Die muscheligste Bar der Algarve In Schale geworfen

Kitsch oder Kunst? Wer die Bar Portas da Villa in Albufeira betritt, staunt erst mal nur. Helder Bailote beklebt jede freie Fläche mit Muscheln - bisher konnten ihn weder die Stadt noch die Familie stoppen.

Frank Patalong/ SPIEGEL ONLINE

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Bald werde er 70 Jahre alt, sagt Helder Bailote. Bis vor zehn Jahren stand er nicht in Verdacht, irgendwie künstlerisch ambitioniert zu sein. Heute ist er der Mann, der ein altes Gewerbegebäude in Albufeira, der Tourismusmetropole der Algarve, in ein schillerndes, buntes, von oben bis unten mit Muscheln besetztes Kunstwerk hart an der Grenze zum Kitsch verwandelt hat.

Ob die schon überschritten ist? Geschmackssache. "Wir sagen ihm seit Jahren, dass es jetzt reicht", erzählt sein Neffe Ivan, Sohn von Helders Bruder João. Die drei Männer betreiben die Portas da Villa Antiquity Bar gemeinsam. Ivan soll die Bar einmal erben, das Familiengeschäft weiterführen. Aber noch ist Helder nicht soweit: "Er macht immer weiter, jeden Winter."

Helder hört unserem Gespräch schweigend zu und lächelt leise. Er kritzelt Muster auf einen Notizblock. Als ich schaue, was er da tut, deutet er zur Theke hinüber: "Das ist das Nächste. Da ist noch Platz!"

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Algarve: Die muscheligste Bar von Albufeira

Stimmt, wenn auch nicht viel. Die Bar ist eine Kuriosität in Albufeira, ein Gebäude ohnegleichen. Die zwei sichtbaren Außenwände sind lückenlos mit großen, schweren Muscheln besetzt, wo sie nicht mit aus Muscheln gestalteten Bildern, Ornamenten, Reliefen oder Abstraktionen verziert sind. Da lächeln Könige von den Wänden, da sprießen Blumen aus organisch gestaltetem Kalkmaterial.

Wer das schon schrill oder überladen findet, war noch nicht in der Bar. Da erwartet den Gast ein schier manischer Dekorationsrausch, und natürlich ist das Material der Wahl die Muschel. Kleine, große, braune, weiße, rote, bunte, naturbelassene oder angemalte Muscheln. Dazwischen stehen oder hängen uralte Äxte, Messer, Musketen. Fischereiwerkzeug, Schreibmaschinen, Puppen, Bügeleisen. Familienbilder hängen an den Wänden: Die Großmutter in jugendlichem Alter, eine schöne Frau, ihre Mutter, deren Mann.

Buntes Glas bricht Licht, und hinter der Theke steht Ivan, 30, breit lächelnd und freut sich an den Reaktionen der Gäste. Eine Britin informiert ihren Mann darüber, was sie besonders toll findet und was er ihr im Sommer im heimischen Garten nachbauen soll. "Na, da hab ich ja den Jackpot getroffen, als ich hier reinkam", sagt der irgendwann, und alle lachen.

So sei das oft, sagt Ivan. Leute kämen in die Bar, weil sie so anders sei. Manche glaubten, sie sei eine Art Museum oder ein historisches Gebäude. Ist sie aber nicht. Und dann säßen die Gäste erst einmal mit einem Glas in der Hand und starrten die Decke, die Wände an. Ivan: "Die erste Reaktion ist immer ein Wow!" Allein das sorgt dafür, dass die Atmosphäre völlig anders ist als in jeder anderen Bar der Stadt.

Das Gebäude liegt auf der Rua da Bateria, genau dort, wo einst eines der Tore durch die befestigte Stadtmauer stand, am Rand der Altstadt von Albufeira. Heute markiert es den Bereich, wo die Partyzone auf den ruhigen Teil der Altstadt trifft. Man kann hier Ruhe suchen, aufwärmen oder abklingen.

Helder Bailote
privat

Helder Bailote

Das kleine Eckhaus ist seit Langem in der Familie: "Wir wurden alle dort oben geboren, über der Bar", erzählt Helder, und sein Bruder nickt. Unten, erzählt Ivan Bailote, flickte der Großvater die Netze der Fischer und salzte Kabeljau ein, um ihn dann an der Luft trocknend zu Portugals kräftig schmeckenden Bacalhau zu verarbeiten (wegen der Salzung ist Bacalhau übrigens eher ein milder Klipp- als ein klassischer Stockfisch). Oben lebte die große Familie auf kleinem Raum.

"Auch ich bin erst zur See gefahren, aber das war zu hart für mich", erzählt Helder. Er lernte stattdessen ein Handwerk, das man allenfalls im direkten Vergleich als leichteren Job verbuchen würde: "Also ging ich auf den Bau, 25 Jahre lang." Stein statt Meer.

Der Tourismus veränderte alles

Dann kamen die Reisenden und mit ihnen neue Möglichkeiten, sich das nötige Geld zu verdienen. Die Familie begann, ihre Wohnung im Sommer zu vermieten: "Wir schliefen dann unten, in der Werkstatt, in den Netzen!" Helder lacht, und auch sein Bruder nickt mit glänzenden Augen.

Dann hatten die zwei die Idee, die alte, winzig kleine Netzflickerwerkstatt zu einer Bar auszubauen. Es war 1981, man spürte, wie der Tourismus zu einem immer wichtigeren Geschäft wurde an der Algarve. Es lief, aber es lief noch nicht gut.

Und dann erinnerte sich Helder an das Muschelhaus. Bis Mitte der Siebziger, erzählen die Brüder nun abwechselnd, stand das oben in der Altstadt, wo heute der Lift zum Strand hinabfährt. Von oben bis unten mit Muscheln besetzt, Generationen von Eingesessenen waren damit groß geworden. Als man es abriss, um an seine Stelle einen größeren, nüchternen Hotelbau zu setzen, empfanden das viele Einwohner Albufeiras als Verlust.

Helder begann, Muscheln zu sammeln. Zwei Jahre lang suchte er den Strand ab, dann begann er 2012, die erste Außenwand zu "bemuscheln". Er fragte niemanden um Erlaubnis, und niemand hielt ihn auf, bis er im zweiten Winter auch die zweite Wand fertigstellte. "Dann kam Post von der Stadt", erzählt Neffe Ivan und lacht, "Helder habe keine Genehmigung für die bauliche Veränderung. Er solle sofort damit aufhören."

Doch der kleine, leise Helder hörte nicht auf: "Ich habe die Strafe bezahlt und einfach weitergemacht." Und dann?

João kommt von der Theke herüber und legt einen alten Prospekt auf den Tisch. Er wurde von der örtlichen Tourismusförderung aufgelegt, nachdem das kleine Eckhaus auf der Rua da Bateria begonnen hatte, sich ins "Haus der Muscheln" zu verwandeln. Auf dem Titelblatt prangt Albufeiras bunteste Bar.

Wenn es nach Helder geht, wird die sich Jahr um Jahr weiter verwandeln, so lange er noch Muscheln sammeln und kleben kann. Neffe Ivan plant derweil schon weiter: Irgendwann werde es auch eigenes Portas-da-Villa-Merchandise geben, hofft er. Der nächste Winter wird ja kommen, dann ist wieder Zeit für Ideen und Veränderungen. Für das nächste "Wow!".



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