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Emanuele Occhipinti

Siziliens berühmter Vulkan Ätna Der Barbiere, die Bauern und ihr Berg

Sie verehren ihn wie die eigene Mutter, sie beäugen ihn wie einen Feind: Die Menschen, die am Ätna wohnen, leben mit Asche und Ungewissheit. Der sizilianische Fotograf Emanuele Occhipinti hat sie porträtiert.
Von Julia Stanek

Es regnete wieder Asche in Sant'Alfio, am Freitag war das, doch die Menschen in dem kleinen Dorf sind es gewohnt. Die Ausbrüche des Ätnas, des höchsten aktiven Vulkans Europas, gehören auf Sizilien zur Normalität. Na ja, nicht ganz. Es sei wohl eher eine »außergewöhnliche Normalität«, mit der die Leute am Ätna es zu tun hätten, sagt Emanuele Occhipinti.

Der 41-jährige Fotograf kennt sich aus mit dem Vulkan, der in der vergangenen Woche gleich dreimal Lava spuckte, und dem er seit 2018 ein Langzeitfotoprojekt gewidmet hat. Er ist in diesem Jahr besonders aktiv, in den vergangenen vier Monaten habe es bereits mehr als 20 Paroxysmen gegeben, sagt Occhipinti, eine Folge sich steigernder Ausbrüche also.

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»A Muntagna« von Emanuele Occhipinti: Alltag am Ätna

Foto: Emanuele Occhipinti

Doch anders als die Vulkanforscherinnen und -forscher interessiert sich Occhipinti nicht für die Höhe der Rauchsäulen, sondern für die Tiefe der Beziehung, die Mensch und Berg hier miteinander führen. »Der Berg«, so nennen die Menschen rund um den Ätna ihren Vulkan, »a'muntagna«, auf Sizilianisch. Doch eine andere Bezeichnung sagt vielleicht noch mehr aus über ihn.

»Die Leute hier nennen den Vulkan ›Mamma Etna‹«, sagt Occhipinti. Er versteht das als Ausdruck »größten Respekts gegenüber dem Ätna, der für die Menschen ein ›guter Vulkan‹ ist. Schließlich komme es extrem selten vor, dass er für die Bevölkerung eine ernste Gefahr darstellt«.

Er ist zwar auf Sizilien geboren und aufgewachsen, doch er verließ die Insel vor knapp 20 Jahren, so, wie es viele junge Leute mangels echter Perspektiven tun. Er arbeitete im Ausland, war ein bisschen in Europa unterwegs und lebt nun in England. »An einem gewissen Punkt hatte ich das Bedürfnis, mich meiner Heimat wieder zu nähern«, sagt Occhipinti. Über die Fotografie natürlich, über das Erzählen. Er schnappte also seine Kameraausrüstung und reiste los.

Wo anfangen? Was genau fotografieren? Natürlich das Symbol Siziliens, den Ätna. Aus der Perspektive der Menschen dort.

Vier Jahre lang ging Occhipinti der Frage nach: Wie lebt es sich an diesem Ort, der bedrohlich und mystisch schön zugleich ist? Was macht den Alltag aus, wenn das Zuhause an den Flanken eines Vulkans liegt, sozusagen in direkter Spuckweite dieses brodelnden Feuertopfs?

Ackern, oft auch ohne Kamera

Weil Occhipinti am liebsten dokumentarisch fotografiert, hat er den Menschen vor Ort gar nicht erst viele Fragen gestellt. Er hat sich unter sie gemischt, sich zeitweise in den verschiedenen Dörfern, den paesi etnei, eingemietet. Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gegessen, geredet und auf den Feldern, den Weinhängen gearbeitet. »Nein, ich habe nicht die ganze Zeit fotografiert«, sagt Occhipinti.

Für ihn war die Reise an den Ätna eine Reise in eine ihm unbekannte Gegend, er kannte dort niemanden, es war wie ein Neuanfang. Die Stadt Ragusa, aus der er ursprünglich stammt, liegt gerade mal zwei Stunden südlich des Ätna, und doch gefühlt in weiter Ferne davon. »Die Region um den Vulkan ist für mich ein Mikrokosmos, eine Insel innerhalb der Insel«, sagt Occhipinti. »Um diese betreten zu können, um in Kontakt mit den Leuten zu kommen, musste ich ein bisschen Zeit verlieren«, sagt er. Und das tat er mit großer Leidenschaft, man sieht es seinen Bildern an.

Er porträtierte die Weinbauern, die Landwirte, die sizilianischen Frauen inmitten von Häkelarbeiten und Haushalt. »Manches mag wie ein Klischee wirken«, sagt der Fotograf. Aber sein Ziel hat er erreicht: sich wieder ein bisschen mehr zu Hause fühlen auf seiner Geburtsinsel. »Ich kann nicht sagen, dass ich mich total verliebt habe in die Region rund um den Ätna«, sagt Occhipinti. »Aber ein bisschen verknallt, hab ich mich schon,

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