"Europas längstes Dorf" Beatenberg Früher Drache, heute Ruhe

Knapp 1200 Einwohner auf zwölf Kilometern: Beatenberg in der Schweiz bezeichnet sich als "längstes Dorf Europas". Früher urlaubten hier Europas Herrscher und Adlige - heute will man mit Ruhe und einer einmaligen Aussicht punkten.

Corbis

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An der uforunden Bar des Hotel Dorint sitzt Erich von Däniken im blauen Jackett, trinkt Rotwein und setzt zum Hohelied auf Beatenberg an. "Ich liebe diese Gemeinde, ich werde hier bleiben, bis ich in die Grube steige", sagt der 81-Jährige und gießt sich noch ein Glas Beringer ein. An der Rotweinflasche baumelt eine Metallplakette mit seinen Initialien, "EvD", reserviert für den Stammgast.

Von Däniken kommt so oft hierher, dass man vermuten könnte, er recherchiere gerade, ob der stufige Hotelklotz womöglich von Aliens erbaut wurde. Das Gebäude passt überhaupt nicht zur gediegenen Holzhaus-Heimeligkeit, die der Ort sonst verströmt. Mit Theorien, dass Bewohner anderer Planeten immer mal wieder in die Geschicke der Menschheit eingriffen, wurde von Däniken bekannt, seine Bücher erreichten Millionenauflagen.

Was er mag an Beatenberg, ein paar hundert Höhenmeter über Interlaken und dem Thunersee, im Schweizer Kanton Bern? "Das Dorf, die Einfachheit", sagt er. "International werde ich dauernd gefragt über Außerirdische, Lichtgeschwindigkeit, Distanzen. Kontroverse Themen. Hier im Dorf sagt man: 'Der Erich ist halt Spezialist für Außerirdische.' Aber man redet nicht drüber."

Unter Rekordverdacht

Wobei: Über Distanzen muss man schon reden, wenn man über Beatenberg spricht. Denn auf dem Ortseingangsschild wird ein ungewöhnlicher Superlativ bemüht: Um das längste Dorf Europas handle es sich, steht dort. Sieben Kilometer vom ersten zum letzten Haus, zwölf Kilometer von Ortsgrenze zu Ortsgrenze. Beatenberg mit seinen 1184 Einwohnern und 1150 Gästebetten besteht im Wesentlichen aus einer Hauptstraße, die quer zum Hang verläuft, mit Paradeblick auf Eiger, Mönch und Jungfrau von jedem Balkon.

"Seine Blütezeit hatte Beatenberg von 1900 bis 1914", sagt Verena Moser, ehemalige Gemeinderätin und Lehrerin für Deutsch, Französisch und Englisch, beim Milchkaffee in der Bäckerei Bel-Air. "Wohlhabende und Adlige blieben für zwei oder drei Monate zur Sommerfrische, auch galt die Bergluft als heilsam für Lungenpatienten." Die Grandhotels zwischen den Bauernhäusern wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum Treffpunkt für Schickeria und Intellektuelle. Wladimir Iljitsch Lenin war da, Kronprinz Friedrich von Preußen, Königin Wilhelmina der Niederlande, Prinz Gustav Adolf von Schweden, außerdem Künstler wie Paul Klee oder Rainer Maria Rilke.

Bis in die Sechziger-, Siebzigerjahre lief der Tourismus bestens. Doch dann verlor man den Anschluss. "Die Hotels haben von der Substanz gelebt und nicht investiert", sagt Moser. "Wegen der Globalisierung wurden Reisen an exotischere Orte günstiger. Zur Zeit liegt Beatenberg ein bisschen im Dornröschenschlaf."

Früher Drache, heute Ruhe

Sie hofft allerdings auf eine Renaissance, weil "naturnaher Tourismus und Ruhe wieder mehr geschätzt" werden. Unter dem Dorf graben sich die St.-Beatus-Höhlen in den Fels, wo einst ein Drache gehaust haben soll und heute wahre Tropfstein-Kunstwerke zu sehen sind. Eine Gondelbahn führt aufs 1963 Meter hohe Niederhorn, es gibt Langlaufloipen, Wanderpfade und einen "Erich-von-Däniken-Weg" mit Schautafeln zu den Theorien des streitbaren Forschers. Vielleicht ist der Trend zu "Slow Travel" und nachhaltigem Tourismus eine Chance, wieder an bessere Zeiten anzuknüpfen.

Dabei helfen könnte ein Längenrekord-Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde, doch der steht noch aus. Man müsste eine Menge Dörfer vermessen, bis das gedruckt werden dürfte. Auf Nachfrage erhält man ausweichende Antworten: "Bis jetzt hat uns niemand den Titel streitig gemacht", sagt Moser. Wo das mit dem längsten Dorf eigentlich herkomme, sei eine gute Frage, sagt Thomas Tschopp, Geschäftsführer von Beatenberg Tourismus.

