Abenteuer Amalfitana Roadtrip zur schönsten Schlucht der Welt

Amalfis Küstenstraße ist wie eine schöne Frau: aufregend, kurvig und manchmal ziemlich anstrengend. Ein Urlaub am Rande der wilden Serpentinen erfordert Schwindelfreiheit - und belohnt mit berauschenden Ausblicken auf smaragdblaues Wasser und eine grandiose Felsenkulisse.

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Wenn die Sonne scheint, ist Positano das Paradies. Voller überraschender Perspektiven, bunter Majolika-Kuppeln und mit einem Gassengewirr, in dem man wunderbar Geld für unnütze Dinge loswerden kann.

Heute allerdings sind schwere Wolken aufgezogen, und Fabbio hat schlechte Laune. Das Lenkrad in seiner Hand ist in ständiger Bewegung, der glänzende Goldring flitzt von rechts nach links, dreht sich mit den Serpentinen, hoch über dem Golf von Salerno. Fabbio ist Busfahrer, unterwegs von Positano nach Amalfi auf der SS 163, einer der zweifellos schönsten Küstenstraßen der Welt.

"Verdammt, guck dir den an, hat drei Meter Platz und lässt mich nicht durch", schimpft der 30-Jährige und hebt theatralisch die Handfläche gen Himmel. "Natürlich liebe ich meine Arbeit, aber manchmal ist es ganz schön anstrengend", sagt er. Nicht die Kurven seien das Problem - schließlich sei die Straße früher noch enger und unübersichtlicher gewesen. Nein, die Ortsfremden trieben ihn in den Wahnsinn, "weil sie total ängstlich und unberechenbar fahren", stöhnt Fabbio, der sich im Gegensatz zu vielen deutschen Kraftfahrern dennoch seine gute Laune bewahrt hat und durch eine gewisse Eleganz besticht.

Im dunkelblauen Pullover und passenden Turnschuhen, das kastanienbraune Haar aufwendig in Form gebracht, plaudert er mit seinen Fahrgästen während der Bus wie ein Schiff hin- und herschaukelt. So heftig schwankt das Gefährt, dass die japanischen Touristen ihre Kameras weglegen und die deutschen noch grimmiger durch die verregnete Scheibe starren. Fast alle Mitfahrer krallen ihre Finger in die Sitze, bis die Knöchel weiß hervortreten - nur einige Studentinnen mit riesigen Sonnenbrillen nutzen die Zeit für ein Nickerchen.

Schlamperei und Promi-Partys

"Ich gehöre zum Prekariat", erklärt Fabbio ungerührt, während er geschickt um einen Felsvorsprung herum laviert. Das Ganze sei nur ein Saisonjob, "im September bin ich wieder arbeitslos", so der gelernte Elektriker. Draußen ziehen beflaggte Restaurants und Hotels vorbei, am Hang parkt eine Stretch-Limousine aus Rom. Das Meer zeigt sich mürrisch und grau, der Horizont verschwindet im Nebel. Dramatisch steil erhebt sich zur Rechten die Felsenküste, an der pastellfarbene Häuser wie mit Kaugummi befestigt in den Nischen kleben.

Ohne Unterlass fließt der Gegenverkehr, Lieferwagen, Reisebusse und Vespas quälen sich durch das Nadelöhr vor einer Baustelle, wo Lotsen den Verkehr regeln. Überall quaken die Hupen, das Tempo ist beträchtlich. "Es gibt immer wieder Unfälle - aus gutem Grund", sagt Fabbio, der jahrelang für private Busunternehmer gefahren ist und mit Grauen daran zurückdenkt: Bis zu 19 Stunden am Stück habe er gearbeitet und dabei kaum Pausen eingelegt. "Das bedroht die Sicherheit der Fahrgäste, denn auf dieser Straße musst du hellwach sein", so der 30-Jährige. Sein jetziger Arbeitgeber verhalte sich arbeitsrechtlich tadellos, dennoch gebe es schwarze Schafe auf dem Markt: "Da fehlt eindeutig die Kontrolle."

Sie ist Segen und Fluch zugleich, die 30 Kilometer lange Prachtstrecke, die als einfache Landstraße um 1840 das Licht der Welt erblickte. Bis dahin waren die an die Felsen geschmiegten Ortschaften fast nur vom Wasser aus zu erreichen - die Seerepublik Amalfi unterhielt seit dem 7. Jahrhundert intensive Handelsbeziehungen zu Byzantinern und Arabern.

Lange bevor der Massentourismus Amalfis Küste erreichte, suchten hier berühmte Künstler nach der Essenz der Dolce Vita. Schon der toskanische Dichter Giovanni Boccaccio pries 1351 in seinem Dekameron die atemberaubende Schönheit der Region.

Viel später folgten der Dramatiker Henrik Ibsen oder Richard Wagner, der in Ravello seinen Parsifal komponierte. Der Schah von Persien, der im extravaganten Positano seine Flitterwochen verbrachte. US-Autor John Steinbeck, der von einem unwirklichen Ort sprach, dessen Realität man erst in der Sehnsucht danach spüre. Hollywood-Diven wie Liza Minnelli oder Elizabeth Taylor, Mode-Granden wie Jean Paul Gaultier oder Nicola Trussardi, die hier ihre Cocktails tranken.

"Macché!"

Als sich der Bus dem Fiordo del Furore nähert, hat der Wettergott bereits kleine Löcher in die Wolkendecke gerissen. Gleißend hell bricht die Sonne hindurch und bringt das Meer zum Leuchten - smaragdgrün und türkis, wie im Prospekt versprochen, aber um Ellen beeindruckender. Nur einmal in der Stunde kann man die Brücke über dem Fjord passieren, schon hat sich eine lange Schlange Wartender gebildet. Ein Lotse wird übersehen und fast überfahren, was er mit einem genervten "Macché" und entsprechender Geste quittiert.

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Wer einige Minuten Zeit hat, prescht die endlosen Stufen in das enge Tal von Furore hinab und genießt den phantastischen Blick auf Brücke und Meer. Fischerboote liegen wie von Riesenhand geworfen am Strand, daneben plätschert der Schiatro, ein Bach, der einst die Mühlen einer Papierfabrik antrieb. Während ein kleiner Junge skeptisch seinen Zeh in das noch kühle Meer steckt, hat Giorgio seine Angelroute ausgeworfen und blinzelt entspannt in die Sonne.

Ein zauberhafter Ort, kein Wunder, dass die berühmte Filmdiva Anna Magnani sich 1947 während der Dreharbeiten zu dem Film "L'Amore" eben hier einquartierte und einen Sommer der Liebe mit Robert Rossellini verbrachte, der den Fiordo "die schönste Schlucht der Welt" nannte.



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