Almabtrieb in den Alpen Wenn die Kühe Krönchen tragen

In den Alpen schmücken die Bauern ihre Kühe mit Blumen und Glocken, wenn sie von den Bergen wieder zurück auf die Höfe getrieben werden. Der Almabtrieb ist bis heute ein Schauspiel in Bayern, Österreich, der Schweiz und Südtirol.

TMN

Damit eine Kuh außergewöhnlich aussieht, braucht sie keinen lilafarbenen Anstrich. In den Alpen werden die Kühe derzeit mit Blumen geschmückt: Wenn sich der Bergsommer dem Ende neigt, steht ein traditionell buntes Ereignis an. Die Kühe, die den Sommer über auf den Almen des Nationalparks saftiges Gras und aromatische Kräuter gefressen haben, werden wieder ihren Besitzern übergeben. Dafür werden sie, hübsch zurechtgemacht, von der Alm ins Tal getrieben. Ein Ereignis, das sich jedes Jahr Tausende Menschen ansehen.

Dass die Kühe geschmückt werden, hat auch einen Grund: Ganz ungefährlich ist der Sommeraufenthalt auf den Almen für die Tiere nicht. Sie können abstürzen oder ein totes Kalb zur Welt bringen. Wenn ein solches Unglück passiert, werden die Tiere still vom Berg hinuntergebracht. Ist auf der Alm alles gut gegangen, werden sie vor allem im Berchtesgadener Land prächtig geschmückt.

Und das ist für die Bauern ein ziemlicher Aufwand, denn sie fangen traditionell erst am 24. August damit an, die Fuikl herzustellen. So heißt die Kuhkrone aus Fichtenbäumchen, deren Zweige gebunden und mit Blumen verziert werden. Der Almabtrieb findet dann zwischen Mitte September und Anfang Oktober statt - abhängig vom Wetter und vom Wachstum der Almgräser.

In Bayern werden alle Tiere mit Blumen geschmückt

Im Berchtesgadener Land ist das kein einfaches Unterfangen - die Tiere können nicht auf dem Landweg zurückgebracht werden. Früher ruderten die Bauern sie über den Gebirgssee am Fuße des Watzmanns. Heute treiben Elektromotoren die Landauer, die hölzernen Flachboote, an.

Der Aufwand für den Rücktransport der Kühe, die den Sommer auf den Almen verbracht haben, ist groß. Doch die Aufregung für die Tiere hält sich in Grenzen: "Ob die Kühe auf einen Viehtransporter steigen oder aufs Boot, das macht keinen Unterschied", sagt Max Hofreiter. Er ist einer von drei Bauern, die ihre Kühe zur Sommerfrische auf die Alm schicken. Beim Übersetzen sei noch nie etwas passiert, sagt er.

Nicht überall wird der Almabtrieb so festlich begangen wie im Berchtesgadener Land - aber an vielen Orten ist er begleitet von Glockengeläut und Festen, mit denen die Bauern für die gute Weidesaison danken.

Bei den meisten Almabtrieben in Bayern werden alle Kühe geschmückt. Nicht so im Allgäu: Hier trägt nur die Kranzkuh den Kopfschmuck ins Tal. Er besteht aus Alpenblumen, einem Kreuz und einem Spiegel. Die anderen Kühe tragen lediglich große Glocken, die auf dem Abtriebsweg die Dämonen vertreiben sollen.

In Bad Hindelang werden traditionell rund 700 Tiere auf vier Weiden zusammen- und anschließend zurück ins Tal getrieben. Auf dem Viehscheid-Platz werden sie dann ihren Eigentümern übergeben. An diesem Tag ist der Kurort im Ausnahmezustand. Begleitet wird das farbenfrohe Spektakel von einem großen Krämermarkt.

