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Radeln in Island auf der Kjölur-Route: Regenbögen, Trolle und die blaue Lagune

Foto: N. Eisele-Hein

Radtour quer durch Island Hinterm Regenbogen immer weiter

Schotterpisten, eisiger Wind und Spitzkehren bis zu Horizont: Die Island-Überquerung auf der Kjölur-Piste fordert Radfahrern einiges ab. Chillen kann man dann in heißen Quellen, in denen Bier und Chips serviert werden.

"Ihr wollt die Kjölur hochradeln? Wie lange werdet ihr brauchen?", will die Motocross-Clique aus Reykjavik wissen. "Na, so um die drei Tage." Der Boss der Gang reicht uns ein paar Happen streng riechenden Trockenfisch zur Stärkung. Mitleidig taxiert er unsere schwer bepackten Räder. "Na, und wie lange wird es bei euch dauern?", fragen wir höflich zurück. Das süffisante Kollektivgrinsen weicht einem lauten Lachen. "Drei Stunden." Schon dröhnen die Motoren. Im Nu verschwindet die Truppe in einer kilometerlangen Staubfahne.

Zugegeben, wir wirbeln sicher weniger Staub auf. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher und Verpflegung für fünf Tage bedeuten knapp 30 Kilogramm Extragepäck pro Rad. Dafür erleben wir eine intensive Neuentdeckung der Langsamkeit.

In Laugarvatn stopfen wir erst mal noch die Packtaschen bis zum Limit mit Fressalien voll, denn der nächste Supermarkt auf unserer Route kommt erst nach 240 Kilometern.

Immer am Fuß des 627 Meter hohen Efstadal-Fjell entlang kurbeln wir grob gen Nordosten und gelangen nach 30 Kilometern zu einem der meistbestaunten Naturwunder Islands - den Geysiren. Nur wenige Kilometer weiter fällt der Fluss Hvítá in einen schmalen 70 Meter tiefen Canyon. Den dabei entstehenden Gullfoss, übersetzt "Goldener Wasserfall", ziert fast immer ein weit ausladender Regenbogen.

Mit der und gegen die Natur

Exakt hier startet auch die F35, die sagenumwobene Kjölur-Route, die Island von Süd nach Nord durchquert. 185 Kilometer Hochlandpiste durch unberührte Natur - eine echte Herausforderung für Tourenradfahrer. Das Hoch scheint stabil. Doch der blaue Himmel trügt. Von den riesigen Gletschern Langjökull und Hofsjökull jagen eisige Böen über die Piste.

Diese zwingen uns in die komplette Windstopper-Montur. Nur das Gesicht bleibt schutzlos, und die fiese Eisbrise scheint imstande, Bartstoppeln auszurupfen. Der erste Pass auf 610 Meter Seehöhe, direkt am Fuß des Blafell, ist schwer zu erreichen. Bis zu 14 Prozent Steigung auf lockerem Sand- und Steingemisch kosten enorm Kraft. Und die eigentliche Passhöhe versteckt sich bis zum Schluss. Jedes Mal, wenn wir uns oben wähnen, schwingt sich das staubige Serpentinenband wieder mit endlosen Kehren gen Horizont.

Spät überqueren wir die Hvítá, den Gletscherfluss, der von Islands zweitgrößtem Gletscher, dem Langjökull (950 Quadratkilometer) gespeist wird. Eine Zunge dieses Gletschers kalbt direkt im davor gelagerten See, dem Hvitarvatn. Die Streckenvariante entlang des Sees offenbart gigantische Ausblicke auf die Eismassen und eine wunderbar wellige Sandpiste, die allerdings nur bei Trockenheit und mit breiten Reifen zu empfehlen ist.

Gegen 23.30 Uhr, während eines immer noch andauernden Sonnenuntergangs, durchqueren wir die eiskalte, kniehohe Hvítá erneut. Der Anblick der Schutzhütte Arbuthir setzt im Nu Glückshormone frei. Wir kochen und essen bis 2 Uhr früh. Draußen ist es immer noch oder schon wieder hell.

Kjölur-Route ist nichts für Anfänger

Am nächsten Morgen bildet der Himmel eine solide, graue Masse. Regenschauer hämmern auf die Brillengläser. Starke Böen drohen uns von der Piste zu wehen. Gesicht und Fingerspitzen werden langsam taub vor Kälte. Dafür herrscht unter drei Lagen Funktionswäsche eine Affenhitze. Das ist genau das Island, wie es die Werbung verspricht: Feuer und Eis, Gletscher, Geysire und Vulkane, gleichzeitig zu erleben am eigenen Leib, beim alltäglichen Radfahrerdrama auf Island.

Erst am frühen Abend sehen wir in der Entfernung Dampfschwaden aufsteigen. Das müssen die Solfataren von Hveravellir sein. Diese erste nennenswerte Ansiedlung auf 650 Meter Höhe gilt als die Oase des Hochlands. Nach 90 Kilometern stürmischem Niemandsland bieten zwei winzige Schutzhütten nebst Campingplatz und Heißwasserpool ein paradiesisches Ambiente. Sechs Euro für eine Büchse Bier schrammen hart an der Schmerzgrenze, aber pikante Chips und kühles Bier im kochend heißen Pool sind unschlagbar.

Am nächsten Tag geht es weiter. In Blönduos fallen wir in die erste Tankstelle ein. Es gibt Pommes, Burger und Cola. Auf der Ringroad Nr. 1, welche ganz Island auf circa 1400 Kilometer Länge umrundet, radeln wir die komplette Nordwestspange bis Dalsmynn. Die Landschaft bleibt ein Mix aus diversen Grüntönen, tiefschwarzen Lavafeldern und stark geschwungenen Flussmäandern. Die Straße ist durchgängig in gutem Zustand, allerdings auch stärker frequentiert. Wir brechen zur Halbinsel Snæfellsnes auf. Diese wird am äußersten, westlichen Ende von einem mustergültigen 1446 Meter hohen Schichtvulkan gekrönt.

Der elf Quadratkilometer große Gletscher Snaefellsjökull, der seinen majestätischen Gipfel weit über das Land glänzen lässt, gilt als wichtigster Berg Islands. Jules Verne ließ 1864 in seinem Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde" den Hamburger Geologieprofessor Lidenbrock exakt dort sein größtes Abenteuer starten.

"Steig in den Krater des Snaefellsjökull hinab, den der Schatten des Scartaris vor dem ersten Juli liebkost hat, und du, kühner Wanderer, wirst zum Mittelpunkt der Erde gelangen." Für Esoteriker gilt der Berg schlichtweg als drittes Auge Islands. Sie sehen in ihm sogar das größte Energiezentrum der Welt.

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Norbert Eisele-Hein/srt/jkö
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