Eremit über das Alleinsein "Das ist ein existenzieller Schock"

Viele Alleinlebende haben Schwierigkeiten mit den zurzeit verordneten Kontaktbeschränkungen. Für den katholischen Pater Jürgen Knobel ist die Isolation Beruf: Er ist Eremit. Was können wir von ihm lernen?
Ein Interview von Oliver Schulz

SPIEGEL: Herr Knobel, Sie leben seit sechs Jahren freiwillig als Eremit. Wie umfassend ist Ihre Einsamkeit?

Knobel: Die Einsamkeit der Eremiten ist nicht absolut, sie war es auch nie - das ist nichts als eine sehr verbreitete Vorstellung. Denn es ist ja paradox: Je mehr sich der Eremit zurückzieht, desto mehr Menschen zieht er an. Unter dem Fenster des Einsiedlers und Schweizer Schutzpatrons Nikolaus von der Flüe zum Beispiel waren oft 300 Leute versammelt.

SPIEGEL: Auch zu Ihnen kommen Menschen?

Knobel: Ja. Sie fragen um ein persönliches Gespräch an, um geistliche Begleitung. Oder sie wollen mal ein paar Tage mitleben. Aber auch durch die Pflege meiner Klause und durch ganz alltägliche Erledigungen komme ich in Kontakt zu den Menschen: Wenn ich Lebensmittel einkaufe oder im Baumarkt. Ansonsten lebe ich aber allein am Ortsrand des brandenburgischen Städtchens Lindow.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Knobel: Er ist strukturiert, aber auch entspannt. Mein Tag beginnt gegen 6 Uhr mit einem Gebet und einer einstündigen Meditation, er teilt sich dann auf in Essenszeiten, theologische Arbeit, Betreuung von Gästen oder Besuchern, die Pflege von Haus und Garten und weiteren Gebetszeiten und endet gegen 20 Uhr wiederum mit einer einstündigen Meditation. Ein geordneter Tagesablauf wird im eremitischen Milieu gemeinhin als fördernd angesehen. Er schafft einen Rhythmus, der trägt und körperlich wie geistig wohltut.

SPIEGEL: Warum haben Sie diese Lebensweise gewählt?

Knobel: Meine Liebe zur Stille ist wohl angeboren. Ich habe in meinem Leben immer wieder die Erfahrung der Inspiration gemacht, die nur in einem Rückzug höchster Sammlung möglich ist. Zum Beispiel bei kreativen Tätigkeiten, eine Zeit lang habe ich auch als Künstler gearbeitet. Eremitisches Leben befriedigt ein urmenschliches Bedürfnis. Sie gehört deshalb zu den ältesten Lebensweisen in fast allen Religionen.

SPIEGEL: Aber die Einsamkeit bringt auch Schwierigkeiten mit sich.

Knobel: Mein eremitischer Lehrer, der Benediktinerbruder Jakobus Kaffanke, hat öfter vom Kampf mit den Dämonen gesprochen. Was sich archaisch anhört, ist psychologisch gemeint: Der Rückzug und die Stille wirken wie ein Vergrößerungsglas für die Seele, sie zwingen sozusagen zur Konfrontation mit den inneren Dämonen, mit verdrängten seelischen Vorgängen. Das können zum Beispiel Aggressionen sein, die man nicht versteht, Zorn, Begehrlichkeiten oder Gier. Und das ist ein Grund, warum viele Menschen das Alleinsein nicht aushalten.

SPIEGEL: Haben Sie sich auf diese Konfrontation mit sich selbst vorbereitet?

Knobel: Ja. Als Student habe ich mich bereits über Phasen auf dieses Leben vorbereitet, ich habe immer wieder wochenlang bei meinem Meister in einer Eremitage gewohnt. Denn genau das ist ja die Nagelprobe für jedes eremitische Leben: es mit sich selbst auszuhalten. Sie war es auch bei mir. Nur weiß der Eremit von den psychologischen Effekten, die ihn erwarten. Er nutzt sie, um in der Auseinandersetzung mit ihnen zu reifen. Der Umgang mit dem Alleinsein ist für uns eine Art Sport.

SPIEGEL: Den müssen jetzt in der Coronakrise auch viele Menschen, die allein leben, praktizieren. Völlig unvorbereitet - und auch nicht freiwillig.

Knobel: Ja, das ist nicht ganz einfach. Und nicht jeder ist dafür gemacht. Der normal tickende Mensch wird durch die plötzliche Krisensituation in seinem gewohnten, von Mobilität und selbstverständlichen Sozialkontakten geprägten Leben nachhaltig irritiert. Das ist ein existenzieller Schock. Er findet sich im sprichwörtlichen falschen Film wieder, der ihn zu überwältigen droht. Hat ein Mensch nicht vorher schon einen positiven Umgang mit Alleinsein erfahren, dann wird es nun schwierig.

SPIEGEL: Was kann passieren?

Knobel: Die vier klassischen Reaktionen sind: Frustration, depressive Stimmungen, Kompensation und Aggression: ganz natürliche Bewältigungsversuche - sie bringen aber auf Dauer nicht weiter.

SPIEGEL: Sondern?

Knobel: In jeder Krise steckt ja eine Chance. Nicht vor sich selbst zurückzuschrecken, sondern von den Eremiten zu lernen, dass dieses Ringen mit sich selbst großen Gewinn bereithält, das wäre jetzt die Möglichkeit. Es zulassen, in sich hineinhorchen, Tieferes über sich selbst erfahren, Klärung finden. Dabei ist es aber wichtig, nichts übers Knie zu brechen, sondern sorgsam mit sich umzugehen. Diese Initiative zu ergreifen, das wünsche ich allen, die in einer ersten Reaktion zur Verzweiflung neigen. So kann sich schließlich manches sogar zum Vorteil verändern.

SPIEGEL: Und wenn das nicht geht? Oder wenn man das gar nicht will?

Knobel: Ich empfehle in jedem Fall, in dieser Situation gute Kontakte zu pflegen. Die sozialen Medien sind ideal dafür, ich benutze selbst gern E-Mails, dafür telefoniere ich sehr selten. Empfehlenswert ist auch, Entspannung in der Natur oder bei guter Lektüre zu suchen. Einseitige Kompensationen, wie zum Beispiel viel fernzusehen, sollte man vermeiden oder versuchen abzubauen. Sport und jede Form von meditativem Tun können sich als sehr bereichernd erweisen, ebenso kreative Gestaltungswege aller Art.

SPIEGEL: Wie hat der Ausbruch des Coronavirus Ihr Leben als Eremit verändert?

Knobel: Ich setze mich jetzt intensiver und unmittelbarer mit meiner Sterblichkeit auseinander. Auch weil für die Menschen, die ich betreue, Krankheit, Sterben und Tod wichtigere Themen geworden sind.

SPIEGEL: Kommen denn noch viele zu Ihnen?

Knobel: Tatsächlich musste ich allen Besuchern der Klause absagen. Und auch alle Gespräche in der geistlichen Begleitung ruhen lassen. Ich mache momentan eine Art begrenzte Homeoffice-Seelsorge.