Balkan per Bus Zwischen Plattenbau und Orient-Bazar

Wer kennt schon Podgorica? Die wohl am wenigsten bekannte Hauptstadt Europas ist zugleich seine jüngste: Erst Mitte Mai erklärte Montenegro seine Unabhängigkeit. Eine Reise auf eigene Faust in den Balkan ist zehn Jahre nach Ende des Jugoslawien-Krieges problemlos und visafrei.


Podgorica/Shkodra - Breite Asphaltstreifen, saubere blau-weiße Häuschen, eine futuristische Dachkonstruktion mit viel Glas: Der Übergang zwischen dem kroatischen Dubrovnik und Montenegros Küstenstädtchen Herceg Novi ist auf künftige Besucherströme gut vorbereitet. Lastwagen bilden eine kleine Schlange. Pkw und die noch wenigen Touristenbusse sind schnell abgefertigt. Zwölf Fahrgäste sitzen an diesem Morgen im "Montenegro Express". Der Bus fährt mehrmals täglich die gut 50 Kilometer zwischen beiden Orten.

Ein 55 Jahre alter Tourist aus Berlin schaut staunend durch das Busfenster auf neue Straßen und Gebäude und genießt die schnelle und freundliche Abfertigung der Grenzbeamten. Der Besucher erinnert sich: Vor etwa zehn Jahren, als der Jugoslawien-Krieg gerade zu Ende war, gab es hier noch kein Durchkommen. Manche Häuser waren zerstört, die Straßen schlecht, der Übergang verbarrikadiert. An eine Weiterfahrt zu Montenegros Nachbarn Albanien war gar nicht zu denken.

Heute sind alle Grenzen offen. Eine Tour auf eigene Faust von Südkroatien nach Montenegro und Albanien im Überlandbus und Sammeltaxi mag für einen deutschen Touristen ungewöhnlich sein, ist aber problemlos, die Menschen sind gastfreundlich und hilfsbereit.

Niksicko Pivo statt Heineken

Die Fahrt im Bus von Herceg Novi durch die Berge nach Podgorica dauert knapp drei Stunden und kostet fünf Euro, die Landeswährung. Im Pub "Picadilly" im Zentrum von Podgorica fließt "Niksicko Pivo" in Strömen. Das einheimische Fassbier ist preiswerter als die Importe. "Wenige können sich Heineken, Becks oder Guinness leisten. Unsere Einkommen sind schmal", sagt Milos Markovic. Der 24-jährige Kellner fügt hinzu: "Allmählich geht es wirtschaftlich aufwärts. Wir hoffen auf mehr Kontakte und Gäste aus der EU."

Podgorica ist eine der am wenigsten bekannten Hauptstädte Europas, die des kleinen Balkanlandes Montenegro. Vorher ein Teil des Staatenbundes Serbien-Montenegro, ist das Land nach einer Volksabstimmung Mitte Mai nun unabhängig. Viele in Montenegro hoffen, dass der Tourismus wieder so auf die Beine kommt wie in Kroatien. Auf einen Aufschwung hoffen alle in Montenegro, das gut 650.000 Einwohner hat und etwa so groß wie Schleswig-Holstein ist. Immerhin: 2005 kamen schon wieder 830.000 Urlauber - plus 16 Prozent -, davon knapp 19.000 aus Deutschland.

Podgorica, das früher auch Titograd hieß, ist keine Attraktion. Zum Stadtbild zählen massenhaft eintönige Mietshäuser, denen Farbe und Sanierung fehlt. Schön ist ein Bummel in der Fußgängerzone im Zentrum mit Läden, Boutiquen, neuen Cafés und Pubs. "Berichten Sie in Deutschland nicht über marode Häuser, sondern über die Menschen. Die sind fabelhaft", sagt Zelko Lakovic, genannt "Lucky".

"Lucky" hat etliche Jahre in Deutschland gearbeitet. Nun ist er Taxifahrer und Fremdenführer. Stolz lädt er den Gast in sein Haus mit Gärtchen ein. Am Morgen darauf kommt er pünktlich mit dem Taxi und fährt die 30 Kilometer zur albanischen Grenze. Sein "Spezialpreis für Freunde": 20 Euro. Busse fahren zu diesem Übergang in einsamer Gegend nur selten.

Der Grenzer auf albanischer Seite hebt grüßend die Hand und hält sie auf: "Zehn Euro". Dafür gibt es Quittung und Einreisestempel. Derweil verhandelt "Lucky" mit einem albanischen Kumpel, der mit seinem alten Mercedes-Diesel nach Shkodra will. Die etwa einstündige Fahrt kostet ebenfalls zehn Euro.

Kommunistisches Erbe und Supermärkte der Nachwende-Zeit

Es geht durch weites Land und ein paar Dörfer. Landarbeiter sind mit Hacke, Pflug und Pferdgespann häufiger zu sehen als auf dem Traktor. Das Leben auf dem Balkan ist aus deutscher Sicht langsam. Aber auch in den Hausgärten entlang der Strecke wird geschnitten und gerupft. "Heute arbeiten die Menschen mehr für ihre eigene Geldbörse. Da packen sie ganz anders zu", erklärt der 40-jährige Fahrer.

Am Horizont taucht die Burgruine Rozafa auf, die auf einem Hügel über Shkodra thront. Die Stadt ist ein Mix aus kommunistischem Erbe mit massigen Heldendenkmälern und Plattenbauten sowie aus Orient mit Bazar, Märkten und Moscheen. Dazu kommt Neues aus der Nachwende-Zeit: Ein paar Privat-Restaurants, -Pensionen, Internet-Cafés, Banken und Supermärkte.

Mit Deutsch kommt der Tourist hier besser durch als mit Englisch, auch im "Cocja"-Restaurant. Luli Foska hat sieben Jahre am Rhein gearbeitet. An diesem Abend beköstigt er Studenten und Forscher der Uni Münster, die eine Studienreise machen. "Alle Touristen wundern sich über unsere günstigen Preise. Wir müssen an unsere einheimischen Kunden denken. Die haben nicht viel im Geldbeutel", erläutert Foska.

Und wie geht es ohne Zeitdruck preiswert nach Deutschland zurück? Entweder: von Rozafat mit dem Sammeltaxi. Das fährt für fünf Euro die Südroute nach Montenegro bis ins 50 Kilometer entfernte Ulcinj. Von da touren Busse die Küste entlang über Bar, Budva, Kotor und Herceg Novi nach Dubrovnik. Von der kroatischen Stadt gibt es auch Billigflüge. Oder: Von Shkodra weiter durch das Land der Skipetaren bis in die Hauptstadt Tirana. Von hier fliegt erstmals im Sommer 2006 die Billig-Airline Germanwings nach Deutschland.

Von Bernd Kubisch, gms



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