North Shore Mountains: In British Columbia, Kanada, finden Trailrunner nahezu unberührte Natur vor
North Shore Mountains: In British Columbia, Kanada, finden Trailrunner nahezu unberührte Natur vor
Foto: Hilary Matheson / Knesebeck Verlag

Spektakuläre Trailrunning-Strecken Schnell mal die Welt sehen

Dolomiten, Lofoten, französische Alpen: Ein neuer Bildband macht Lust auf eine Reise in Laufschuhen und zeigt die schönsten Ziele für Trailrunner.
Von Julia Stanek

Das hier ist nichts für Leute, die bei schnellerem Spazierengehen Seitenstiche bekommen. Es sei denn, sie wollen auch einmal in Gedanken – und gefühlt mit Tempo – durch die karge Bergwelt von Korsika, über die Granitgipfel der Lofoten oder durch die Schweizer Gebirgskette des Jura flitzen. Das tun, was sogenannte Trailrunner tun: mit Laufschuhen an den Füßen die Landschaft durchqueren.

Trailrunning, das steht für Laufen im Gelände, nicht zwingend in den Bergen, aber immer abseits asphaltierter Straßen. Es ist ein Trend, dem sich bereits viele Outdoor-Fans auf der ganzen Welt angeschlossen haben. In Foren tauschen sie sich über gute Routen aus, bei Events messen sie ihre Kräfte. Doch am liebsten ist es ihnen wohl, wenn sie ganz allein sind in der Natur – denn die spielt bei dieser Art des Langstreckenlaufs die Hauptrolle.

»Auf dem Trail ist die Welt weit und offen und nicht zugepflastert«, schreibt Dean Karnazes in seinem Vorwort zu einem nun erschienenen Trailrunning-Reiseführer. »Running Wild & Free« heißt das Buch, das seine Leserinnen und Leser mitnehmen möchte zu den »spektakulärsten und inspirierendsten Trails der Welt«.

Fotostrecke

Weltreise im Laufschritt: Profi-Tipps für Trail-Running-Abenteuer

Foto: Alexis Berg / Knesebeck Verlag

»Die Elemente sind ungezähmt, oftmals schonungslos, und man verspürt Angst und Hochgefühl«, schreibt Karnazes, der bereits rund um den Globus ultralange Strecken gelaufen ist, vom Südpol bis ins Death Valley. In der freien Natur fühlten wir uns kleiner, aber das Leben werde gewaltiger. »Auf einem Trail in die Natur zu entschwinden, berührt unsere Seele, wie es nur wenige Dinge im Leben können.«

Dabei gleicht kein Trail einem anderen. »Manche durchschneiden dichte, feuchte Wälder, deren Luft geschwängert ist vom Duft von Kiefer und Wacholder«, notiert Karnazes. »Andere sind ausgedörrt und exponiert, getränkt von warmem Sonnenlicht und Energie.« Jeder dieser Trails biete eine ganz besondere Erfahrung.

In dem (bei Knesebeck) erschienenen Langstrecken-Guide empfehlen erfahrene Läuferinnen und Läufer aus aller Welt ihre 16 Lieblingstrails. In Europa sind die Lofoten (Norwegen) dabei, der Jura-Höhenweg (Schweiz), der GR 20 (Korsika), das Tal von Chamonix-Mont-Blanc (Frankreich), die Halbinsel Knoydart (Schottische Highlands), der Kungsleden-Trail (Schweden), die Fernwanderwege GR 10 und GR 11 (Pyrenäen), der Lake District (Großbritannien) und die Dolomiten (Italien). Auch für Kanada, die USA, Mexiko, Chile, Nepal sowie Australien gibt es Empfehlungen.

Hier drei Tipps für Europa. Mehr Beispiele finden Sie in der Fotostrecke weiter oben im Text.

Schweiz: 90 Kilometer zum Einstieg

Wer noch nicht allzu viel Erfahrung mit dem Trailrunning hat, für den bietet die Schweiz vielleicht ein Ziel: den Jura. »Das Bergmassiv ist der perfekte Spielplatz für alle, die auf mildem Terrain ins Trail Running einsteigen wollen«, schreibt Julie Freeman, die am Fuße des Massivs ausgewachsen ist. Es sei vielleicht nicht so beeindruckend wie die Alpen, habe aber seinen ganz eigenen Charme. »Die Luft ist rein und knackig, die Aussichten sind atemberaubend, und die Trails scheinen kein Ende zu nehmen.«

Ein sonniger Morgen im Mai: Julie Freeman auf den Trails des Schweizer Jura

Ein sonniger Morgen im Mai: Julie Freeman auf den Trails des Schweizer Jura

Foto: Like the Wind Magazine / Knesebeck Verlag

Sie schlägt eine 90 Kilometer lange Strecke vor, die man auf zwei bis fünf Tage verteilen kann. Ausgangspunkt: La Chaux-de-Fonds. Der Ort sei perfekt, um sich in der Höhe zu akklimatisieren, sagt Freeman. Hier geht es auf den Jura-Höhenweg, den ältesten Wanderweg der Schweiz. Der erste Gipfel auf dem Trail ist der Tête de Ran. Später folgt unter anderem der Mont Racine. Und im Blick hat man teils drei Länder: »Zu Beginn des Anstiegs siehst du auf der rechten Seite Frankreich mit seinen sanften Hügeln, die blaue Linie der Vogesen und noch weiter in der Ferne sogar den Schwarzwald. Auf der linken Seite glitzert in der Ferne der runde Gipfel des Mont Blanc.«

Bei so viel Schönheit rät Freeman, die bereits Ultramarathons gelaufen ist und auch in steileren Gegenden Europas unterwegs war: »Pass auf, dass das Panorama dich nicht aus dem Tritt bringt«.

