erzählt: Die 44-Jährige kann mit ihrer Geschichte begeistern

Anne-Katrin Ott erzählt: Die 44-Jährige kann mit ihrer Geschichte begeistern

Foto: @makeandsea.de

Menschen mit Besonderheiten, wundervoll anders

Mitgemacht hat auch Neon Hoyer, 32. Auf Neon ist Paul Herbig über ihren Instagram-Account aufmerksam geworden. Unter @wahnhinweis  postet sie Fotos von sich und erzählt von ihrem Leben mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, Multipler Sklerose und Depressionen: "Dabei ist sie so positiv, das hat mir imponiert", sagt Herbig.

Auch sie zögert nicht lange und sagt zu. Hoyer und ihre beste Freundin bringt er nach Gotha zu einem Tattoo-Studio, damit sie sich dort wie gewünscht tätowieren lassen konnte. Dass Herbig nur Frauen zum Mitmachen bewegen kann, ist übrigens Zufall. Ein Mann, den er auch angefragt hatte, ist wieder abgesprungen.

Auf das Ergebnis sind alle stolz: "Keine Szene ist gestellt", sagt Herbig, "alles ist so passiert, wie wir es zeigen." Dass zwischendurch der Bulli kaputtgeht? Geschenkt. Geht es mit dem Auto weiter. Dass Neon Hoyer an diesem Tag keinen Rollstuhl braucht, weil sie elektronische Gehhilfen hat - reiner Zufall. Für alle ist es ein großes Abenteuer. Hoyer ist sicher, sie wird noch lange davon zehren: "Das ist das Mutigste, was ich in meinem Leben gemacht habe."

Gezeigt wird der Film per Livestream im Internet, ganz bewusst, damit Menschen zusehen können, die nicht mal eben in ein Kino gehen können.

Neon Hoyer unterwegs: Der Traum von einem Tattoo

Neon Hoyer unterwegs: Der Traum von einem Tattoo

Foto: @makeandsea.de

In dem Film fließen viele Tränen, und es wird viel gelacht. Paul Herbig zeigt nicht die Betroffenheit, mit der Fremde Menschen mit Einschränkungen oft begegnen. "Wir sind Menschen mit Besonderheiten, wundervoll anders", sagt Anne-Katrin Ott. "Auch wir tragen Träume in uns und haben das Potenzial, andere zu inspirieren." Gelungen ist ihm ein Film über lebensfrohe Menschen, Mut und Optimismus.

"Die Geschichte vom Machen und dem Meer" hat Premiere am Sonntag, 30. August, 19:30 Uhr. Tickets für den Livestream gibt es auf der Homepage zum Film . Nach dem Film gibt es einen Chat mit allen Protagonisten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.