Bergdrama am Mont-Blanc-Massiv Tod in der Eishölle

Stürme mit bis zu 80 km/h, Schneegestöber und eine enorme Lawinengefahr machten die Rückkehr ins Tal unmöglich: Am Mont-Blanc-Massiv saßen zwei Bergsteiger in 4000 Meter Höhe fest. Die Retter riskierten viel - und kamen dennoch zu spät.

AFP

Hamburg - Noch einmal schöpften sie Hoffnung, die Rettungskräfte in einem französischen Hubschrauber, als sie am Mittwoch um 11.30 Uhr am Hang eine rote Jacke ausmachen konnten. Sie waren auf der Suche nach zwei Bergsteigern, die seit knapp einer Woche an den Grandes Jorasses im Mont-Blanc-Massiv vermisst wurden. Doch als sie zu der Stelle vordrangen, konnten sie nur noch die Leichen von Olivier Sourzac und Charlotte Demetz entdecken. Die beiden lagen in der Nähe eines schneebedeckten Grats, etwa 150 Meter unterhalb des 4208 Meter hohen Gipfels Pointe Walker. Sie waren nicht in ihre Schlafsäcke gehüllt. Deshalb geht man davon aus, dass sie bei einem Abstiegsversuch starben.

Die Franzosen waren nach italienischen Medienberichten unter einer Schneedecke von knapp 30 Zentimetern begraben. Die französische Hochgebirgsgendarmerie in Chamonix berichtete auf einer Pressekonferenz, der Wind des Helikopterrotors habe den Schnee aufgewirbelt und so die Entdeckung der Leichen ermöglicht. Die beiden Bergsteiger hätten in einem offenen Hohlraum "auf Seilen gesessen", um sich vor der Kälte des Bodens zu schützen, und sich mit Haken an einer Felswand gesichert, berichtete die Polizei im französischen Chamonix. Ihren Kocher und leere Wasserflaschen hätten sie bei sich gehabt, sagte Jean-Baptiste Estachy von der Gebirgspolizei. An derselben Stelle hatte die Gebirgspolizei bereits am Montag gesucht. Estachy ging davon aus, dass die Alpinisten sich bemerkbar gemacht hätten, wenn sie damals noch am Leben gewesen wären.

Letztes Lebenszeichen am Freitag

Die Toten hatten eine Körpertemperatur von nahezu null Grad, wie die französische Zeitung "Le Parisien" berichtet. Ihre Rucksäcke seien geborgen worden, konnten jedoch bislang nicht geöffnet werden, weil sie gefroren waren.

Am Freitag hatte der erfahrene Bergführer Sourzac, 47, zuletzt per Telefon ein Lebenszeichen von sich gegeben, dann war der Akku leer. Er war mit der 44-jährigen Pariserin Demetz unterwegs, zusammen hatten sie in der Vergangenheit schon mehrere Touren bewältigt. Er habe für sich und seine Begleiterin ein Schneeloch unter einer Eisplatte gegraben, berichtete Sourzac am Telefon. Die Stimmung sei "eher gut", die Lebensmittel reichten noch "ein kleines bisschen", und der Kocher funktioniere. Es war das letzte Mal, dass die Menschen im Tal etwas von den beiden hörten.

Sourzac und Demetz hatten am vergangenen Mittwoch die Linceul-Route an der Grandes-Jorasses-Nordwand erklettert, eine anspruchsvolle Kletterroute, französischer Schwierigkeitsgrad TD+ ("très difficile supérieur"), die erstmals im Jahr 1968 begangen wurde. 750 Höhenmeter in der Senkrechten sind hierbei zu bewältigen, Kletterer zählen die Wand zu den "drei großen Nordwänden der Alpen". Nur echte Könner schaffen es, alle drei zu besteigen. Auf dem Rückweg vom Gipfel wurden Sourzac und Demetz von einem heftigen Sturm überrascht: Die Windgeschwindigkeiten erreichten in den folgenden Tagen bis zu 80 km/h, ein solches Unwetter hatte es in der Region seit Jahren nicht gegeben. Sie konnten nicht weiter absteigen.

Naturgewalten stoppen Rettungshubschrauber

Für die Rettungskräfte im Tal wurde es ein Wettlauf gegen die Zeit - und ein neuerlicher Beweis dafür, wie wenig moderne Technik gegen die Wut der Naturgewalten ausrichten kann: Mit jedem Tag, an dem wegen des schlechten Wetters kein Hubschrauber der Bergwachten Chamonix (Frankreich) und Courmayeur (Italien) in Gipfelnähe aufsteigen konnte, sank die Hoffnung auf eine Rettung.

Am Montag soll es zwei Bergführern gelungen sein, per Seilwinde vom Hubschrauber auf den Gipfel Pointe Whymper zu gelangen, wie in Alpin-Foren im Internet zu lesen ist. Die Männer seien jedoch nur wenige Minuten geblieben, weil die Bedingungen zu gefährlich waren, und hätten medizinische Notfallausrüstung am Berg hinterlegt, bevor sie sich vom Hubschrauber wieder hochziehen ließen.

Auch zu Fuß konnte niemand aus dem Tal auf den Berg gelangen. Bruno Sourzac, der Bruder des Verunglückten und ebenfalls Bergführer, versuchte von der Boccalatte-Hütte auf der italienischen Seite einen Aufstieg, doch die Lawinengefahr war zu groß. Um nicht auch noch sein Leben zu riskieren, musste er umkehren.

Bis zu minus 30 Grad Celsius kalt wurde es in den vergangenen Tagen auf 4000 Meter Höhe, in einem Schneeloch können es um die null Grad sein. Laut einem italienischen Fernsehsender nimmt man nun an, dass die beiden Franzosen möglicherweise schon in der Nacht von Samstag auf Sonntag erfroren.

Erst am Mittwochmorgen klarte es so weit auf, dass Rettungskräfte erneut auf den Berg gelangen konnten. Sie kamen zu spät: Die Linceul-Route an der Nordwand wurde zur letzten Klettertour im Leben von Olivier Sourzac und Charlotte Demetz. Linceul heißt übersetzt Leichentuch.

sto/AFP/dpa

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