Spanisches Dorf Aielo Die Kinder von Kola-Coca

Der Welterfolg von Coca-Cola nahm seinen Anfang in einem kleinen spanischen Dorf. Das zumindest glauben die Einwohner bis heute - denn kurz nachdem ein Likörhersteller sein Gebräu "Kola-Coca" in die USA brachte, wurde die braune Brause erfunden.

Fabian von Poser

Von Fabian von Poser


Der Ort, in dem angeblich das berühmteste Getränk der Welt erfunden wurde, ist ein wenig heruntergekommen. Die Straßen von Aielo de Malferit in der Provinz Valencia sind wie leergefegt, viele Häuser stehen zum Verkauf. Man begegnet fast ausschließlich alten Leuten, die Jungen sind abgewandert in die Großstädte, nach Valencia, Barcelona oder Madrid, weil es in der spanischen Provinz keine Arbeit gibt.

Ein grauhaariger Mann mit weißem Kittel und einer Brille mit silbernem Rand nimmt eine dünne Glasröhre und gießt eine zähe braune Flüssigkeit hinein. Durch die staubigen Fenster seines Fabrikraums fallen fahle Lichtkegel in den Raum, es riecht nach feuchtem Holz. "Gehobelte Kola-Nuss und Kräuter vermengt mit Alkohol", sagt Juan Micó. "Etwa einen Monat reift alles zusammen im Tonkrug. Was danach passiert, ist geheim."

Der 74-Jährige hütet ein großes Geheimnis. Das Rezept für seinen Likör Nuez de Kola-Coca soll die Basis für den Welterfolg von Coca-Cola sein. Noch einmal schüttelt Micó die Flüssigkeit im Glas, so als wolle er ihre Konsistenz prüfen. Träge schwappt der Likör hin und her. Dann lässt er die Besucher kosten. Der Geschmack ist sehr süß. Zuckerrübensirup ist ein fades Wässerchen dagegen. "Es ist besser, ihn zu mischen, als ihn pur zu trinken", sagt Micó beinahe entschuldigend. "Mit etwas Wasser schmeckt er am besten, Frauen trinken ihn gerne auch mit Milch."

Vor mehr als 120 Jahren haben Micós Vorgänger ein Getränk erfunden, dessen heutige Variante als Nuez de Kola-Coca bekannt ist. Menschen kommen von weit her, um es zu kosten, manchmal ganze Reisebusse.

Köstliche Tränen des Steuerzahlers

Die Geschichte der Fábrica de Licores von Aielo reicht bis in das Jahr 1880 zurück. Damals gründeten die drei Unternehmer Bautista Aparici, Ricardo Sanz und Enrique Ortiz die Fabrik. Ihnen gelang es, einige exzellente Produkte herzustellen, darunter Liköre mit so klangvollen Namen wie Perfecto Amor (perfekte Liebe), Lágrimas de Contribuyente (Tränen des Steuerzahlers) und Placer de Damas (Genuss für Damen).

Schon bald reiste Aparici, der für den Vertrieb zuständig war, aus der spanischen Provinz zu Messen in Rom, Paris, London und Chicago. Als er 1885 nach Philadelphia kam, hatte er auch einige Flaschen eines neuen Getränks namens Kola-Coca im Gepäck, das die drei damals aus koffeinhaltigen Nüssen des afrikanischen Kola-Baumes und den Blättern des Coca-Strauchs aus Peru herstellten. Prompt gewannen sie den Preis für die beste Neuerfindung. Einige Flaschen ließ Aparici als Proben bei Vertretern in den USA. Zufall oder nicht: Nur ein Jahr später erfand der amerikanische Pharmazeut John Pemberton Coca-Cola.

Micó steht in seinem Büro und hält einen goldenen Bilderrahmen in der Hand. Er ist voller Medaillen, Auszeichnungen für die flüssigen Kreationen der Firma. Mailand 1881, Chicago 1883, Philadelphia 1885, London 1889, Paris 1900. "Insgesamt 20 Goldmedaillen und zehn Ehrendiplome", sagt Micó stolz. Der Unternehmer hält den Rahmen wie einen Beweis in die Luft. Die Basis für Coca-Cola wurde in Aielo de Malferit erfunden, da ist er sich sicher. "Damals konnte man Getränke leicht kopieren", sagt Micó. "Denn Patente wurden erst angemeldet, wenn ein Produkt Erfolg hatte." Deshalb ließen seine Vorgänger Nuez de Kola-Coca auch erst 1903 für Spanien patentieren - zu einem Zeitpunkt, als Coca-Cola in den USA schon lange auf dem Siegeszug war.

