Monopoli in Apulien Ziehen Sie die Ereigniskarte!

Bei "Monopoly" ist die Schlossallee die teuerste - und in Monopoli die schönste. In dem süditalienischen Fischerort benötigt man keine dicken Geldbündel wie in dem Spekulantenspiel, und investiert wird hier bisher wenig. Dafür gibt es viel italienisches Flair und viel Meer, ganz umsonst.

Helge Sobik

Von Helge Sobik


Die Straße ist eng, keine zwei Meter breit. Von den Balkonen hängt Wäsche, die Geländer sind rostig, irgendwo dudelt ein Radio - und manchmal mischt sich die Brandung ein, kracht das Meer dazwischen und übertönt alles: Seine Brecher schlagen gegen die nahe Festungsmauer am Largo Castello, dem Schlossplatz am Altstadtrand von Monopoli.

Ein Hotel gibt es in der schmalen und kaum 50 Meter langen Schlossstraße Vico Castello weit und breit nicht - aber wenigstens ein Handtuch hängt zum Trocknen aus einem der Fenster, das irgendwer mal in einem Hotel hat mitgehen lassen. Es trägt das eingewebte Logo der Billigherbergskette Ibis.

Auf dem "Monopoly"-Spielplan ist die Schlossallee die teuerste Adresse. Wer ein bisschen Würfelglück hat und es schafft, sie zu kaufen und dort ein Hotel zu bauen, hat das vor über hundert Jahren erfundene Gesellschaftsspiel so gut wie gewonnen. In Monopoli an der Adria zählt diese Adresse wenig: nicht teuer, nicht besonders edel, keine Allee, sondern eine Gasse. Aber sehr stimmungsvoll. "Ein Hotel in unserer Straße?" Die Frau auf dem Balkon lacht zwischen ihren roten und violetten Topfblumen hervor: "Zu eng, zu alt, zu schön. Das hat noch keiner versucht", ruft sie herunter.

Manche Adresse aus dem Spekulanten- und Immobilienhai-Spiel findet sich tatsächlich in der süditalienischen Wirklichkeit wieder - von der Hafen- über die See- bis zur Schlossstraße: 49.000 Einwohner hat die Küstenstadt in Apulien. 42 Kilometer südlich von Bari klebt sie auf einem Kliff, geht auf eine griechische Gründung aus vorchristlicher Zeit zurück, war lange Schmuggler-Hochburg, gleichzeitig ein Bollwerk gegen Adria-Piraten und ist noch immer ein Fischerort. Wer hin will, braucht nicht erst über Los zu gehen, muss keine Ereigniskarte ziehen und normalerweise auch nicht ins Gefängnis - obwohl es ganz in der Nähe ein große Haftanstalt gibt.

"Nicht das Perfekte einfordern"

Dicke Bargeldbündel wie bei dem weltweit verbreiteten Brettspiel gleichen Namens braucht auch niemand. Denn das echte Monopoli ist preiswert geblieben: 2,50 Euro kostet ein Kännchen Tee im Freien auf der Piazza Garibaldi in der Altstadt, 1,70 Euro die Tasse Cappuccino, zehn Euro ein paar Schritte weiter die stattliche Mittelmeer-Brasse vom Grill, 13 Euro das zehngängige Antipasti-Menü im besten Lokal der Altstadt.

Der ganz große Tourismus ist hier noch nicht angekommen - außer im August. Dann tummeln sich die Norditaliener in den vor allem auf Familien ausgelegten Ferienanlagen am südlichen Stadtrand und feiern den Hochsommer. Den Rest des Jahres bestimmt provinzielle Ruhe das Bild in Monopoli. Anders als im Spiel gibt es auch nur einen Bahnhof, an dem wenig los ist. Der einzige Wartesaal hat 18 unbequeme Drahtstühlchen. Stündlich fahren Züge ins 35 Fahrtminuten entfernte Bari - und einmal am Tag in fast fünf Stunden nordwärts nach Rom. Es gibt sechs kleine Museen, aber keine Museumsstraße. Das Theater hat vor 30 Jahren dicht gemacht, und eine Theaterstraße hat es nie gegeben.

Drei Hotels gibt es im Zentrum von Monopoli - und über 50 Bed-and-Breakfast-Pensionen mit zum Teil nur einem Zimmer. In der Altstadt sind sie eingezogen, wo Leerstand herrschte - und es gab viel Leerstand. Weil es dort bis vor sechs Jahren keine Straßenbeleuchtung gab und kaum einer bei Dunkelheit einen Schritt in das Labyrinth setzen wollte. Das taten nur die Schmuggler - und ein paar Leute, die dort geboren waren und einfach nicht weg wollten.

"Vor 30 Jahren bekam man ein Altstadthaus hier sogar fast geschenkt", erinnert sich der Deutsche Robert Schupp, dem es in der Toskana irgendwann zu hektisch zuging und der deshalb vor fünf Jahren mit seiner Frau hierher zog und jetzt auf vier Etagen direkt an der Stadtmauer wohnt - schick renoviert, mit Meerblick aus jedem Zimmer: "Noch heute sind die Altstadt-Immobilien günstig. Und überhaupt: Monopoli ist angenehm unperfekt", sagt er. "Weil genau das schön ist, sollte man als Fremder das Perfekte auch nicht einfordern."

