Zeitvertreib auf dem Bahnsteig: Interrail-Boom in Zeiten der Klimakrise
Zeitvertreib auf dem Bahnsteig: Interrail-Boom in Zeiten der Klimakrise
Foto:

kiszon pascal / Getty Images

50 Jahre Interrail Was vom alten Charme noch übrig ist

Interrail stand einst für ein Lebensgefühl, heute ist der Kauf des Bahntickets ein Statement zur Flugscham. Wie sich die Fahrkarte seit ihrer Einführung wandelte – und wer sie heute wie nutzen kann.
Von Roswitha Bruder-Pasewald

Eine Fahrkarte für 21 Länder zum Pauschalpreis: Diese Idee revolutionierte vor 50 Jahren das Reiseverhalten der Unter-21-Jährigen. Heute Venedig, morgen Nizza und dazwischen eine feucht-fröhliche Nacht im Zugabteil: Der Fahrschein mit dem Aufdruck »Interrail« machte das Bahnfahren durch Europa erschwinglich. 87.000 Tickets wurden im ersten Jahr von den teilnehmenden Eisenbahngesellschaften verkauft, der Internationale Eisenbahnverband hatte sie am 1. März 1972 anlässlich seines 50-jährigen Bestehens als Werbegag aufgelegt. Mit ihnen wurde das Reisen flexibel, lange bevor das Wort »Interrail« Einzug ins Standardvokabular von Touristinnen und Touristen hielt.

Für die anvisierte Altersgruppe war der Pass mehr als nur die Eintrittskarte in den Zug nach Irgendwo. Für viele Interrailer gehörte das Bahnhopping zum Erwachsenwerden dazu. Zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs, vom Nordkap bis nach Lissabon; zum ersten Mal selbst entscheiden, einen weiteren Tag in Wien zu bleiben oder gleich nach Rom weiterzufahren. Die Städte des Ostblocks blieben den Bahnfans zwar noch verschlossen, doch das Ticket war oft die einzige Möglichkeit, um nach Portugal oder in den Süden Spaniens zu gelangen. Dafür nahmen die jungen Reisenden gern in Kauf, dass das Budget nur Übernachtungen im Schlafsack am Strand zuließ.

Der Interrail-Pass war und ist nicht bloß ein Fahrschein; das Heft, heute meist in digitaler Form auf dem Handy, erzählt Geschichten. Der 67-jährige Pete Riley etwa ist ein überzeugter Interrailer. Im August 1975 – drei Jahre nach der Einführung des Tickets – ging der damalige Teenager aus Essex zusammen mit seinen Freunden Adel und Eric zum ersten Mal auf Tour. Über Ostende ging es nach Amsterdam, von dort weiter nach Köln, Interlaken, Zürich, Innsbruck, Venedig, Nizza und Paris. Übernachtet haben sie auf Campingplätzen, in Jugendherbergen und häufig im Abteil, um die Reisekasse zu schonen.

Den Pass, in den die einzelnen Etappen der 30-tägigen Reise handschriftlich eingetragen wurden, hat der Brite noch immer, ebenso wie unzählige Schwarz-Weiß-Bilder, die ihn an den abenteuerlichen Trip erinnern. »Oft mussten wir im Gang auf dem Boden sitzen, doch die Begegnung mit anderen Interrailern hat uns für vieles entschädigt«, erzählt der Bahnfan. 49 britische Pfund hat ihn das Interrail-Ticket damals gekostet. Wenn er im Sommer zu einer Erinnerungstour aufbricht, wird er für den Monatspass für Senioren über 60 Jahre 603 Euro bezahlt haben. Längst nämlich sind frühere Altersbeschränkungen aufgehoben.

Luang Prabang statt London

Mehr als zwölf Millionen Passagierinnen und Passagiere haben sich in den vergangenen 50 Jahren auf das Interrail-Abenteuer eingelassen. Die Boomzeiten waren in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als jährlich Hunderttausende Tickets über den Schalter gingen. Als sich Europa 1990 als wiedervereinigter Kontinent präsentierte, wagten 400.000 junge Erwachsene den Trip. Danach ging es steil bergab, mit einem Tiefststand von rund 100.000 Tickets zu Beginn der 2000er. Das Geschäft litt unter der Konkurrenz der Airlines, vornehmlich der Billigflieger. Bali statt Budapest, Luang Prabang statt London hieß nun das Motto der Rucksackreisenden, die für wenig Geld auch in ferne Länder kamen.

Die Deutsche Bahn und die anderen beteiligten Bahngesellschaften reagierten mit unterschiedlichen Instrumenten auf den Schwund. Zum einen wurde die Altersgrenze ein ums andere Mal verändert, zum anderen kam ein ganzes Portfolio von Pässen hinzu. Interrail hat sich zu einem Produkt für jedermann gewandelt. Das Angebot richtet sich nicht mehr nur an Reiselustige unter 21 Jahren, sondern an alle: an Abiturienten und Studierende, an Rucksacktouristinnen und Trolley-Besitzer, an junge Familien mit kleinen Kindern und an Ruheständler, die zehn Prozent Rabatt auf den Erwachsenentarif erhalten.

