Bayerische Glasstraße Zwischen Phantasie und Technik

Quarz, Kalk, Soda und Pottasche - Glasblasen hat in Bayern eine lange Tradition. Die gläserne Vielfalt an der 250 Kilometer lange Glasstraße reicht von der Bleikristall-Großproduktion bis zur Studioglasbewegung, die in den sechziger Jahren Phantasie gegen Massendesign setzte.


Glühendes Glas: In einigen Glashütten dürfen Kinder sich am Glasblasen versuchen
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Glühendes Glas: In einigen Glashütten dürfen Kinder sich am Glasblasen versuchen

Frauenau - Es ist heiß in der Glasbläserei des Freiherrn von Poschinger in Frauenau im Bayerischen Wald. Vorsichtig taucht ein Handwerker ein schmales Blasrohr in den orange glühenden Schlund des Schmelztiegels, dreht es und zieht einen feuerroten Ball zähflüssigen Glases aus dem Ofen. Faziniert sehen Kinder und Erwachsene zu, wie er in das Rohr bläst und sich die glühende Masse allmählich rundet. Ein Trinkglas nach römischem Vorbild soll daraus entstehen, erfahren die Besucher in der Werkshalle, die zu den mehr als 80 Schauglashütten und aktiven Werkstätten an der bayerischen Glasstraße gehört.

250 Kilometer lang führt sie vom Oberpfälzer Wald in Richtung Südosten bis zur Grenze nach Tschechien und Österreich. Hütten, Museen, Wander- und Radwege gibt es viele in der herben und oft einsamen Gegend, in der mancherorts wieder Luchse auf die Jagd gehen.

"In Europa gibt es kein Gebiet, wo Glas in dieser Konzentration vorhanden ist", sagt Stephan Moder vom Tourismusverband Ostbayern in Regensburg. Er leitet das 1997 gestartete Projekt "Die Glasstraße", das auf die Geschichte und Produktion des Glases, aber auch auf sehenswerte Kirchen, Klöster, Burgen und historische Festspiele aufmerksam machen will. Groß ist das Angebot auch für Kinder, die in einigen Hütten sogar selber Glas blasen dürfen.

Wer dem fast 100 Kilometer langen "Gläsernen Steig" folgt, vorbei an Bayrisch Eisenstein, Frauenau und dem Skigebiet auf dem 1456 Meter hohen Großen Arber, kann erahnen, warum im Bayerischen Wald ab dem Jahr 1250 so viele Glashütten entstanden: Holz für das Anfeuern der Schmelzöfen gab es im Überfluss, ebenso Quarz, das mit Kalk, Soda und Pottasche bei 1500 Grad geschmolzen wird. Davon zeugt noch der 150 Kilometer lange Quarzgang, der sich rückenartig vom Oberpfälzer Wald Richtung Osten erstreckt. Besonders beeindruckend ist der "Pfahl", die Quarzgesteinsschicht, die entlang des 60 Kilometer langen Pfahlwanderweges immer wieder zu sehen ist - als bizarr verwitterte Türme oder Felsen.

In großem Umfang stellen allerdings nur noch wenige Betriebe mundgeblasenes Glas her, wie etwa die Jahrhunderte alte Riedlhütte nördlich von Grafenau. Andere machten unter dem Druck der billigeren Auslandskonkurrenz dicht. "Viele Glasbläser sind selbständig oder arbeiten in kleinen Hütten", sagt Johannes Strixner, Obermeister der bayerischen Landesinnung des glasveredelnden Handwerks. Ihr Glas verkaufen sie direkt in den Hütten, wo Besucher ihnen zusehen können.

Herbe und oft einsame Landschaft: Die Glasstraße fürht vom Oberpfälzer Wald bis zur Grenze nach Tschechien und Österreich
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Herbe und oft einsame Landschaft: Die Glasstraße fürht vom Oberpfälzer Wald bis zur Grenze nach Tschechien und Österreich

Die Blüte erlebte das Glashandwerk vom 17. bis hinein ins 19. Jahrhundert. "Europäische Königshäuser haben Glas aus dem Bayerischen Wald auf ihren Tafeln gehabt", sagt Moder. Zu den berühmtesten zählt die seit 1548 mit dem Glasmachen beschäftigte Familie von Poschinger. Sie machte sich vor allem mit Jugendstil-Glas einen Namen und erhielt 1900 auf der Weltausstellung in Paris sogar eine Medaille. Die von Poschingers sind immer noch in Frauenau, das sich stolz "das gläserne Herz" nennt, eine Region, die bis nach Zwiesel und zum Arber reicht. Seit 1400 siedelten sich hier Hütten wie die Kristallglaswerke Spiegelau an, die noch heute in großem Umfang traditionell Glas blasen.

Bekannt ist auch die Glashütte Eisch in Frauenau. Erwin Auch und Gretl Eisch waren in den sechziger Jahren Mitgründer der Studioglasbewegung, die Phantasie gegen Massendesign setzte. Viele der Objekte sind im Glasmuseum Frauenau zu bewundern, das im Frühjahr 2004 nach Umbauten wieder eröffnet werden soll.

Besonders ausgefallen ist die Gläserne Scheune des Glasmalers Rudolf Schmid in Raubühl bei Viechtach. Üppige Fensterbilder erzählen von dem Bayerwald-Propheten "Mühlhiasl", der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bereits die Entwicklung der Eisenbahn und den Zweiten Weltkrieg vorhergesagt haben soll.

Doch auch die Oberpfalz am westlichen Eingang der Glasstraße hat sich einen Namen gemacht: Neustadt an der Waldnaab gilt seit Anfang des 20. Jahrhunderts als "Stadt des Bleikristalls". Heute produziert dort Nachtmann, einer der führenden Bleikristall-Hersteller Europas.

Weiter östlich nahe des deutsch-tschechischen Grenzübergangs Waidhaus folgt der 78 Kilometer lange "Glasschleiferweg", an dem sich das vor allem im 18. und 19. Jahrhundert bedeutende Gewerbe der Glasschleifer ansiedelte. Über die sanften Hügel des Oberpfälzer Waldes windet sich der Weg an idyllischen Dörfern, rauschenden Wasserfällen und alten Schleifereien vorbei. Vollständig erhalten ist die historische Hagenmühle bei Pleystein, wo Arbeiter früher unebene Glasscheiben mit Hilfe von Wasserkraft und Schleifblöcken glätteten und mit Filz polierten.

Einen der besten Überblicke über alte und moderne Glaskunst bietet das Passauer Glasmuseum mit der wohl weltgrößten Sammlung von böhmischem Glas, berühmt vor allem für Schliff und Gravuren. Die Exponate zeigen, was die Region zwischen Bayerischem Wald, Österreich und Böhmen in 250 Jahren hervorgebracht hat und mit welcher Liebe die Menschen im Bayerischen Wald bis heute am Glas hängen.

Von Cordula Dieckmann, gms



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