Anti-Achterbahn-Angst-Seminar "Die Bahn tut euch nix"

Im letzten Moment scheren sie aus der Warteschlange aus: die Achterbahnneurotiker. "Dagegen müssen wir etwas tun", dachte sich der Manager eines Freizeitparks in der Pfalz und veranstaltete das weltweit erste Seminar für Rollercoaster-Flüchtlinge. SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Antje Blinda war dabei.


Der Hüftgurt ist geschlossen, der schwere Metallbügel hat sich über meine Beine gesenkt und fixiert mich. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich atme tief ein. Meine Finger krallen sich an dem Bügel fest. Wir erklimmen langsam 62 Höhenmeter, geradewegs in den grauen Himmel. Mein Nachbar brabbelt: "Das ist jetzt nicht wahr, das ist nicht wahr." Unter uns grasen friedlich ein paar Pferde. Felder sind zu erkennen, Wälder am Horizont. Doch dann enden die roten Schienen abrupt, vor uns gähnt - das Nichts.

Megacoaster "Expedition GeForce": Zwischen Schwerkraft und Schweben
Holiday Park Hassloch

Megacoaster "Expedition GeForce": Zwischen Schwerkraft und Schweben

"Sterben", sagt die 25-jährige Simone Schmidt, "ich habe einfach Angst zu sterben!" Die Teilnehmerin an dem weltweit 1. Anti-Achterbahn-Angst-Seminar schiebt nervös einen Keks nach dem anderen in den Mund. Immerhin sei sie im Free Fall Tower schon einmal in Ohnmacht gefallen. Kammerflimmern, Schock, Brechreiz, Bremsversagen, die 20 Frauen und acht Männer zwischen 16 und 48 Jahren in dem Seminarraum des Holiday Parks Hassloch haben gute Gründe, nicht in eine Achterbahn einzusteigen. Vielfältige, dramatische und äußerst überzeugende. Dagegen nimmt sich die Motivation, es doch zu tun, fast läppisch aus: Sie wollen Spaß! Auf Rezept wird es diese therapeutische Maßnahme wohl nicht so bald geben.

Star des Holiday Parks und Garant für einen heftigen Angst- und Adrenalinschub ist die "Expedition GeForce", von Achterbahnfans in der "Internet Coaster Poll" zur weltweit besten Stahlachterbahn gekürt. Schneller, höher, länger sind andere Mega-, Giga- oder Hypercoaster auf der Welt, aber "es kommt auf die Intensität an", sagt Daniel Schoppen, Achterbahnexperte und Betreiber der Internetseite www.coastersandmore.de, auf den Wechsel der Geschwindigkeiten, der Richtungen, auf das Schweben ("Airtime") und die Dramaturgie einer Fahrt - eben auf den Thrill. Und den hat die Pfälzer Bahn zur Genüge. Zu viel bisher für die Achterbahnneurotiker.

Der "First Drop" beginnt: Der Zug vollführt mit 82 Grad Gefälle den steilsten Sturz weltweit mit gleichzeitiger Verdrehung um 74 Grad Fast senkrecht in die Tiefe: Die Achterbahn erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 120 km/h Zweite Steilkurve: Der Wechsel in der Orientierung und der Richtung machen den Thrill aus

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Fast senkrecht stürzt der Zug vom "Lifthill" in die Tiefe, plötzlich dreht er sich nach rechts 72 Grad um die eigene Achse. Ich falle. Ich schwebe. Der Sicherheitsbügel hält mich gerade noch auf meinem Sitz. Aus dem Himmel tauche ich durch das dunkle Grün der Baumwipfel.

"Angst ist gut, ist Überlebenswille", sagt der Psychologe Marc-Roman Trautmann, Leiter des Deutschen Flugangst-Zentrums und vom Holiday Park als Angstbewältiger engagiert. Und ohne Angst gebe es keine Achterbahnen. Doch das Gehirn mache manchmal komische Dinge. Auch wenn die Angst irreal sei, bereite es den Körper auf Flucht oder Angriff vor: Feuchte Hände, Schwindel, Übelkeit, Hyperventilation sind Symptome. Da sei Achterbahnangst der Flugangst sehr ähnlich. Gleich beide will Rainer Kraft, 36, hier in Hassloch bekämpfen: Seit zwölf Jahren steigt der Schlagersänger nicht mehr in ein Flugzeug, Tourneen in Mallorca musste er absagen. Nun sitzt Kraft in Cowboy-Kluft mit Sporen an den Stiefeln in der ersten Reihe.

"Expedition GeForce": Der rote Megacoaster schlängelt sich über eine Fläche von 6,5 Fußballfeldern
Holiday Park Hassloch

"Expedition GeForce": Der rote Megacoaster schlängelt sich über eine Fläche von 6,5 Fußballfeldern

Weltwelt verliert die Luftfahrtbranche etwa zwei Milliarden Dollar im Jahr durch Flugverweigerer, berechnete Flugzeugbauer Boeing zuletzt 1996, 16 Prozent der Deutschen zählen dazu. Die 200 deutschen Freizeitparks sahen im letzten Jahr 22 Millionen Gäste. Gäbe es die Achterbahnangst nicht, wie viele wären es wohl dann? Dem Holiday Park käme ein Anstieg der Besucherzahlen gerade recht. Doch Parkdirektor und exzessiver Achterbahnfahrer Wolfgang Schneider ("Ich fahre einmal täglich") will mit dem Seminar natürlich nur helfen: "Oft dreht der Mann eines Pärchens Runde um Runde in der Achterbahn, und seine Frau bleibt draußen, weil sie Angst hat." Oder umgekehrt. "Wir wurden oft nach einem Trick gefragt, den Partner zu begeistern."