Viel Geld für die Namensrechte

Die Wege der beiden Firmen kreuzten sich ein halbes Jahrhundert später. Als Coca-Cola den spanischen Markt erobern wollte, führte an der kleinen Fabrik aus Aielo de Malferit kein Weg vorbei. Im Jahr 1953 reisten die Manager des US-Getränkeunternehmens in die spanische Provinz und kauften dem damaligen Besitzer Joaquin Juan Sanchis die Namensrechte an seinem Getränk ab.

Die Fabrik durfte zwar weiter unter dem Namen Kola-Coca produzieren, allerdings nur noch mit Alkohol. Seitdem ist Nuez de Kola-Coca ein Likör. 30.000 Peseten sollen damals über den Tisch gegangen sein. Doch so genau weiß das niemand mehr, denn viele der alten Dokumente wurden zerstört. In jedem Fall war es viel Geld, glaubt Micó.

Und doch nichts gegen das, was daraus hätte werden können. 2011 feierte Coca-Cola 125-jähriges Jubiläum, als eine der bekanntesten Marken der Welt. "Würden wir heute nur ein Tausendstel der Anteile besitzen, wären wir alle Millionäre."

Stattdessen besteht Micós Unternehmen aus nicht viel mehr als einem altem Fabrikgebäude, von dessen Fassade der Kalk abbröckelt, einem ausgetretenen Steinboden und ein paar Dutzend Holzfässern. Nach zahlreichen Besitzerwechseln kaufte Micó die Firma 1971. Acht Jahre arbeitete er da schon im Betrieb, zuerst als einfacher Angestellter, dann als Assistent des Chemikers, später als Vertriebsleiter. Damals hatte die Fabrik noch mehr als drei Dutzend Angestellte, heute sind es nur noch vier. "Das Geschäft ist schwierig geworden", sagt Micó. Ausländische Firmen hätten den Markt erobert. Die meisten traditionellen Betriebe seien verschwunden. Auch er verkauft mittlerweile nur noch direkt ab Lager.

Um überleben zu können, ist er heute nebenbei Landwirt. Außerdem hat seine Firma vor einiger Zeit den Vertrieb für eine große spanische Bierbrauerei übernommen. "Die Likörfabrik ist für uns heute kaum mehr als ein Hobby", sagt der Unternehmer. "Wir wollen die Tradition aufrechterhalten, damit sie nicht verlorengeht. Aber wir können nichts mehr investieren."

Während Coca-Cola in den USA jährlich Milliardengewinne einstreicht, ist Kola-Coca vom Aussterben bedroht. Noch fünf oder sechs Jahre will Micó das Unternehmen führen. Dann wird sein Sohn José Juan übernehmen, er ist 43. "Danach", sagt Micó, "ist dieses Kapitel Geschichte wahrscheinlich beendet."



insgesamt 18 Beiträge
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kraut55 05.08.2013
1. Märchenstunde?
Wenn alles so korrekt ist wie die Aussage "als er 1885 nach Philadelphia flog" - na, dann mal Gute Nacht!
ofelas 05.08.2013
2. klar und die Kartoffel, Tomate etc auch
Natuerlich, wo den sonst und nicht etwa in Latein Amerika. Worcester Souce besteht aus Ingedienzen die aus Indien stammen, wo der "Erfinder" zufaellig Jahre lang gelebt hat und wo es zufaellig eine sehr aehnlich Paste gibt.
bewarzer-fan 05.08.2013
3. je doute!
Zitat von sysopFabian von PoserDer Welterfolg von Coca-Cola nahm seinen Anfang in einem kleinen spanischen Dorf. Das zumindest glauben die Einwohner bis heute - denn kurz nachdem ein Likörhersteller sein Gebräu "Kola-Coca" in die USA brachte, wurde die braune Brause erfunden. http://www.spiegel.de/reise/europa/aielo-de-malferit-wer-hat-coca-cola-erfunden-a-913315.html
2. Abschnitt, 2. Absatz, Zitat: ' Als er 1885 nach Philadelphia flog...' Ja, wie soll er das denn gemacht haben, mit dem Dampfflugzeug von Alexander Moschaiski etwa? Oder gab es schon gut 100 Jahre vor einem österreichischen Bonbonwasser etwas, das Flügel verlieh :-)
MS1960 05.08.2013
4. Köstlich...
"Als er 1885 nach Philadelphia flog, hatte er auch einige Flaschen eines neuen Getränks namens Kola-Coca im Gepäck"
thegoodrebel 05.08.2013
5.
"Als er 1885 nach Philadelphia flog" ?
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