Bayerischer Wald Der Schnee macht Männchen

Schnee, Reif und Wind verwandeln im Winter die Fichten am Großen Arber in bizarre Figuren. Doch nicht nur wegen der "Arbermandl" kommen Urlauber in den Bayerischen Wald: Einst vom Eisernen Vorhang beschattet, öffnet sich die Region verstärkt dem Wellness- und Skitourismus.
Von Martin Cyris

"Mutti, kannste noch fahren?" Reinhold hat gerade sein zweites Hefeweizen vernichtet und noch einen Schnaps hinterhergeschickt. Zuviel, um ein Auto zu lenken. Erst recht auf der langen Fahrt vom Bayerischen Wald heim ins Ruhrgebiet. Mutti, die eigentlich Irene heißt, kann noch fahren. Denn nach dem Mittagessen – deftiger Schweinebraten mit riesigem Kartoffelknödel – hat sie sich mit einem Kännchen Kaffee begnügt. "Hier haste im Nullkommanix zuviel Umdrehungen im Blut", sagt Reinhold. Bei den günstigen Preisen könne er einfach nicht widerstehen.

Das Rentnerehepaar aus Mülheim an der Ruhr kommt seit 16 Jahren zum Ski- und Langlaufen dorthin, wo der Große Arber alles überragt. "Hier sind die Knödel noch groß und die Leute noch freundlich", erklärt Reinhold, "hier kriegst du wat fürs Geld." Die bayerischen Alpen, Österreich und Südtirol seien ihnen zu teuer: "Auf den Skihütten dort kriegst du kein Bier mehr unter vier Euro." Deshalb blieben sie ihrem Urlaubsort Lam treu.

Sie sind nicht die einzigen: Das Verkehrsamt von Lam führt Buch über die anhänglichsten Gäste. Bei runden Jubiläen empfängt der Bürgermeister die fleißigen Urlauber und überreicht einen Spatz aus Kristallglas. Im Bayerischen Wald hat die Glasmacherkunst eine lange Tradition. Der aktuelle Lam-Rekordhalter hat fünf Aufenthalte mehr zu verzeichnen als Franz Beckenbauer Fußballländerspiele – nämlich 108.

Vor zweieinhalb Jahren ließ sich Bundespräsident Horst Köhler im Urlaub in Lam seine Brotzeiten schmecken. Begeistert soll der Mann vor allem von den Waldbauernhöfen rings um Lam gewesen sein. Einige von ihnen haben vor Jahrzehnten ihre Ställe zu Wirtshäusern umfunktioniert. Ein herrlich ursprüngliches Gastro-Erlebnis mit den authentischsten Speisen südlich des Weißwurstäquators. Und wenn draußen der kalte Ostwind pfeift, wärmen sich die Gäste am Holzofen.

Neue Freunde aus Pilsen

Das Arbergebiet lebt vor allem von seinen treuen Stammgästen. Wegen seiner Lage im Schatten des früheren Eisernen Vorhangs hat sich der Tourismus lange schwer getan. Durch den Wegfall der Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Tschechien zu Beginn des Jahres macht das Waldgebiet zwischen Donau und Böhmerwald nun deutlich attraktiver.

"Früher hatte man das Gefühl, dort drüben würde die Welt aufhören", sagt Irene – und meint das tschechische Grenzgebiet. Aber jetzt begegne man sich auf Augenhöhe. "Irgendwie hat man das Gefühl, da wächst was zusammen", sagt sie. Beim Tanzabend im Hotel hätten sie sich unlängst mit einem Paar aus dem tschechischen Pilsen angefreundet.

Experten auf beiden Seiten tüfteln längst an gemeinsamen touristischen Vorhaben, etwa grenzüberschreitende Winterwanderwege. Aber spruchreif ist noch nichts. "Wir würden sofort loslegen", sagt Peter Rohrbacher, Leiter der Tourist-Info von Lam, "doch die Naturschützer in Tschechien haben eine starke Lobby." Veränderungen fänden deshalb nicht in Schuss- sondern in Pflugfahrt statt, um es im Skifahrerdeutsch zu sagen.

