Abenteuer vor der Haustür Das nackte Vergnügen

Die Großen Ferien brechen an, die Nation packt ihre Koffer. SPIEGEL ONLINE stellt Abenteuer direkt vor der Haustür vor - von der Nordsee bis zu den Alpen. Im Barfußpark Dornstetten schrecken Kinder, Manager und saudische Prinzen weder Kies noch Kaulquappen.

Von Martin Cyris


"Da müssen wir jetzt durch." Mit nervösem Patriarchenton steht der junge Familienvater vor einem flachen, schummrigen Tümpel. Seine beiden Töchter blicken fasziniert auf die vibrierende Oberfläche. Hunderte Kaulquappen tummeln sich um die blanken Zehen der Barfußläufer. Nackten Fußes, mit hochgekrempelten Cargo-Hosen, stakst das Familienoberhaupt voran. Die Töchter quieken vor Freude: "Die fressen meine Füße!", ruft eine und beeilt sich, als Letzte des Gänsemarschs wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Übrigens ohne fatale Folgen für die Tierchen, denn Wasserwirbel verhindern tödliche Begegnungen mit den Sohlen.

Der Parcours des Barfußparks Dornstetten-Hallwangen im Schwarzwald führt mitten durch die belebte Pfütze – und bietet auch auf den restlichen Etappen der 2,5 Kilometer langen Strecke nicht alltägliche Begegnungen mit der Natur. Vor allem für die Füße, die oftmals seit den Kindheitstagen keinen Grashalm mehr geschweige denn Matsch zwischen den Zehen spürten.

Dabei ist Barfußlaufen eine der natürlichsten Sachen der Welt. Doch die Segnungen von Zivilisation und Schuhindustrie trieben zusehends einen Keil zwischen Mensch und Mutter Erde. Verlust der natürlichen Bodenhaftung inklusive. Wie bei den sechs Managern aus Stuttgart. Ein hoch bezahlter Coachingtrainer verfrachtete die Industriekapitäne in den Barfußpark in Dornstetten-Hallwangen – und damit auf unbekanntes Terrain. In mehrfacher Hinsicht.

"Als die Manager hörten, dass sie ihre Schuhe ausziehen, den Krawattenknoten lösen und die Anzughosen hochkrempeln sollten, waren sie völlig baff", erzählt Martin Zorin, Leiterin des Barfußparks. "Einer meinte, wenn er das gewusst hätte, wäre er vorher noch zur Pediküre gegangen." Doch auch er bestand die Nagelprobe.

Gemeinsames Füßewaschen

Die meisten Besucher sehen es selbstverständlich etwas entspannter. Wie der saudische Prinz, der gleich mit dem gesamten Hofstaat nackten Fußes über Stock und über Stein stiefelte – und im beschaulichen Dornstetten Gesprächsstoff auf Wochen hinaus lieferte. Prinzen sind im Barfußpark natürlich die Ausnahme, doch regelmäßig kommen ganze Firmen, um dort ihren Betriebsausflug abzuhalten. Angestellten von Banken oder Steuerberaterkanzleien hilft das Barfußlaufen, soziale Blockaden zu überwinden.

"Wenn der Abteilungsleiter barfuß neben seinen Untergebenen läuft, ist das im ersten Moment ungewohnt, doch schon nach den ersten Schritten löst sich die Anspannung und spätestens beim gemeinsamen Füßewaschen hört man die ganze Gruppe lachen", berichtet Martina Zorin. Am Ende des Parks warten Wasserhähne und derbe Fußbürsten – die helfen zusätzlich, verspannte Gesichts- und Lachmuskeln zu entkrampfen.

Kinder haben in der Regel weniger Berührungsängste und sind schnell fürs Barfußlaufen zu begeistern. Familien stellen daher auch den größten Teil der Besucher in Dornstetten. An warmen Tagen hüpfen Hunderte Kinder durch Matsch und Gras, während ihre Eltern ihre verweichlichten Fußsohlen an Kies- oder Waldböden gewöhnen. Der Pfad führt durch ein kleines Tal mit Bach und Wiesen und mündet in der zweiten Hälfte in einem Wald. Künstliche Matschgruben simulieren den Ernstfall bei Schmuddelwetter. Außerdem wurden kurze Streckenabschnitte mit Steinfliesen aus dem Baumarkt gepflastert – damit die Füße wissen, was ihnen künftig auf dem Weg vom Gemüsebeet zum Carport alles unter die Sohle kommt.

