Alpen-Rodeln Von Schlitteln, Viererbobs und Kriegsgerät

Wie Georg Hackl den Eiskanal hinuntersausen, das darf jetzt auch Otto Normalrodler erleben: In St. Moritz kann man das ultimative Rodelerlebnis buchen und hinter einem Profi-Piloten Platz nehmen. Vergleichsweise gemütliche "Schlittel"-Varianten sind überall in den Alpen möglich.


"Schlitteln" für alle: Breite Pisten sind ein Gaudi
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"Schlitteln" für alle: Breite Pisten sind ein Gaudi

Davos - Schon seit mehr zwölf Jahrhunderten kennt man ihn in Europa: den Schlitten. Damals wurde er jedoch nicht als Sport-, sondern als Kriegsgerät genutzt: Die Wikinger rasten auf hölzernen Kufengefährten bergab, ihren Feinden entgegen, um sie im Tal blitzschnell zu attackieren. In den Alpen wurden Schlitten seit dem Mittelalter als Lastesel genutzt, im 17. Jahrhundert fuhren schlesische Bergarbeiter per Schlitten zur Arbeit ins Bergwerk. Zum Sport- und Freizeitgefährt avancierte der Schlitten erst Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz: Im Februar 1883 fand in Davos das erste internationale Schlittenrennen statt, "Wettschlitteln" genannt. Mehr als 100 Jahre später gilt die Schweiz unter Schlittenfans noch immer als erste Adresse.

Die Rodelbahnen des Landes sind zusammen mehr 500 Kilometer lang, teilweise präpariert und sogar künstlich beschneit. Davos in Graubünden beispielsweise hat zwei lange Schlittenpisten zu bieten: den 3,5 Kilometer langen Schlittelweg von der 2053 Meter hoch gelegenen Gondelbahnstation Rinerhorn hinunter nach Glaris und die 2,5-Kilometer-Piste von der Schatzalp nach Davos-Platz.

Als Schlittelhochburg der Schweiz gilt Bergün, ebenfalls in Graubünden gelegen. Von Bergün geht es zunächst mit der romantischen Schmalspurbahn namens Glacier Express hinauf nach Preda. Von hier zieht sich der Schlittelweg über sagenhafte fünf Kilometer auf der im Winter gesperrten Albula-Passstraße hinunter, mitten durch eine verwunschene Traumlandschaft.

Fünfjährige Steppkes sausen hier genauso vergnügt zu Tal wie Teens und Twens, sogar betagte Rodel-Omas sind unterwegs. Zum Glück ist die Bahn breit genug, so dass rasante Schlittler problemlos vorbeiziehen können. Deutlich steiler und anspruchsvoller ist die vier Kilometer lange Piste von Darlux nach Bergün.

Im Viererbob 130 km/h schnell die Eisbahn hinunter

Fährt man mit der Schmalspurbahn weiter, landet man nach rund 20 Minuten an der Endstation: St. Moritz. Hier gibt es auch eine passable Rodelpiste von immerhin 4,3 Kilometern Länge, doch die für Schlittenfans bedeutenderen Attraktionen sind der Olympia-Eiskanal und der Cresta-Run. Der Eiskanal ist eine echte Bob-Bahn, die zwar nicht mit dem Schlitten befahren werden darf, dafür kann hier eine "Taxifahrt" gebucht werden. Für 210 Franken (rund 144 Euro) geht es anschließend im Viererbob in rund 70 Sekunden die 1612 Meter lange ehemalige Olympia-Piste mit bis zu 130 Stundenkilometern hinunter, eingeklemmt zwischen Pilot und Hintermann - ein Erlebnis, das extremer als jede Achterbahnfahrt ist.

Cresta Run in St. Moritz: Skeleton fahren nur für Mitglieder
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Cresta Run in St. Moritz: Skeleton fahren nur für Mitglieder

Ähnlich aufregend ist eine Fahrt im zweiten Kufen-Highlight von St. Moritz, dem Cresta Run. In diesem Eiskanal sausen statt Bobs so genannte Skeletons hinunter. Dabei handelt es sich um Schlitten aus Stahlskeletten, auf denen bäuchlings mit dem Kopf im Helm nach vorne liegend gerodelt wird - und das bis zu 120 Stundenkilometer schnell. Allerdings steht die Strecke nicht jedermann offen, denn sie gehört einem britischer Privatclub. Mitglieder dürfen täglich auf den Cresta Run, Normalsterbliche können eine Gastmitgliedschaft für eine Saison beantragen.

Im Berner Oberland liegt ein weiteres Rodlerrevier der Extraklasse: Grindelwald. Das idyllische Bergdorf vor der zauberhaften Kulisse von Eiger und Jungfrau lockt mit der längsten Schlittenbahn der Welt. 15 Kilometer lang geht es hier nonstop Richtung Tal. Kleiner Haken: Der Ausgangspunkt der Rekordpiste liegt 2681 Meter hoch. Die Seilbahn endet aber bei 2168 Metern. Dazwischen liegen 513 Meter Höhendifferenz, die zu Fuß überwunden werden müssen, bevor die rasante Rutschpartie beginnt, die je nach Tempo zwischen 45 und 90 Minuten dauert.

Rodeln im Flutlicht

Auch Österreich ist für Rodler ein interessantes Revier. Mehrere hundert Schlittelbahnen gibt es, die meisten davon so genannte Naturrodelbahnen, die nur geringfügig präpariert werden und in der Regel durch Wald und Flur verlaufen. Eine erste Adresse ist Villach in Kärnten mit gleich drei Pisten, von denen die längste, die Naturrodelbahn Dreiländereck, 8,4 Kilometer lang ist.

Snowtubing: Gummireifen statt Schlitten
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Snowtubing: Gummireifen statt Schlitten

Kilometerlanges Rutschvergnügen bietet auch Matrei im Tiroler Wipptal mit seiner Fünf-Kilometer-Piste, die dank einer Flutlichtanlage auch nachts bis 23.00 Uhr befahren werden kann. Im Salzburger Land lockt wiederum Faistenau nahe des Fuschlsees seit vergangenem Winter mit einer nagelneuen Snowtubing-Bahn, die über drei Schneekanäle verfügt. Dort rauscht man nicht per Holzschlitten bergab, sondern liegend oder sitzend in einem Gummireifen.

560 Meter bergab in Südtirol

Bleibt Südtirol als drittes größeres alpines Rodler-Revier. 120 Rodelbahnen gibt es in der norditalienischen Provinz. Eine der schönsten ist die 4,5 Kilometer lange Rodelbahn Reinswalder Wiesn im Sarntal. Per Kabinenbahn geht es auf 2130 Meter über dem Meeresspiegel und von dort über einen Höhenunterschied von 560 Metern bergab.

Ohne Schweiß kein Preis: Die Höhenmeter müssen manchmal auch per Fuß erarbeitet werden
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Ruhig geht es zu im Villnösstal, das über wenig Gondeln und Lifte verfügt. Hier gibt es rund um das Bergdorf St. Magdalena gleich vier Rodelpisten mit Längen von bis zu sieben Kilometern, die alle nicht überlaufen sind. Was kein Wunder ist: Weit und breit gibt es keine Aufstiegshilfen - wer rodeln will, muss zuvor bergauf kraxeln. Doch die Mühe lohnt sich, die Bahnen sind gut in Schuss, und der Panoramablick auf die Dolomiten ist einmalig.

Von Gregor Garbassen, gms



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