Schottland: schlammig, felsig, wunderschön

Sie habe »definitiv etwas Magisches«, schreibt George Bauer, ein australischer Laufenthusiast, der für ein Trailrunning-Abenteuer die schottische Halbinsel Knoydart empfiehlt. »Das Meer sorgt hier für schnell wechselnde Jahreszeiten, das Klima schafft einen Frühling mit einer wahnwitzigen Fülle an Wildblumen und einen Herbst mit einer sich jeden Tag wandelnden Farbpalette.«

Gratwanderung: Der Sgurr Coire Choinnichean erhebt sich über der Bucht von Inverie auf der schottischen Halbinsel Knoydart

Gratwanderung: Der Sgurr Coire Choinnichean erhebt sich über der Bucht von Inverie auf der schottischen Halbinsel Knoydart

Foto: Reuben Tabner / Knesebeck Verlag

Um die Halbinsel zu erreichen, empfiehlt er den »Zug entlang einer der malerischsten Eisenbahnlinien der Welt«, Ziel: Mallaig. »Von da aus geht es entweder in 45 Minuten mit der Fähre übers Wasser bis nach Inverie oder zu Fuß in drei Tagen durch die absolut spektakuläre Landschaft Lochabers.«

Klar, es gibt zugänglichere Orte als dieses von Schafspfaden, zerklüfteten Gipfeln und Heidelandschaften geprägte Stück Erde. Aber gerade das Abgelegene verleiht Schottlands Westküste auch ihren Reiz. Bauers Tipp: Eine anfängerkompatible 40 Kilometer weite Tour durch die Highlands, die in Inverie startet und bis zum Glen Arnisdale Loop führt. Achtung: »Die Landschaft mag einladend wirken, aber lass es am ersten Tag besser langsam angehen!« Die Beine müssten schließlich noch drei weitere Tage durchhalten. »An Tag zwei bist du mit dir, den Wildtieren und den Trails allein, nimm also ausreichend Proviant und Wasser mit. Am Ende des vierten Tages kehrst du über die Straße Richtung Glenelg und Shiel Bridge in die Zivilisation zurück.«

Etwas Spezialvokabular braucht man schon: Oder wissen Sie, was munros und corbetts sind? Munros sind Berge, die über 915 Meter hoch sind, corbetts erheben sich zwischen 760 und 915 Meter über den Meeresspiegel, so gibt es der Scottish Mountaineering Club an. Falls Ihnen das – anders als offenbar den Schotten – nicht wichtig vorkommt, hilft vielleicht eine andere Info weiter: Der Autoverkehr ist auf Knoydart stark reglementiert, daher bleiben einem, so Experte Bauer, nach der Ankunft nur noch gut trainierte Beine, um weiterzukommen.

Italien: Pfad für Profis

Gewiss nichts für Anfänger ist eine 120 Kilometer lange Runde durch die Dolomiten, die in Cortina d'Ampezzo startet und endet. Höchster Punkt der Strecke liegt auf 2450 Metern. Die Ausschilderung ist stellenweise spärlich, das Wetter ist unberechenbar – und auch im Sommer liegt Restschnee.

Kleiner Mensch, großer Berg: Majestätisch erheben sich die Drei Zinnen über den Trail

Kleiner Mensch, großer Berg: Majestätisch erheben sich die Drei Zinnen über den Trail

Foto: Alexis Berg / Knesebeck Verlag

Zu sehen gibt's dafür Bergseen, majestätische Felswände und Orte wie das Val Travenanzes, ein menschenleeres Tal mit Dutzenden Wasserfällen zu beiden Seiten. Ein Highlight auf der Strecke sind die berühmten Drei Zinnen, eine Gruppe von bis zu 3000 Meter hohen Bergen. Drei oder vier Tage sollten fitte Läuferinnen und Läufer schon einplanen. Zum Übernachten dienen bewirtete Berghütten, die sogenannten Rifugi (Tipp: unbedingt vorab buchen!).

In jedem Kapitel, zu jeder Route geben die Laufexpertinnen und -experten Hinweise zur Streckenlänge, zur maximalen Höhe, zum Klima vor Ort, besten Reisezeit und zum Terrain.

Die Fakten sind das eine, das Erleben ist das andere. Ultralangläufer Dean Karnazes formuliert es so: »Wir erinnern uns, wie ein Trail sich anfühlt. Wie ein warmes Glühen bleibt jeder Weg bei uns.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.