Elektroklub in Tiflis  Soundtrack einer neuen Generation

Direkt unter dem Fußballstadion von Tiflis legen DJs aus aller Welt auf: Der Elektroklub Bassiani ist selbst in der internationalen House- und Techno-Szene bekannt. Hier wird getanzt gegen Intoleranz, Homophobie und eine restriktive Drogenpolitik.

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Von Olesja Zimmermann


Steht man auf dem nationalen Fußballstadion von Georgien ahnt man nicht, dass sich tief im Untergrund einer der weltweit angesagtesten Elektroklubs befindet: das Bassiani. Wo oben die nationalen Fußballstars gefeiert werden, feiert unten eine internationale Szene, die für Gleichberechtigung, Freiheit, Toleranz und den Weg in die EU kämpft.

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Tiflis in Georgien: Elektro unter dem Stadion

Wie Blues, Folk oder später Rap in Amerika, so gilt der Techno in Tiflis heute als eine Art Protestmusik. In einem Land, in dem Drogenkonsum härter bestraft wird als Vergewaltigung, sind Techno, Elektro und House ein politisches Statement. Ursprünglich aber hatten die Bassiani-Gründer gar nicht beabsichtigt, einen angesagten Elektroklub zu gründen und weltweit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Sie wollten einfach nur feiern, sagt Gründungsmitglied und Miteigentümer Zviad Gelbakhiani, und sich einen Freiraum schaffen, in dem sich Menschen gleich welcher sexuellen Orientierung, politischen Haltung oder Religion auf einer Ebene begegnen können. 2014 starteten die ersten Events und Klubnächte.

Gelbakhiani gehört mit seinen 27 Jahren zu einer neuen Generation, die die Sowjetzeiten nicht mehr erlebt hat und mit Internet, sozialen Medien und den Bildern und Ideen eines westlichen Lifestyles aufgewachsen ist. Er träumt wie viele in seiner Generation von einer offenen Gesellschaft, "in der man ohne Probleme schwul sein kann oder Veganer".

Der Wunsch nach Vergnügen ist groß

Die geografische Lage Georgiens zwischen EU und Russland spiegelt auch die Gesellschaft wider: Sie wirkt gespalten. In einem Land, in dem es noch vor 20 Jahren kaum Elektrizität gab, orientieren sich viele Richtung Westen - andere sehnen sich nach den alten Zeiten. Seit dem Ende der Sowjetunion 1991 haben etwa eine Million Menschen Georgien verlassen. Vielen der 3,7 Millionen verbliebenen Georgiern ist der neue Lebensstil noch fremd.

So auch Zurab Benidze. Der 70-jährige Rentner muss mit Taxifahren seine Rente aufstocken. Den Wandel in den Straßen bekommt er hautnah mit. Werte und Ziele der heutigen Jugend gefallen ihm nicht. Auch dem Bassiani und der Elektromusik kann Zurab nur wenig abgewinnen. In seinem Taxi hört er am liebsten Boney M.

Den Drang nach einer offenen Gesellschaft und nach Gleichberechtigung von Homosexuellen findet Zurab inakzeptabel: "Das kommt nicht von Gott. Die sind pervers. Die taugen nichts. Die sollen sich von uns fernhalten. Ich mag sie nicht und bin deren Feind."

Dabei hat Georgiens Gesellschaft so viel nachzuholen. Der Wunsch nach Vergnügen ist groß. Viele der Jüngeren gehen nach Europa zum Studieren, während ihre Eltern zu Hause die Traumata des Bürgerkriegs verarbeiten. In den letzten 25 Jahren haben die Georgier vier Kriege erlebt und zahlreiche Revolutionen durchgestanden. Die Wirtschaft erholt sich nur langsam. Und auch die politische Situation bleibt schwierig.

Der letzte Krieg war 2008. Seitdem hält die russische Armee zwei Provinzen Georgiens besetzt. Georgiern ist es verboten, nach Südossetien und Abchasien einzureisen. Dafür tut sich etwas Richtung Westen.

Zviad Gelbakhiani zeigt sichtlich stolz seinen neuen Pass, den er kürzlich an der Grenze zu Tschechien vorgelegt hat: "Das war das erste Mal, dass ich den georgischen Pass benutzt habe. Mit diesem Pass können wir ohne Visa und ohne Probleme durch Europa reisen. Und die haben mich gar nichts gefragt. Die haben einfach gestempelt. In diesem Moment habe ich mich sehr europäisch gefühlt, als ich den Stempel bekam - und ich war wirklich glücklich."


Mehr erfahren Sie bei ARTE Re, Mittwoch, 31. August 2017, 19.40 - 20.10 Uhr



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