Roadtrip auf der Via Egnatia 1000 Kilometer, vier Länder, zwei Meere

Immer der Via Egnatia entlang: Die antike Römerstraße, die einst vom Herzen Europas an die Grenzen des Kontinents führte, ist wie geschaffen für eine Entdeckungsreise quer durch den Balkan.

Von Nikolai Antoniadis und Nele Gülck  (Fotos)


"In diesem Leben gibt es nichts, auf das ich stolz bin." Ali Denizci sitzt in seinem Café in Balat, einem der ärmsten Viertel Istanbuls, und erzählt seine Geschichte. Der kleine Mann mit Zopf, Ende 50, sagt das ohne Wehmut, vielmehr mit großer Gelassenheit.

Sein Leben, seine "Reisen", wie er sagt, haben ihn hierher geführt, von einer Kindheit im Villenviertel Yeniköy in die Obdachlosigkeit, von seiner Erleuchtung durch einen Sufimeister bis ins Dervi Baba Kahvehanesi - das "Kaffeehaus für Verrückte, Verzückte, für Menschen, die sich in Ekstase verlieren, und für Liebende", das er seit ein paar Jahren betreibt.

Ein guter Ort, um eine Reise abzuschließen. Eine 1000 Kilometer lange Reise, die der Route der antiken römischen Straße Via Egnatia von West nach Ost quer über den Balkan gefolgt ist. Die Verbindung der Adriaküste mit dem Bosporus war einst die Verlängerung der Via Appia gen Osten. Die Straßen verbanden Rom und Konstantinopel, die beiden Metropolen des Römischen Reiches.

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Roadtrip durch den Balkan: 1000 Kilometer, vier Länder

Die Fahrt führt durch Albanien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei - und könnte an der Promenade der albanischen Hafenstadt Durrës starten. Dort, wo Jugendliche Selfies vor dem Mahnmal des unbekannten Soldaten machen oder an einer der Buden mit einem Luftgewehr auf Clint Eastwood oder Slobodan Milošsevic schießen. Nur wenige Meter entfernt, hinter dem Kettenkarussell und den Fastfood-Restaurants, beginnt am Zaun des Containerhafens die Egnatia-Straße.

Oder die Fahrt könnte weiter südlich einen entspannteren Anfang nehmen, an einem Ableger der historischen Via Egnatia, in der Nähe der Stadt Fier. Dort bei Kavaje hat ein ehemaliger Literaturprofessor in einer verlassenen Bunkeranlage das Ferienresort Kamping pa Emer eingerichtet. In den Hang über dem Meer ließ er Holzhütten bauen und eine kleine, künstliche Insel mit Bootsanleger und Bar anlegen, vor der die Sonne in der Adria untergeht.

Müllsammler in einer Stahlwerk-Ruine

Der Weg nach Elbasan, gen Osten in Albaniens Landesinnere, führt durch das riesige Trümmerfeld Celiku i Partise, den "Stahl der Partei", ein Stahlwerk, in dem früher die halbe Stadt gearbeitet hat. Heute durchkämmen die Bewohner der umliegenden Dörfer die Ruinen wie Goldschürfer, die die Trümmer aussieben, um zurückgelassene Elektrotechnik, Altmetall und Mobiliar zu finden. Wer fündig wird, kann damit umgerechnet bis zu fünf Euro am Tag verdienen, für viele Albaner ein normaler Tageslohn.

In der Stadt Elbasan ist die Via Egnatia kaum mehr als eine schmale Gasse. Sie führt zu einem katholischen Gymnasium, dessen Sportlehrer Andi Kongoli eine kleine Berühmtheit ist, seit er vor drei Jahren in etwas mehr als drei Stunden von Korfu nach Albanien geschwommen ist.