Eine gute Frage, tatsächlich: Fängt man an, Dorflängensuperlative zu recherchieren, ist Verwirrung garantiert. Da gibt es Langenschade, das angeblich längste Dorf Thüringens (306 Einwohner, knapp sieben Kilometer). Bülkau, das angeblich längste Dorf Niedersachsens (900 Einwohner, elf Kilometer). Mülsen, das angeblich längste Dorf Sachsens (12.900 Einwohner, 17 Kilometer). Saborsko, das angeblich längste Dorf Kroatiens (632 Einwohner, 8,7 Kilometer). Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Doch sollte Mülsen in Sachsen mit seiner Einwohnerzahl überhaupt als Dorf gelten? Per Definition liegt die Untergrenze für eine Stadt in Deutschland bei 2000 Einwohnern, allerdings hat nicht jede Siedlung dieser Größe automatisch Stadtrecht. Wird der Längenvergleich nicht unfair, wenn es keine Einwohner-Begrenzung für den Dorfstatus gibt?

Zwischen Blümlisalp und Glückeli

Zurück nach Beatenberg. 15 Minuten braucht der Postbus, um alle Stationen des Ortes abzufahren, zu Fuß ist das eine stattliche Wanderung. Vorbei an Holzhäusern am Hang, die Alpveilchen, Glückeli, Sunnestube und Blümlisalp heißen; an einem buddhistischen Meditationszentrum, einem Bäcker, einem Tante-Emma-Laden, einer Bibelschule, einem Campingplatz und einer Wellnesspraxis mit "Hydrosprudel-Wanne, Algen-Wickeln, Cleopatra-Bad".

Manche der alten Hotels im Belle-Epoque-Stil sehen so aus, als hätten sie ihre besten Tage hinter sich, einige stehen derzeit leer. Touristen kommen trotzdem. Ein Chinese "from Guangzhou near Hongkong" sagt, die Berge seien toll. Ein Paar aus Florida im Rentenalter sagt, seit man sie beim ersten Besuch vor zehn Jahren so nett mit "Welcome to my Country" begrüßt habe, kämen sie jeden Winter. Und eine arabische Familie mit Frauen in Burka findet die Berner Rösti im Restaurant Gloria "very nice".

Vielleicht ist Beatenberg das längste Dorf Europas, vielleicht das längste Bergdorf, vielleicht das längste Dorf weltweit, das gleichzeitig ziemlich schön ist. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, wie auch der berühmteste Dorfbewohner weiß: "Am Ende jedes meiner Vorträge sage ich immer: 'Glauben Sie gar nichts. Denken Sie mal drüber nach, es könnte auch anders sein'", sagt Erich von Däniken, dann trinkt er an der Hotelbar sein Rotweinglas aus und verabschiedet sich.



insgesamt 9 Beiträge
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mikesch0815 01.04.2016
1. Komische Rekorde...
...Sevettisjärvi in finnisch Lappland: 350 Einwohner, 60km lang.
Sibylle1969 01.04.2016
2. In meiner Kindheit
Ich bin in einem Straßendorf aufgewachsen, das sich entlang einer ziemlich genau 5 km langen Hauptstraße erstreckt. Durch Neubaugebiete ist es allerdings kein reines Straßendorf mehr. Mein Vater erzählte mir in meiner Kindheit einmal, unser Dorf sei das längste Straßendorf Europas. Nun, mir scheint, mit nur 5 km hat mein Heimatdorf da keine Chance, um diesen Titel mitzuspielen, d.h. Papa, du hattest unrecht!
jheyde22 01.04.2016
3. Das stimmt wirklich nicht - Bobritzsch ist länger....
Ich komme aus einem Dorf das mindestens 15km von Haus zu Haus lang ist - Bobritzsch-Hilbersdorf. In Sachsen am Rand zum Erzgebirge gibt es auch noch einige andere Dörfer die deutlich länger wie 10 km sind.. Wieso maßen sich die Schweizer sowas an, wenn Sie es nicht nachgeprüft haben...
medwediza 01.04.2016
4. Vielleicht liegt es daran
Zitat von mikesch0815...Sevettisjärvi in finnisch Lappland: 350 Einwohner, 60km lang.
Aus Wikipedia: "Sevettijärvi stellt sich nicht als geschlossene Ortschaft sondern als ein sehr weit verstreutes Straßendorf dar." Ist also eigentlich gar keine Ortschaft.
medwediza 01.04.2016
5. Mehr als ein Dorf
Zitat von jheyde22Ich komme aus einem Dorf das mindestens 15km von Haus zu Haus lang ist - Bobritzsch-Hilbersdorf. In Sachsen am Rand zum Erzgebirge gibt es auch noch einige andere Dörfer die deutlich länger wie 10 km sind.. Wieso maßen sich die Schweizer sowas an, wenn Sie es nicht nachgeprüft haben...
Zu Bobritzsch-Hilbersdorf gehören die Ortsteile Hilbersdorf, Naundorf, Niederbobritzsch, Oberbobritzsch und Sohra. Die Ortschaft ist also mehr als ein einzelnes Dorf. Beatenberg ist nur Beatenberg. Zudem gibt es Bobritzsch-Hilbersdorf erst seit 2012. Beatenberg seit rund 800 Jahren.
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