Touristischer Clou für verschlafene Provinz

Der Eintritt in den Park ist kostenlos. Und das soll laut Parkleiterin Martina Zorin auch so bleiben. "Barfußlaufen darf nichts kosten." Die Pflege der Anlage verschlingt pro Jahr zwar eine sechsstellige Summe, doch Dornstetten profitiert dennoch vom Besucherstrom: Seit der Eröffnung des Barfußparks im Jahr 1999 schnellte die Zahl der Tagesgäste im Schwarzwaldort schlagartig nach oben. Außer einem kleinen Bergwerksmuseum und einer idyllischen Lage hat der ruhige Luftkurort ansonsten wenige Anziehungspunkte.

Die Einrichtung des Parks wirkt daher wie ein touristischer Clou für verschlafene Provinznester. Fast jede Woche erhält Martina Zorin einen Anruf eines Kleinstadtbeamten, der sich Tipps für die Einrichtung eines vergleichbaren Parks erhofft. Das findet Martina Zorin allerdings wenig originell: "Es wäre besser, jede Gemeinde würde sich ihre eigenen Gedanken machen." Zu unterschiedlich seien die örtlichen Gegebenheiten wie Bodenbeschaffenheit oder Topographie.

Zwar gibt es bundesweit mittlerweile zirka ein Dutzend vergleichbarer Barfußparks, doch gemessen an der Streckenlänge ist der Dornstettener einer der größten. Und wahrscheinlich auch der meistbesuchte. Martina Zorin ist sich bewusst, dass der Park für Spitzfindige ein Absurdum darstellt: Besucher fahren oft viele Kilometer, um ihre Treter abzulegen und barfuß zu laufen – obwohl sie es auch vor der Haustüre könnten. "Ich betrachte es aber als Erfolg, dass wir durch den Park viele Leute anregen, etwas für ihre Gesundheit zu tun, was sie sonst unterlassen würden", sagt Martina Zorin. Motto: Besser Naturentertainment als gar keinen Spaß.

Tipps für Parknovizen

Zurück zur Natur – aber bitte ohne Schuhe! Alternativmediziner predigen längst, dass das Barfußlaufen sehr gesund ist. Schon Pfarrer Kneipp wusste, dass ein gesunder Geist und ein gesunder Körper auf gesunden Füßen stehen. Lange bevor der Begriff der Fußreflexzonenmassage erfunden wurde, empfahl Kneipp barfüßiges Spazierengehen über taufrische Wiesen. Etwa um den Blutkreislauf anzuregen und das Immunsystem zu stärken.

Aber auch um die Psyche wieder einzurenken. Denn durch die komplexen positiven Wirkungen auf Körper und Geist hilft Barfußlaufen, Stress und Spannungen abzubauen. Feucht, warm, trocken, kalt – der hoch entwickelte Tastsinn der Fußsohlen mit seinen unzähligen Nerven- und Sinneszellen fördert ein intensiveres und bewussteres Wahrnehmen der Natur. Auch für den gesamten Bewegungsapparat ist Barfußlaufen eine Wohltat. Dauerbarfußläufer kennen weder Knie-, noch Hüft- noch Rückenprobleme.

Einige Ärzte aus dem Umkreis von Dornstetten haben deshalb Barfußgruppen gegründet: Arthrosepatienten, Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten, Migränepatienten. Diese können nach ein paar Barfußrunden sogar wieder Kindergejohle ertragen. Besser so, denn spätestens bei der Fußdusche am Ausgang sind starke Nerven gefragt. Im Akkord und unter lauter Anteilnahme der Umstehenden wird dort der angetrocknete Schlammteig von den Füßen gerubbelt und gebürstet.

Martha Freud kommt mehrmals in der Woche in den Barfußpark und nennt Barfußlaufen "das nackte Vergnügen". Die Hausfrau aus einem Nachbardorf von Dornstetten ist eine von vielen Stammgästen, darunter auch viele ältere Semester, die vor allem abends durch den Park wandeln. Man kennt sich, man grüßt sich. Ein freundlicher älterer Herr mit weißen Haaren, Cordhose und Holzfällerhemd ruft in die Runde: "Fuß zum Gruß!" Die Gruppe tauscht sich über gegenseitige Erfahrungen aus und gibt Parknovizen nützliche Tipps: Glasscherben oder Hundehaufen als Tretminen? Einfache aber wirkungsvolle Empfehlung der Schuhverächter: Aufpassen, wo man hin- beziehungsweise reintritt!

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