Der heute 45-jährige Andi Kongoli widmete diesen Rekord jenen Albanern, die während der Diktatur versucht hatten, die nahe griechische Küste zu erreichen, und dabei ertrunken waren. Kollegen und Schüler bestärken ihn heute in einem neuen Vorhaben: Er will den Ohridsee vom albanischen zum mazedonischen Ufer durchschwimmen - aber die komplizierten Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern haben das Vorhaben bisher verhindert.

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Obwohl seit über 30 Jahren sowohl Weltkultur- als auch Weltnaturerbe der Unesco, ist der Ohridsee touristisch kaum erschlossen. Allein das Städtchen Ohrid in Mazedonien brummt im Sommer vor Urlaubern, die nach einem Besuch der berühmten Ikonensammlung die Cafés und Souvenirshops am Hafen füllen.

Wenige Kilometer westlich, in Struga, tummeln sich an der Strandpromenade bei Autoscooter, Softeis und Tretbootverleih fast nur Einheimische. Wer sich ein bisschen treiben lässt, stößt fern des Seeufers, auf ein kleines Schmuckstück, ein Naturkundliches Museum aus den Zwanzigerjahren: In staubigen Vitrinen sind dort Schmetterlinge aufgespießt, daneben hängen Eulen, Mäuse, ein zweiköpfiges Rehkitz, ein Wolf mit gefletschten Zähnen.

Fragt man den Mann im blauen Trainingsanzug, der neben dem Empfang sitzt und Fußball guckt, ob er der Chef sei, sagt er lapidar: "Wäre ich dann hier? Nein, der Chef arbeitet nicht. Deshalb ist er ja Chef." Er schaltet das Licht im Museum an, geht zurück zu seinem Fußballspiel und überlässt seine Besucher sich selbst.

"Generationen von Krisen"

Vom Ohridsee ist es nicht weit zu den Prespaseen, die zusammen einen Nationalpark im Dreiländereck zwischen Albanien, Mazedonien und Griechenland bilden und sich hervorragend für eine lange Rast mit ausgedehnten Wanderungen eignen. Dann führt der Weg durch blühende Mohnfelder hinein in die nebelverhangenen Berge rund um Náoussa weiter.

Dort befindet sich der Stammsitz der Boutaris-Familie, eine der größten Winzerdynastien Griechenlands. Ihr prominentester Vertreter ist Yiannis Boutaris, Sohn, Enkel und Urenkel von Winzern, der inzwischen Bürgermeister von Thessaloniki ist. Seine Söhne arbeiten an der kleinen, exklusiveren Marke Kir-Yianni. Mit ihr wollen sie den Ruf des griechischen Weins aufpolieren, der hauptsächlich mit Retsina in Verbindung gebracht wird, einem billigen Kneipenwein, der mit Harz versetzt wird, um seine minderwertige Qualität zu kaschieren.

Außer Wein hat der Norden Griechenlands vor allem eins zu bieten: eine raue, ziemlich romantische (wenn auch unfreiwillige) Abgeschiedenheit. Seit die "neue" Egnatia fertig ist, die Autobahn, die bis nach Istanbul führt, fällt das Land hinter dem Ferienort Tousla in einen schläfrigen Dämmerzustand, aus dem es erst kurz vor Kavala wieder aufwacht. "Das ist nicht erst seit der jetzigen Krise so, sondern seit Generationen von Krisen", sagt Stavros. Ihm gehört ein Kafeníon, ein kleines griechisches Kaffeehaus, in Nikiforos.

Ein Jahr auf dem Friedhof

Die karge Landschaft endet erst hinter der Grenze zur Türkei, wo sie entlang der Küste von schier endlosen eintönigen Feriensiedlungen abgelöst wird. Erst kurz vor Istanbul führt die Straße ans Meer zurück, an Strände, die beinahe unheimlich sind in ihrer Rohheit; wo die schroffen Berghänge fast ganz ans Wasser reichen. Außer den dürren, hohen Holzstegen einheimischer Fischer sind die Ufer menschenleer: ein idealer Ort, um bei einem Bad im Marmarameer ein bisschen Energie zu tanken.