Mehr Meerblick geht nicht

Manches Gebäude in der Altstadt ist inzwischen renoviert, viele alte Häuser stehen zum Verkauf. Einiges ist geblieben: die paar Tante-Emma-Läden, die kleinen Restaurants, die zum Trocknen aufgehängte Wäsche über den Gassen, das laute Geschnatter der Einheimischen. Monopoli ist sehr italienisch - und will keinen Deut anders werden.

"Das hier", Schupp breitet die Arme aus, als wollte er die Altstadt umfassen, "erscheint vielen Einheimischen wertlos." Sie ziehen weg aus dem Zentrum - weil ihre Träume anders aussehen als die der Ausländer, die hier Urlaub machen oder sogar anfangen zu investieren: "Für die Monopolitaner war Meerseite Jahrhunderte lang das Schlimmste, weil das Salz die Holzfenster zersetzt und der Fassade schadet. Die Sonne war traditionell ihr Feind. Sie können nicht nachvollziehen, warum wir Fremden aus dem Norden so wild auf Dachterrassen sind."

Roberto Perricci ist da eine Ausnahme. Er hat das Haus seiner Großmutter übernommen - 200 Meter entfernt von der Schlossstraße, fünf Gehminuten von der Hafenstraße, 15 vom Bahnhof. Der Mann ist unter die Hoteliers gegangen - mit drei Zimmern in der Festungsmauer. Aus Omas Küche wurde eine Suite mit Balkon. Mehr Meerblick geht nicht. Er zählt zu den Monopoli-Gewinnern. Sein Haus ist nun fast rund ums Jahr ausgebucht. Und Oma ist auch begeistert - auch von der neuen Dachterrasse. Sie wohnt inzwischen in der Neustadt, kam einmal zum Schlafen vorbei und übernachtete, wo sie 50 Jahre lang gekocht hatte. Was sie gesagt hat? "Nicht viel", erinnert sich Roberto. "Nur bravo."

Dass es so lange keine Straßenbeleuchtung gab, dass niemand kommen, kaum einer dort leben wollte, hat das alte Monopoli gerettet. Deshalb ist so vieles erhalten geblieben. Die Substanz galt so wenig, dass nicht mal die Abrissbirne kam - und inzwischen reift ein anderes Bewusstsein.

Nachfrage nach Monopoly

Davon profitieren auch die, die einfach nur durch die Gassen spazieren wollen - oder auf dem schmalen Felsstreifen auf Meereshöhe hocken, an der Außenseite der Festungsmauer lehnen und Sonne tanken, den Kindern beim Plantschen, den Segelbooten beim Kreuzen zuschauen wollen. Der Wind trägt derweil den Geruch von gegrilltem Fisch herüber. Er hat ihn mitgenommen, irgendwo auf einer der Dachterrassen gepackt und über der Stadtmauer wieder fallen lassen.

Auch Vito Palmitessa gehört zu den Gewinnern: weil die Einheimischen Lust aufs "Monopoly"-Spielen haben - und weil immer mehr Urlauber danach fragen. Sieben verschiedene Versionen davon hat er im Regal, von 10 bis 30 Euro. Rund 120-mal verkauft der Mann, Besitzer des größten Spielwarenladens der Stadt in der Via Albert Einstein, hier jedes Jahr "Monopoly".

Ob er es selber spielt? "Sehr gerne", sagt Palmitessa und strahlt. Und wer gewinnt? "Immer die Kinder", sagt er. "Die sind raffinierter." Seine Lieblingsstraße? "Die teuerste. Die Schlossallee." Auch, weil sie im wirklichen Leben so schön ist - mit den Balkonen, den Blumentöpfen, der Wäsche über der Straße. Und dem Meeresrauschen.



insgesamt 2 Beiträge
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siebke 28.06.2012
1. das Wahre Italien!
Wir haben dort, in Pulia, 2 Jahre gelebt......für mich fängt Italien sowieso erst ab Rom an.Die Abende in den kleinen Gaststätten mit tollem Essen, Weine die aus diese Gegend kommen und Menschen die freundlich und offen sind.Mal Südtirol, Toskana ruhen lassen und weiter fahren!
Granata 28.06.2012
2. Also..
Zitat von siebkeWir haben dort, in Pulia, 2 Jahre gelebt......für mich fängt Italien sowieso erst ab Rom an.Die Abende in den kleinen Gaststätten mit tollem Essen, Weine die aus diese Gegend kommen und Menschen die freundlich und offen sind.Mal Südtirol, Toskana ruhen lassen und weiter fahren!
.. Südtirol hat von Italien etwa soviel wie München. Das merken Sie wenn Sie einen Südtiroler "Italiener" nennen. Tun Sie's besser nicht. Ich wohne seit 14 Jahren in Norditalien und würde nie nach Süditalien ziehen. Zum einen weil man dort keine Arbeit findet (deshalb ziehen die Jungen ja dort weg), zum Anderen finde ich den Kulturunterschied zu groß. Ansonsten: tolles Essen, Weine und Gastfreundschaft finde ich auch in Piemont, wie auch in anderen Regionen Italiens.
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