Auch bei den Nachbarn werden Kuh-Feste gefeiert

Doch nicht nur in den bayerischen Alpen werden die Tiere im Herbst von den Bergen getrieben - auch in Österreich, der Schweiz und in Südtirol sind die Almabtriebe bunte und fröhliche Ereignisse. Zu den größten in Tirol gehören jene im Alpbachtal, wo zahlreiche Orte ein eigenes Fest feiern, wenn die Tiere wohlbehalten ins Dorf zurückkehren. Bereits auf den Wiesen erhalten die Alpbachtaler Kühe ihre bunten Blumenkronen.

Tausende Besucher schauen sich das Spektakel jedes Jahr an - und begegnen dabei allerlei Originalen wie dem Federkielsticker Georg Leitner, der Trachten mit traditionellen Motiven bestickt, oder dem künstlerisch veranlagten Bauern Erich Ruprechter aus Breitenbach. Der schnitzt schauerliche Perchtenmasken, die bei Umzügen zu Weihnachten und Silvester getragen werden. Doch er hat noch ein anderes Hobby: Er verewigt die Hinterteile seiner Kühe in Holz. Und die sind über der Stalltür zu bewundern.

Auch in der Schweiz finden zahlreiche prächtige Alpabfahrten statt - in Engelberg und am Titlis-Gletscher ebenso wie hoch über dem Genfersee in Saint-Cergue und vielen anderen Regionen der Schweiz. Zu den traditionsreichsten Veranstaltungen aber gehört wohl die im Appenzeller Land: Hier folgt schon die Alpauffahrt im Frühjahr einer exakten Choreografie, retour ist sie dieselbe.

Angeführt werden die Züge von weißen, hornlosen Ziegen, die von Kindern geführt werden. Danach kommen Kühe, Rinder und Kälber, ein Stier und ein Pferd, das die Ledi zieht, den Holzwagen. Darauf sind alle Geräte, die auf der Alp bei der Butter- und Käseherstellung zum Einsatz kommen - bis heute gefertigt von den Weißküfern im Kanton Appenzell Innerrhoden.

Verena Wolff/dpa/jkö



insgesamt 6 Beiträge
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superswissmiss 05.09.2014
1. Falschinformation
"Zu den traditionsreichsten Veranstaltungen aber gehört wohl die im Appenzeller Land" Diese Aussage stimmt nicht. Praktisch überall in der Schweiz, wo die Kühe auf den Alpen gesömmert werden, haben Alpabzüge eine uralte Tradition, bei denen die Kühe herausgeputzt und geschmückt werden (mal mehr, mal weniger). Die Appenzeller haben ihre Alpabzüge einfach touristisch gross vermarktet. Anderswo ist es halt eine interne Angelegenheit der Einheimischen, aber die Tradition ist genauso gross, wenn vielleicht nicht sogar noch ursprünglicher als die Schau für die Touristen auf der Schwägalp im Appenzellerland.
mermaid2012 05.09.2014
2. Brauchtum
Hoffentlich wird dieser schöne Brauch noch lange beibehalten. Stellt er doch einen Teil unserer Kultur dar.
johnboy 05.09.2014
3. Schade
das in Deutschland die Weidehaltung nach poltischem Willen der Länder per neuer Düngeverordnung wohl in Zukunft stark eingeschränkt bzw. Gebietsweise abgestellt wird. Damit verschwinden dann wohl auch die Almabtriebe in Bayern und Bawü.
meinung2013 05.09.2014
4.
Zitat von johnboydas in Deutschland die Weidehaltung nach poltischem Willen der Länder per neuer Düngeverordnung wohl in Zukunft stark eingeschränkt bzw. Gebietsweise abgestellt wird. Damit verschwinden dann wohl auch die Almabtriebe in Bayern und Bawü.
Wenn die Almabtriebe verschwinden, bedeutet dies, daß die Almbewirtschaftung verschwindet. Das wiederum bedeutet enorme Bodenerosion in den Bergen Schade, so wird noch ein Stück unserer Umwelt zerstört. Düner ist schlecht, Fracking aber soll gut sein??!
ae1 05.09.2014
5. Bildqualität
Die zum Artikel gehörenden Bilder sind ganz außergewöhnlich gut. Technisch und künstlerisch auf allerhöchstem Niveau.
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