Die Liftbetreiber am Arber haben schon vor einiger Zeit vorgelegt: Sie sind stolz auf die modernsten Gondeln und Sessellifte eines deutschen Mittelgebirges. Über die Pistenkilometer – insgesamt sieben – können große Skigebiete zwar nur lächeln, aber die Abfahrten sind gut präpariert und taugen für jede Talentstufe. Die exponierte Lage des Bergs sorgt außerdem oftmals für Eis und Schnee, wenn in der Umgebung längst Tauwetter eingesetzt hat. Und natürlich helfen Schneekanonen nach, wenn’s sein muss.

Auf einer der schwarzen Pisten kann man sogar wie ein Weltmeister abfahren: Seit den siebziger Jahren werden am Arber Weltcuprennen ausgetragen. Bretterlegenden wie Ingemar Stenmark oder Anita Wachter haben sich hier in die Siegerlisten eingetragen. Wegen der zahlreichen und ausgedehnten Loipen, fühlen sich auch Langläufer und Biathleten magisch angezogen. Die Qualität des Arbergebiets hat sich sogar bis nach China herumgesprochen: Die chinesische Biathlon-Nationalmannschaft absolvierte im Dezember ein Trainingslager zum Fuße des Arbers.

Skizirkus und Wellness

Bei entsprechender Schneelage ist auch eine fünf Kilometer lange Tourenabfahrt nach Bodenmais möglich. Bodenmais ist neben Lam eine der beiden Gemeinden, auf die sich der Wintersporttourismus im Arbergebiet konzentriert. Im ehemaligen Bergbaudorf – früher wurden unter anderem Erz und Silber abgebaut – scheint es an nichts zu fehlen. Es gibt mehr Vier-Sterne-Hotels als in jedem anderen Ferienort in Bayern.

Der neue Tourismusdirektor von Bodenmais, Andreas Lambeck, hat noch einiges vor: "Wir geben Bodenmais ein neues Gesicht." Die Gemeinde soll der erste "offizielle Wellnessort Deutschlands" werden. Mit Brief und Siegel des Deutschen Wellness-Verbands.

Das Erschließen junger Zielgruppen steht ebenfalls auf der Agenda. Auftritte von berühmten Stimmungskanonen wie DJ Ötzi oder Jürgen Drews heizen den Vergnügungssüchtigen auf der Piste ein. Skizirkusnummern wie Après-Ski-Partys mit Absturzgarantie sind in Bodenmais und Lam freilich noch verpönt. Rustikale Zither- und Volksmusikabende mit Alleinunterhaltern geben den Ton an.

Zu den beliebten Getränken im Dorf-Stadl gehört der Bärwurz, ein herber Kräuterschnaps. Einheimische nennen ihn den "Obstler des Bayerwalds". Eine andere Eigenart der Region sind die so genannten Arbermandl. Zu Hochdeutsch: Arbermännchen. Bergfichten und Latschen werden von der Natur zu bizarren Skulpturen geformt. Reif, Schnee und Wind lassen die Bäume zu den frostigen Wintermännchen erstarren.

Unten im Tal bewegt sich einiges. Etwa im Dorf-Stadl von Bodenmais, wo täglich zu Rumba und Discofox geschwoft wird. "Wo hat man das schon, dass man jeden Abend gepflegt tanzen gehen kann?" sagt ein Mittdreißiger aus Leipzig. Er ist übrigens zum 19. Mal als Urlauber in Bodenmais. Auch Bodenmais führt genau Buch über die Stammgäste. "Mal sehen, vielleicht schaff' ich irgendwann die 50", sagt der Mann, "hier habe ich alles, was ich brauche."

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