Airport Kaliningrad Russlands Flug nach Westen

Kaliningrad feiert die Eröffnung seines neuen internationalen Flughafens. Das neue Terminal ist zwar noch nur ein halbfertiger Rohbau, die russische Exklave träumt trotzdem schon von einer großen Zukunft als Bindeglied zwischen Westen und Osten, zwischen Europa und Russland.

Von , Kaliningrad


Kaliningrad - Eine spartanische Kathedrale aus Glas und Beton – das Innere des neuen internationalen Terminals des Kaliningrader Flughafens vermittelt Schlichtheit und Effizienz. Doch ist der Eindruck nicht etwa einer neuen russischen Bescheidenheit geschuldet: Der Bau ist, trotz der feierlichen Eröffnung am vergangenen Wochenende, noch lange nicht fertig.

Eilig hat jemand den neuen "Sektor D" des Flughafens mit einem Blatt Papier und ein paar Reißzwecken kenntlich gemacht. Die Flughafenangestellten demonstrieren eifrig Dienstbereitschaft. Nur fehlen die Passagiere. Unverkleidete Kabelleitungen, nackter Estrich, es riecht nach Farbe. Das Gebäude verströmt den kühlen Charme eines halbfertigen Rohbaus. Immerhin, das computeranimierte Mosaik auf dem Boden funktioniert schon.

Wolgograd, Omsk, Samara – Barcelona, München, Rom. Auf der blauen Anzeigetafel wenigstens lässt sich die Vision schon erahnen, die diesem Großprojekt innewohnt: Der neue Flughafen soll Russland, vor allem seine abgelegenen Provinzen, an Metropolen der Europäischen Union anbinden. Von Sibirien in den Westen, einmal Umsteigen in Kaliningrad. Deswegen ist das Terminal auch fast komplett für den Transitverkehr ausgelegt.

Flug nach Westen geht über Kaliningrad

Umgerechnet rund 42 Millionen Euro hat das neue Terminal gekostet. Es soll zum neuen Knotenpunkt zwischen Westeuropa und Russland werden. Die örtliche Airline "KD-Awia" will vor allem Städte an den europäischen Flugverkehr anbinden, die weit ab vom Schuss liegen. Omsk in Sibirien etwa oder Samara an der Wolga. Den Passagieren soll so das lästige Umsteigen in Moskau erspart bleiben.

"Sie werden keinen besseren Standort finden, das Projekt hat glänzende Aussichten", sagt Georgij Boos, Gouverneur des Gebietes Kaliningrad. In Omsk seien die neuen Flüge schon auf zwei Monate ausgebucht. KD-Awia verkehrt bereits seit einer Woche auf den neuen Strecken, nach Unternehmensangaben fliegen seitdem täglich doppelt so viele Menschen mit der kleinen Airline wie früher. Wenn das neue Terminal dann endgültig fertig sein wird, soll es bis zu drei Millionen Passagier im Jahr abfertigen können.

Kaliningrad als Tor zum Westen. Ausgerechnet Kaliningrad. Auf den Landkarten ein einsamer Flecken Russland inmitten der Europäischen Union. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der baltischen Staaten beraubten die heutige Exklave ihrer direkten Landverbindung zum russischen Mutterland. Viele Betriebe, die von Rüstung und Militär abgängig waren, verloren ihre Existenzgrundlage, Subventionen wurden von Moskau gestrichen. Kaliningrad fiel in eine tiefe Wirtschaftskrise und in Agonie.

Kaliningrad, das war immer irgendwie dazwischen, auch: zwischen allen Stühlen. Jetzt will das Gebiet aus dieser schwierigen geografischen Lage endlich Kapital schlagen und Russlands Brückenkopf im Westen werden, im positiven Sinne. Zwölf Städte in der EU fliegt KD-Awia heute schon von Kaliningrad an – darunter allein fünf deutsche.

Wirtschaftsboom in Kaliningrad

Der neuen Flughafen könnte auch eine Chance sein, dass Deutschland und Kaliningrad, das frühere deutsche Königsberg, in Zukunft besser zusammenfinden. Denn die Beziehungen zwischen Deutschland und der russischen Exklave, die einstmals Ostpreußen hieß, sind noch immer schwierig. Beim Stadtjubiläum vor zwei Jahren wurden dezidiert 750 Jahre Kaliningrad gefeiert – obwohl die Stadt erst seit dem Zweiten Weltkrieg diesen Namen trägt.

Im Stadtbild findet sich nur wenig vom deutschen Erbe. Die Sowjets sprengten 1969 das alte Stadtschloss. Heute finden auf dem ehemaligen Gelände der Ordensburg Ausgrabungen statt, die der SPIEGEL seit sechs Jahren finanziert. Viele Deutsche fremdeln noch immer mit diesem mitten zwischen die EU geworfenen Stück Russland. Kaliningrad ist vielen ein bisschen unheimlich, auch der Wirtschaft. Unternehmen halten sich zurück, 2003 investierten deutsche Firmen gerade einmal sechs Millionen Euro.

Doch die Zeichen stehen auf Besserung. Das Gebiet Kaliningrad mit einen Million Einwohner erlebt einen wahren Wirtschaftsboom. 2004 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um satte zwölf Prozent – und laut Gouverneur Boos stieg die Industrieproduktion im ersten Quartal dieses Jahres um sagenhafte 16 Prozent. Auch hat sich ein deutsches Unternehmen erstmals mit einer größeren Investition auf Kaliningrader Boden gewagt: Hipp Babynahrung legte in der vergangenen Woche den Grundstein für ein neues Werk im Gebiet Kaliningrad. Investitionssumme: rund acht Millionen Euro.

"Wind of Change", das Lied der Wendezeit

Derweil wird der Umgang der Kaliningrader mit dem deutschen Erbe unverkrampfter. In der Stadt tauchen Reminiszenzen an die untergegangene deutsche Stadt auf, greifen Unternehmen wie die Immobilienfirma "Kjenig" den deutschen Namen auf. Der alte Dom ist wieder aufgebaut – und dennoch kommt kein Zweifel auf: Heute ist die Stadt russisch.

"Die deutsche Vergangenheit wird immer mehr zum Kristallisationspunkt einer russischen Kaliningrader Identität", sagt der deutsche Generalkonsul Guido Herz. Heute sei die Tatsache, dass das Gebiet früher deutsch war, keine Belastung mehr. "Im Gegenteil", sagt Herz, "es ist eine Chance und Grundlage für besonders enge Beziehungen."

Am Samstagabend feierte Kaliningrad das neue Terminal mit einem grandiosen Konzert und feierte damit einen halbfertigen Bau. Aber das störte niemanden, gefeiert wurde der Traum, die Vision vom Aufbruch. Joe Cocker verrenkt sich auf der riesigen Bühne, singt "My Father’s Son" und "Unchain my Heart". Zum Abschluss traten die Scorpions auf. Es kommt wie es kommen muss – sie spielen es wieder, dieses schöne, schaurig-kitschige Lied vom "Wind of Change", von damals, vom Traum der Wendezeit. Als man 1990 glaubte, alle Gräben überbrücken zu können. Das Lied, das den Zusammenbruch der Sowjetunion begleitete, der aus Kaliningrad eine Insel machte und es zurückließ, irgendwo im Nirgendwo.



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