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Tag- und Nachtwanderung: 24 Stunden immer vorwärts

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24-Stunden-Wandertour Der Tiefpunkt kommt gegen zwei Uhr nachts

Auf 24-Stunden-Touren können Wanderer die eigenen Grenzen austesten. Und ihre Tauglichkeit als Herdentiere.
Von Laura Engels

Die Stirnlampen rotten sich zusammen. Im gemeinsamen Lichtkegel kann man die Wurzeln auf dem Weg früher erkennen und den Stöcken des Vordermanns besser ausweichen. Links, rechts, links, rechts - die Wanderstöcke werden im militärischen Takt in den Waldboden gestochen. Mit der Dunkelheit verstummen auch die Gespräche, die Augenlider werden schwer. Der Rhythmus der Masse treibt jeden Einzelnen den Berg hinauf. Wer jetzt langsamer wird, verursacht einen Auflaufunfall.

Der Mensch ist ein Herdentier. Bereits fünf Prozent einer Menge können die übrigen 95 Prozent in jede Richtung lenken, haben Forscher der Universität Leeds herausgefunden. Wie bei Schafherden würden viele einfach nur hinterhertrotten. Eine nützliche Eigenschaft, wenn sich 124 Individuen auf den Weg machen, gemeinsam einen Tag und eine Nacht durchzuwandern. Das Wanderfestival "24h Trophy" bietet in diesem Jahr fünfmal "Hiking to the Limit" - erstmals auch in den Tegernseer und Schlierseer Bergen.

Der Regen kurz vor dem Start am Morgen hat einige angemeldete Teilnehmer abgeschreckt. Der Moderator auf der Bühne bemüht sich, die Masse am Kurpark in Tegernsee in Stimmung zu bringen. Es gehen dennoch 203 Wanderer auf die Strecke - 124 von ihnen wagen die 24 Stunden, 79 begnügen sich von vornherein mit der zwölfstündigen Variante.

Im Trott geht es zunächst rauf auf den 1200 Meter hohen Riederstein. Master-Guide Edgar "Eddy" Balduin hat die Strecke - und auch die Pausen - genau geplant und will alle beieinander halten. "Das Besondere bei uns ist das Gemeinschaftserlebnis. Wir laufen alle zusammen", erklärt er. "Ich bin der Hirtenhund, der seine Schäfchen zusammenhält." Das führt auch zu sozialem Druck: Wer einen Kaffee trinken oder die Trinkflasche nachfüllen will, hält die Gruppe auf.

Lieber im eigenen Tempo

Doch alle Schäfchen lassen sich nicht einfangen. Wichart Hölscher kommt vor allen anderen am Bodenschneid an, dem höchsten Punkt der Zwölf-Stunden-Tour auf 1668 Metern. "Ich habe gemerkt, dass ich lieber mein eigenes Tempo gehe. Im Pulk laufen ist nicht so mein Ding", sagt der Rentner aus München. Er findet aber gut, "dass die Leute durch die Veranstaltung animiert werden, rauszugehen".

Hölscher trägt immer noch Regenjacke, obwohl es mittlerweile ganz schön warm ist. Unter seiner Kappe gucken weiße Haare hervor, zugleich strahlt er eine Gelassenheit aus, die zeigt, wie wenig belastend die Wanderung für seinen Körper ist. Hölscher ist schon dreimal den "Iron Man"-Triathlon auf Hawaii mitgelaufen, er organisiert den "Great Wall Marathon" auf der chinesischen Mauer und Laufwettkämpfe in der Wüste. Seine härteste Erfahrung: der Spartathlon-Ultralauf. "Da rennt man 246 Kilometer von Athen nach Sparta Tag und Nacht durch." Auf dem Weg zum Mittagessen auf der Oberen Firstalm trifft Hölscher zwei weitere "Ausbrecher" der 24-Stunden-Gruppe, die auch die Ruhe der Natur genießen wollen.

Weil alle wegen des plötzlich wieder einsetzenden Regens gleichzeitig zum Mittagessen strömen, müssen sie Schlange stehen. In der Startgebühr von 119 Euro sind Streckenplanung, Begleitung, Kartenmaterial, T-Shirt, Shuttle, Rucksackverpflegung und eben Getränke und Essen an den Pausenstationen enthalten.

Ein paar Bier zur Halbzeit

"Wir bieten den Teilnehmern ein Komplettpaket, das sie selbst nicht organisieren könnten", sagt Veranstalter Toni Grassl. Vor sechs Jahren hatte er die Idee, ein Wanderevent zu entwickeln, das sowohl im Flachland, im Mittelgebirge als auch im alpinen Gelände umgesetzt werden kann. Am Tegernsee müssen die 24-Stunden-Wanderer rund 60 Kilometer und 2600 Höhenmeter überwinden.

Für Stefan Weinzierl aus Straubing ist das vor allem Training. Mitte Juli plant er mit Freunden die dritte Etappe seiner Alpenüberquerung. "Wir gehen die klassische Strecke von München nach Venedig", sagt der 46-Jährige, der das blaue "24h Trophy"-T-Shirt trägt. Zwei Etappen haben sie schon hinter sich, jedes Jahr machen sie eine. 24 Stunden am Stück wandert die Truppe zum ersten Mal. "Wir sind ständig in den Bergen, aber das ist einfach mal was anderes."

Zur Halbzeit beim Abendessen im Freilichtmuseum der deutschen Skilegende Markus Wasmeier gönnen sich die Teilnehmer ein paar Bier. Der eine oder andere Sitznachbar wird spontan integriert, neue Freundschaften entstehen - zumindest für die nächsten zwölf Stunden. Die Sonne scheint wieder, und die Teilnehmer sind so gut gelaunt, als hätten sie vergessen, dass noch der Anstieg in der Dunkelheit auf sie wartet.

Wie anspruchsvoll ist eine solche Tour? "Wer jahrelang keinen Sport gemacht hat, ist ungeeignet, 24 Stunden zu wandern", sagt Sportwissenschaftler Kuno Hottenrott. Eine gewisse körperliche, aber auch mentale Fitness sei nötig. Er empfiehlt, sich mehrere Monate mit kleinen Wanderungen vorzubereiten und langsam zu steigern. "Der Körper muss sich an Bewegung immer anpassen." Ungeübte könnten auch nicht gleich zwei Stunden joggen. "Man muss mindestens 20 Kilometer ohne Probleme gehen können. Wer dabei schon Knie- oder Hüftschmerzen hat, sollte es lieber lassen", sagt er. Eine 60-Kilometer-Tour über 24 Stunden mit längeren Pausen stuft er jedoch noch nicht als Extremtour ein: "Da geht es sicher eher um den Erlebnischarakter."

Zwischen 2.30 Uhr und 5 Uhr erreicht fast jeder seinen toten Punkt. Bei der ersten Frühstückspause gibt es kaum einen, der nicht den Kopf auf den Tisch fallen lässt. Dies ist auch der Moment, in dem die Ersten mit sich hadern: Was für eine Schnapsidee, sich so etwas anzutun! Und dann auch noch Geld dafür bezahlen und Urlaub nehmen.

Doch vier Stunden später, als Eddy seine Schäfchen ins Ziel führt, die ihn dafür mit La-Ola-Wellen feiern, ist der Ärger vergessen und verwandelt sich in Stolz. "Allein macht man so etwas einfach nicht", sagen viele. "Es war eine schöne Erfahrung", sagt Stefan Weinzierl. Ob er es wieder machen würde? Er zögert. "Nicht jetzt sofort", sagt er dann.

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