Neben dem Klassiker, der heute Global Pass heißt, gibt es ein ganzes Sammelsurium an Tickets, deren Preis sich nach Geltungsdauer und Anzahl der Fahrtage richtet. Dadurch hat das Produkt zwar den Charme des Simplen verloren – ein Monat Europa zum Fixpreis –, doch dafür wird die Palette unterschiedlichen Wünschen sehr viel gerechter. Sieben Tage Bahnfahren innerhalb eines Monats für 335 Euro für einen Erwachsenen über 28 Jahre haben den Klassiker in der Gunst der Passagiere abgelöst.

Dank der Veränderungen hat der Interrail-Zug in den vergangenen Jahren wieder Fahrt aufgenommen. 2018 wurden 300.000 Pässe verkauft, eine Verdreifachung gegenüber dem Jahr 2005. Vor allem bei Skandinaviern, den Erfindern des Wortes Flugscham, hat die umweltfreundliche Alternative zum Flieger viele Freunde. Mit der Neuausrichtung ist auch der Komfortgedanke wichtiger geworden. So gibt es die Pässe auch für die erste Klasse – undenkbar für die Interrailer der ersten Generation, die noch heute mit leuchtenden Augen von ihren Flirts in überfüllten Abteilen erzählen.

Für sie stand Interrail für ein Lebensgefühl, für ein Stück Freiheit zwischen Rucksack, Schlafsack und Isomatte. Dafür nahmen sie sogar den Mief in Kauf, der nach fünf Tagen ohne Dusche durch die Waggons waberte. Für Kerstin, eine 58-jährige Schwedin, die schon halb Europa mit dem Zug entdeckt hat, ist das Ticket ganz einfach »eine praktische Reiseform, weil ich stets aufs Neue entscheiden kann, ob ich weiterfahre oder noch einen Tag bleibe«.

Der Bestseller »7 Tage innerhalb eines Monats« kostet für Jugendliche bis 27 Jahre 251 Euro, für ab 28-Jährige 335 Euro und für Seniorinnen und Senioren ab 60 Jahre 302 Euro. Zwei Kinder zwischen vier und elf Jahren reisen kostenlos mit. Der Klassiker, mit dem man einen Monat lang durch Europa reisen kann, kostet 503 Euro für Jugendliche, für ab 28-Jährige 670 Euro und für Senioren 603 Euro. Wer gar nicht genug vom Bahnfahren bekommen kann: Es gibt auch Zwei- und Drei-Monats-Pässe.

Teure Sitzplatzreservierungen in Frankreich nötig

33 Länder machen heutzutage mit, einschließlich der Türkei. Lediglich Albanien und das Kosovo halten sich fern. Je stärker Europa zusammengewachsen ist, je mehr Grenzen fielen, desto größer wurde das verfügbare Streckennetz zwischen Irland im Westen und der Türkei im Osten, zwischen dem Norden Schwedens und dem tiefen Süden Spaniens.

Theoretisch könnte der Reisende 40.000 Ziele ansteuern; doch so einfach wie früher – Ticket kaufen und einfach losfahren – ist es nicht mehr. Viele Schnellzüge, vor allem in Frankreich, Spanien, Schweden und Italien, sind reservierungspflichtig, »und für Interrailer sind oft nur kleine Kontingente verfügbar«, sagt David Scheibler, Gründer des »Zugreiseblogs«. Wer beispielsweise mit dem TGV oder anderen Hochgeschwindigkeitszügen fahren will, der muss für die Sitzplatzreservierung zwischen 10 und 15 Euro zahlen. Das kann bei etlichen Fahrten ganz schön ins Geld gehen.

Ohnehin braucht nicht jeder den Global Pass. Wer beispielsweise auf den Spuren von Agatha Christie reisen möchte, die dem Orientexpress zwischen London und Istanbul ein literarisches Denkmal gesetzt hat, der kommt auch mit »sieben Tagen innerhalb eines Monats« klar und spart gegenüber dem üblichen Monatspass 335 Euro. Wer nur ein einziges Land entdecken möchte, für den bietet sich der »One Country Pass« an. »Allerdings sollte man genau rechnen, ob man mit Einzeltickets nicht günstiger fährt. In Osteuropa ist das Bahnfahren deutlich günstiger als in westeuropäischen Ländern«, sagt David Scheibler.

Kerstin, die bahnbegeisterte Schwedin, hat das nächste Interrail-Abenteuer bereits gebucht: Im Sommer geht es für vier Wochen in den Süden, mit Abstechern nach Rom, Belgrad und Athen.

srt