Denn schon wenig später künden die Silhouetten gewaltiger Trabantenstädte von der nahen 14-Millionen-Metropole. Der Verkehr wird dichter, die Häuser höher, und schließlich werden unter den Hochhaussiedlungen im Vorort Avcilar die letzten Spuren der Via Egnatia begraben; über ihr führt die sechsspurige E-5 nach Istanbul, auf der sich unzählige Autos in die Stadt hineinkämpfen.

Dort, in Ali Denizcis Café in Balat, endet die Balkanüberquerung. Der Kettenraucher erzählt, wie ihm einmal ein Arzt seinen nahen Tod vorhersagte, er sich daraufhin auf einem Friedhof ein Grabfeld kaufte und dort ein Jahr lang lebte - in der Gesellschaft toter Maler, Dichter und Schriftsteller. Er krempelt seinen Ärmel hoch, um sein Anarchie-Tattoo zu zeigen, oder sein Hosenbein, um eine Beule vorzuführen, die Pistolenkugel, die immer noch in seinem Knie steckt. Am Ende preist er seinen Sufimeister und verabschiedet sich.

Vom Goldenen Horn weht eine leichte Brise herüber, die untergehende Sonne leuchtet das andere Ufer an. Und während von zahllosen Minaretten zum Abendgebet gerufen wird, fühlt man sich für einen Augenblick - wie Ali Denizci - mit der Welt versöhnt.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
csbokia 24.06.2017
1. Abgesehen von Egnatia - Keine Ahnung von Retsina Wein
"...der hauptsächlich mit Retsina in Verbindung gebracht wird, einem billigen Kneipenwein, der mit Harz versetzt wird, um seine minderwertige Qualität zu kaschieren." Dann hat der Autor wohl billigen retsina wein hier getrunken. Den gibt es auch ohne Harz überall in der Welt. Es gibt sehr guten retsina Wein. Und der Harz kommt nicht aus dem Grund rein. Man oh man!!
quark2@mailinator.com 24.06.2017
2.
So schön der Bericht ist - Wieso ist das keine Landkarte mit eingezeichneter Strecke drüber ??? Manchmal frage ich mich, wieso hier oft die elementarsten Dinge fehlen.
eunegin 24.06.2017
3. Eine Landkarte wäre schon schön.
Katen gab es sicher schon beiden Römern....
querulant_99 24.06.2017
4.
Zitat von euneginKaten gab es sicher schon beiden Römern....
Deshalb findet man solche Karten auch im Internet, z.B. hier: https://ab782189-a-62cb3a1a-s-sites.googlegroups.com/site/pilgrimstojerusalem/route-planning-via-egnesia/Image2.jpg?attachauth=ANoY7cqfjX7wXLLFQyPvwAIZw-wiWnILItLrx68weO5_UyEUQlNgHMCXs5_-JwCA4mnCRa95F7XJw54q_QKx4ofczGLmoayuYXOpvlbR_jkpy3zm1nb8JK8SXBtuiH2gMOtpZl7U8IxZxdnQLEJPtjZNQ0YWJ87mJoh1wD0z5z-kpCCDirOO3UBOtqxwUGkTBKu00txnHZNig7-JwjGjN1AbLbMvZvWJyqRoEa-_TnKkCWAPB2hFY3OgM_GNR0LAowyI33PNuanD&attredirects=0
eunegin 25.06.2017
5. Querulant - macht seinem Namen alle Ehre
Na danke für die sinnvolle Belehrung und den mehrzeiligen link. Ist mir schon klar, dass es eine Karte irgendwo gibt. Nur ist das eben ein elementarer Bestandteil des Artikels. Ich könnte mir auch jeden anderen Inhalt von SPON selbst googeln. Nur Sinn und Zweck von Artikeln und so. Sie verstehen schon, oder? Na ja , wohl eher nicht.
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