Der "First Drop" ist zu Ende. Ich werde mit dem 4,5-Fachen meines Körpergewichts in den Sitz gepresst. Der Zug schießt wieder aufwärts - unter mir Parkbesucher auf einem Sandweg - verzögert ein wenig, und wieder schwebe ich unterm Bügel, eine weitere der "Airtimes".

Sitz im Wagenzug: Die Adrenalinjunkies werden mit Sitzgurt und hydraulischem Beckenbügel gegen die Schwerkraft abgesichert Fahrwerk: Sechs Räder pro Achse halten den Zug auf Kurs Big Lift: Der Zug wird mit Stahlseilzug den Lifthill hochgezogen

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Bremsen am Zug gibt es keine. Und Strom auch nicht. Sicherheitsingenieur Wieland Kathe schaut in die konsternierten Gesichter seiner Zuhörer. Die "Expedition GeForce" saust angetrieben durch reine Schwerkraft in die Kurven und wird durch Dauermagneten am Ende der Stahlbahn gestoppt. Gegen die prallt das durch die Bewegung des Zuges induzierte Magnetfeld, und der Zug hält an. Das sei sicher, sagt Kathe, Herr über die 10.895 Schrauben der Achterbahn. Genauso sicher wie die Beckenbügel, die sich hydraulisch schließen und nur im Bahnhof durch einen elektrischen Impuls geöffnet werden könnten. Ein Stromausfall würde daher bei dieser Bahn nicht zur Katastrophe führen. Die Seminarteilnehmer atmen auf.

"Die Bahn tut euch nix, ihr tut euch selber was an, mit eurer Angst", Psychologe Trautmann hüpft vor das Flipchart. Der pausbäckige Mann im Karohemd wirbelt mit dem Edding-Stift und malt eine Parabel ins Koordinatensystem Angst gegen Zeit. "Den Angsthöhepunkt müsst ihr verschieben, so dass ihr gar nicht erst in den Panikzustand kommt." Der etwas hastig vorgetragenen Theorie lässt Trautmann die Praxis folgen: eine Ultrakurzeinführung in die Progressive Muskelentspannung. Gemeinsam ballen die 28 Teilnehmer die linke Faust, halten - und entspannen. Und dann die rechte.

Nach einem zweiten "Drop" saust der Zug durch eine extreme Steilkurve, dann verliere ich die Orientierung. "Arme hoch", schreit mein Nachbar mich an. Ohne mich, denke ich, klammere mich fest und schreie weiter. Ich werde nach links, dann nach rechts geschleudert, kleinere Huckel katapultieren mich haarscharf an bedrohlich in die Strecke ragenden Querstreben vorbei.

Munter pumpt ein Computerherz auf der Leinwand. Die Angst vor dem Kammerflimmern versucht Notfallmediziner und Kardiologe Jürgen Kuschyk vom Uni-Klinikum Mannheim mit einer Powerpoint-Präsentation zu bekämpfen. So ein gesundes Herz halte schon mal 200 Schläge pro Minute aus und beruhige sich schnell wieder. Nur Menschen mit Herzschrittmachern oder Herzschwäche sollten sich dem Adrenalin-Exzess einer Achterbahnfahrt besser nicht aussetzen. Immerhin halte der Park notfalls auch einen Defibrillator bei Herzstillstand bereit, sagt Kuschyk verschmitzt und zeigt ein rotes Köfferchen hoch.

Es ist Show-Time. Nach sieben Stunden Seminar naht der euphemistisch formulierte Programmpunkt "17.30 Uhr: Wir freuen uns auf die Expedition GeForce". Eine hysterisch kichernde Gruppe macht sich auf den Weg zur Bahn. Simone Schmidt hängt sich bei einem Redakteur von Bayerischen Rundfunk ein: "Du siehst aus wie Brad Pitt, du musst neben mir sitzen und mich beschützen." Pitt lächelt geschmeichelt. 26 der 28 Teilnehmer steigen in den Zug ein. Herzprofi Kuschyk fühlt ein letztes Mal Pulse, Menschenflüsterer Trautmann checkt seine Schäfchen, Parkdirektor Schneider spricht quälend lange letzte Worte. Dann sind wir alleine.

Entspannungsübung zum Angstabbau: Faust ballen, halten - und loslassen Teilnehmerin Schmidt, Psychologe Trautmann: Die erste Konfrontation mit dem Horror Achterbahn wird psychologisch begleitet Ankunft der Seminarteilnehmer nach der Fahrt: Der Megacoaster ist megasuper

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In letztes Aufbäumen der Stahlschienen, und der Zug fährt in die Bremse. Ich werde gegen den Bügel gedrückt. Dann laufen wir in den Bahnhof ein. Applaus empfängt uns. Wir haben es geschafft. Gestorben ist niemand. Mir ist zwar schlecht, meine Beine sind wie Gummi. Aber Aussteigen ist jetzt nicht. Ich bleibe sitzen und fahre eine weitere Runde - wie die meisten meiner Leidensgenossen. Und noch eine. Und noch eine.

Beatrix Bohnert, 46, ist begeistert, dass sie die Fahrt gewagt hat. Unter Fremden hätte sie wohl nicht getraut, "die Gruppe war's", sagt sie, und ihr Mann Egon, 48, nickt. Bestimmt werden sie noch mal Achterbahn fahren. Sänger Kraft fühlt sich wie befreit: "Der Druck ist weg." Doch der oberflächliche Ausflug in die Psychologie der Angst hat ihn von seiner Phobie nicht befreit. Ein Flug sei etwas völlig anderes, der ist ja viel länger. Der 18-jährigen Jana hätten die Entspannungsübungen geholfen und Heike Tuchnitz, 33, die Erkenntnis: "Meine Angst mache ich mir doch selber."



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