Ballonfahren Reise mit vielen Unbekannten

Jede Fahrt ist ein kleines Abenteuer für Ortwin Hillnhütter. Mit seinem Heißluftballon geht der 67-Jährige bei den Deutschen Meisterschaften im pfälzischen Frankenthal an den Start. Sportlicher Ehrgeiz ist längst nicht alles, was Ballonfahrer antreibt.


Frankenthal - Wenn Ortwin Hillnhütter über sein Hobby spricht, funkeln seine Augen. Ballonfahren gebe einem dieses einzigartige Gefühl von Freiheit, sagt der 67-Jährige: "Wenn ich da oben bin, können mich alle mal." Dann sei alles egal, nur noch die Fahrt zähle, das Schweben in der Luft und der Wind, der einem um die Nase bläst.

3200 Mal war Hillnhütter schon mit seinem Ballon in der Luft, fuhr bereits in Japan, Australien und ganz Europa. Dennoch sei jede Fahrt immer noch ein kleines Abenteuer, sagt der Senior der Truppe, wie ihn seine Ballonfahrerfreunde liebevoll nennen. "Es ist schönes Wetter, gehen wir mal hoch. Und dann mal gucken, wo wir wieder landen", sagt er über seine Leidenschaft.

In dieser Woche nimmt Hillnhütter zusammen mit 28 anderen Piloten an der Deutschen Meisterschaft der Heißluftballonpiloten im pfälzischen Frankenthal teil. Bis Sonntag wetteifern die Ballonfahrer um den Titel des Deutschen Meisters und die begehrten Plätze in der Deutschen Nationalmannschaft.

Dabei gilt es, Aufgaben wie die Verfolgung eines "Fuchs-Ballons" oder das Abwerfen eines Markers über einem Zielkreuz zu lösen. "Im Grunde geht es dabei immer nur um Zielgenauigkeit", erläutert der Sprecher des Deutschen Freiballon Sportverbands, David Strasmann, der selbst auch an der Meisterschaft teilnimmt.

Gute Vorbereitung ist alles

Bei dem ersten Wettbewerb am Dienstag mussten die 29 Ballone auf ein Ziel zufahren, das auf einem Feld bei Bobenheim-Roxheim markiert war, um darauf ihre Marker zu platzieren. Was für den Betrachter schön und auch sehr leicht aussieht, erfordert von den Piloten eine gründliche Vorbereitung.

Vor jeder Wettfahrt informiert die Wettbewerbsleitung die Piloten über Luftrecht, Ziele und vor allem aktuelle Wetterlagen. Nach der Wetterlage wird auch das Ziel bestimmt, da die Ballone vom Wind abhängig sind. Doch auch bei gründlicher Planung kann sich noch vieles ändern: "Es kann immer ganz woanders hingehen. Das ist eben eine Reise mit vielen Unbekannten", sagt Uwe Schneider aus dem hessischen Hüttenberg, derzeit Weltranglistenerster und Vize-Europameister.

"Cool bleiben und irgendwo landen"

Sobald das Ziel bekannt ist, bricht unter den Ballonfahrern meist Hektik aus. Mit Bleistift, Karte und Lineal geht es an die Planung. Winde werden kontrolliert, Koordinaten in GPS-Geräte getippt oder Routenplanungen in Notebooks eingegeben. Viel Altmodisches scheint nicht mehr am Ballonfahren zu haften. Das weiß auch Sven Göhler, amtierender Deutscher Meister aus dem rheinland-pfälzischen Stadecken-Elsheim.

Allerdings sei ein GPS oder ein Notebook eben trotzdem nicht alles. "Gerade durch den Sonnenstand ändern sich auch schnell mal die Windsysteme", sagt er. Mit dem Navigationsgerät könne man nur besser abschätzen, wo man landen kann. Im Zweifelsfall ändere sich aber alles und dann helfe nur noch "Erfahrung nutzen, cool bleiben und irgendwo landen".

Ortwin Hillnhütter hat diese Erfahrung. Für ihn zählt inzwischen nur noch das Dabeisein bei den Wettbewerben: "Dass ich hier noch mal richtig nach vorne komme, glaube ich nicht. Die junge Konkurrenz ist einfach zu groß." Zur Weltmeisterschaft (13.-21. September 2008) in Hofkirchen in Österreich will er aber dennoch mitreisen. "Es ist einfach ein tolles Erlebnis, wenn so viele Ballone gleichzeitig in der Luft sind", schwärmt er. Mit 70 sei aber dann endgültig Schluss - dann sei er wirklich "alt genug".

Julia Spurzem, ddp



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