Ballonfahrer in Tschechien "Jede Fahrt verändert mich"

Heißluftballone waren in Zeiten des Kommunismus unerwünscht - zu leicht hätte die Flucht in den Westen gelingen können. Während einer Fahrt spricht SPIEGEL ONLINE mit dem tschechischen Ballonpionier Ales Kubicek über das Glück im Himmel und seine Erlebnisse auf über 1000 Fahrten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kubicek, warum lieben Sie das Ballonfahren?

Kubicek: Es ist wunderbar, die Aussicht und die herrliche Stille zu genießen. Sehen Sie, wir sind ganz alleine hier oben, nur wir und der Ballon. Jetzt ist nur der Moment wichtig, und nicht, was war oder sein wird. Jede Fahrt verändert mich, macht mich ruhiger und zufriedener. Hier oben wird mir jedes Mal bewusst, dass es etwas Mächtigeres gibt, das ich nicht beeinflussen kann. Ich kann nur regeln, wie hoch ich fahre, und auch das nur so lange die Gasflaschen gefüllt sind. Alles andere bestimmt der Wind.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen das keine Angst?

Kubicek: Jeder hat Angst, so sind wir Menschen. Es ist aber auch ein Prinzip des Menschen, seine Ängste zu überwinden. Natürlich gibt es gefährliche Wettersituationen, in denen ich nicht fahre. Wir leben auf der Erde - und haben Angst, den festen Boden zu verlassen. Wenn wir uns aber für das Fliegen entscheiden, sehen wir die Welt anders. Alle Menschen, mit denen ich gefahren bin, waren danach verändert, alle hatten gute Laune. In ihnen wächst etwas, was keine Kopie irgendeiner Fernsehreklame ist. Sie wachsen in ihrer Persönlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Und die Menschen am Boden?

Kubicek: Auch sie sind glücklich, wenn sie einen Ballon sehen. Sie winken und freuen sich. Deshalb baue ich Heißluftballone, weil sie die Menschen berühren und verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihren ersten Ballon gebaut?

Kubicek: Freunde fragten mich, ob ich ihnen einen bauen könne. Ich flog damals Segelflugzeuge und studierte Maschinenbau an der Militärakademie. Ich sagte: "Ja, versuchen kann ich es" und begann mit der Entwicklung. Das Material hatten wir schnell zusammen. Im Kommunismus Anfang der achtziger Jahre war es aber das größte Problem, eine Genehmigung zu bekommen. Erst 1983, nach zwei Jahren, durften offiziell bauen und testen. Wir hatten aber nicht so lange warten können und den Ballon schon früher entwickelt und in Ungarn getestet. Hätte man uns entdeckt, wären wir ins Gefängnis gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren sicher, dass er funktionieren würde?

Kubicek: Ja, absolut. Ein bisschen Mut gehörte natürlich dazu, wir hatten ja lediglich an Modellen von 17 Zentimetern und sechs Metern Größe die physikalischen Eigenschaften gemessen. Der Ballon war aus einem Stoff zusammengenäht, den man normalerweise zum Flicken benutzte. Doch in drei Monaten hatten wir ihn fertig. Es war der erste Heißluftballon der Tschechoslowakei. Doch wir hatten großes Pech: Nur wenige Wochen später flohen Menschen aus der damaligen DDR mit einem selbstgebauten Ballon über die Grenze. Heißluftballone wurden bei uns sofort wieder verboten.

SPIEGEL ONLINE: Und das Verbot dauerte bis zur Revolution und der Wende im Jahr 1989?

Kubicek: Als der Kommunismus zusammenbrach, war es plötzlich wieder erlaubt, privat Ballone zu bauen. Mit einigen Freunden gründete ich eine Firma und fing sofort an. Zunächst konstruierten wir fünf Stück im Jahr, zuhause in meiner Wohnung.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Kubicek: Heute habe ich eine Fabrik und wir schaffen immerhin schon 90 im Jahr, wovon ein Drittel nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz verkauft werden. In 20 Jahren haben wir fast 650 Ballone gebaut, auch die Körbe und Brenner entstehen in Handarbeit. Drei bis sechs Monate müssen unsere Kunden daher warten. Jeder Ballon ist ein Unikat, genau wie jede Fahrt darin einzigartig und nicht zu wiederholen ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Kubicek: Zurück zur Erde komme ich immer, allerdings an einen Ort, wo ich nie zuvor war. Wenn ich lande, treffe und spreche ich auch immer jemanden, den ich vorher nicht gekannt habe. Ich bin auf der ganzen Welt gefahren, in Japan, China, in Katar, über den Urwäldern Brasiliens, in Afrika - überall kamen Menschen, manchmal ganze Dörfer gelaufen, um zu gucken.

SPIEGEL ONLINE: An welche Begegnungen erinnern Sie sich besonders gern?

Kubicek: An solche mit Menschen, die sehr arm, aber unglaublich herzlich waren. Oft war es das erste Mal, dass diese Menschen einen Ballon sahen. Wir schwebten vom Himmel und wurden angeschaut wie Zauberer. In Georgien luden uns die Bewohner eines Dorfes ein. Sie haben eine Tischdecke unter einen Apfelbaum gelegt und kräftig an den Ästen geschüttelt - das Festessen war fertig. Selten haben mir Äpfel so gut geschmeckt.

Ein anderes Mal mussten wir ganz hier in der Nähe von Brünn in einer Kleingartensiedlung landen. Wie überall auf der Welt waren es auch dort sehr stolze Kleingärtner. Da unser Korb aber sicher 100 Meter weit über den Boden gezogen wurde, hinterließen wir eine Schneise der Verwüstung. Garten für Garten wurde vernichtet. Als ich aus dem Korb kletterte, rechnete ich mit dem Schlimmsten, doch alle waren sehr freundliche und sagten: "Wie toll, schön dass ihr da seid. Uns wird niemand glauben, dass in unseren Gärten ein Ballon gelandet ist." Das Unglaublichste aber ist mir ein anderes Mal in Georgien passiert.

SPIEGEL ONLINE: Ja?

Kubicek: Es war Heiligabend. Im Auftrag des russischen Staatsfernsehens sollten wir in der Hauptstadt Tiflis landen und Geschenke verteilen. Wir hatten den Weihnachtsmann und ein Kamerateam an Bord. Der Wind trug uns aber ganz woanders hin, weit aufs Land hinaus bis zu einem Dorf. Wir landeten direkt vor einer Hütte. Es kamen zwei kleine Jungen herausgelaufen, die noch nie in ihrem Leben einen Ballon gesehen hatten, und nun landete der Weihnachtsmann direkt vor der Haustür und brachte ihnen Geschenke. Das russische Staatsfernsehen übertrug das alles live. Für die Menschen dieses Dorfes war das ein Wunder, und die beiden Jungen glauben sicher heute noch an den Weihnachtsmann.

Das Interview führte Oliver Lück.



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