Berge in Kroatien Verwurzelt im Meer

Steil, steinig, schroff: Die Gebirge Kroatiens steigen vom Meeresniveau jäh in Höhen bis über 1700 Meter. Die Gipfeltouren im Biokovo-Massiv sind im Hochsommer durchaus etwas für anspruchsvolle Wanderer - und nichts für Flipflop-Träger.

TMN

Orebic/Zadar - Bisher gilt die fast 1800 Kilometer lange Festlandküste Kroatiens samt ihren 66 bewohnten Inseln und mehr als tausend unbewohnten Eilanden als Paradies für einen Strandurlaub. Doch den ausländischen Gästen, unter ihnen immerhin 1,6 Millionen jährlich aus Deutschland, reicht das nicht mehr. So entstanden in den Tourismushochburgen neue Angebote - eines der beliebtesten ist das Wandern.

Das Adrialand mit seiner Steilküste bietet dabei ein ganz anderes Wandererlebnis als etwa die Alpen: Vom Meeresniveau steigen die Karstgebirge jäh bis über 1700 Meter in die Höhe. Jeder Urlaubsort weist inzwischen oft mehrsprachig beschriebene leichte Spazierwege und schwierigere Wanderwege aus - zum Beispiel im Süden auf der Halbinsel Peljesac nördlich von Dubrovnik, in Mitteldalmatien sowie im nördlichen Adria-Abschnitt südlich der Halbinsel Istrien.

Oft organisieren Hotels oder die örtliche Tourismusverwaltung Bergtouren, spezialisierte Privatunternehmen sowieso. Trainierte und Hitzeerprobte lassen sich von längeren und schwierigeren Wanderungen auch im Hochsommer nicht abhalten. Weniger Ambitionierte halten die milden Temperaturen im Herbst oder Frühjahr - wegen der Schneelage aber erst ab Mai - für besser geeignet.

Für eine erste Gipfeltour ist der zum Beispiel der Hausberg von Orebic auf der Halbinsel Peljesac geeignet. Urlaubern ist der Ort bekannt als Fährhafen für die Insel Korcula. Der 961 Meter hohe Sveti Ilija, auf deutsch Eliasberg, nimmt die gesamte Spitze der Halbinsel ein.

Ein Hoteldirektor, der schon viele Touren zum Gipfel organisiert hat, macht dem Einzelwanderer zunächst einmal Angst: "Nicht umsonst nannten die früheren italienischen Besatzer den Berg 'Monte Viper'", umreißt er die angeblich lauernde Gefahr in Form der giftigen Sand- oder Hornottern.

"Schlangen gibt es hier wie überall in Dalmatien"

"Ein Stock zur Verteidigung, lange Hemdsärmel und eine dichte Kopfbedeckung sind daher ein Muss." Die örtlichen Bergführer geben allerdings Entwarnung. "Schlangen gibt es hier wie überall in Dalmatien", sagt ihr Vorsitzender Boris Grljusic. "Niemand kann sich jedoch daran erinnern, dass ein Mensch an einem Schlangenbiss gestorben ist. Wenn man auf den markierten Wegen bleibt, kann absolut nichts passieren."

Schlimmer als die scheuen Schlangen sei die Bekleidung der Touristen, meinen die Bergführer. Denn kurze Hosen und Flipflops sind auf den Bergen keine Seltenheit. Dabei kann das oft lockere und scharfe Gestein nur mit gutem Schuhwerk bewältigt werden. Auch feste Turnschuhe reichen hier nicht.

Zwei Hauptwege führen auf den Sveti Ilija. Der eine verläuft von der Stadt Orebic über das Franziskanerkloster direkt zum Gipfel. Dieser Pfad ist steil und anspruchsvoll. Die zweite Standardroute startet vom Ort Nakovana, der acht Kilometer westlich von Orebic liegt. Nach 3,5 Kilometern auf einer mäßig ansteigenden und breiten Zufahrtstraße, geht es steil zum Gipfel hinauf.

Für beide Wege ist eine zweieinhalbstündige Auf- und eineinhalbstündige Abstiegszeit angegeben. Diese Zeit orientiert sich aber offenbar am geübten Tourengeher und ist für Hobbywanderer nicht zu schaffen, der für beide Strecken getrost bis zu einer Stunde mehr einkalkulieren kann.

Ein unvergleichlicher Rundblick

Der Rundblick auf dem Gipfel sucht seinesgleichen: Man erkennt das Festland mit dem gewaltigen Biokovo-Gebirge bei der Stadt Makarska, die langgestreckte Insel Hvar und dahinter die Insel Brac. Bei guter Sicht ist auch die Insel Vis auszumachen, Jahrzehnte ein militärisches Sperrgebiet und heute noch ein Geheimtipp, allerdings mit bescheidenem touristischem Angebot. Im Südwesten taucht die Insel Korcula auf, deren gleichnamiger Hauptort wie eine verkleinerte Kopie der weltberühmten Altstadt von Dubrovnik aussieht.

Außerhalb der Hochsaison besuchen an den Wochenenden durchschnittlich zwei Dutzend Menschen den Sveti-Ilija-Gipfel. Einheimischen zufolge versuchten im Juli und August bis zu 100 Wanderer den Gipfel zu besteigen. Auf dem Gipfel gibt es außer der überwältigenden Sicht nur ein notdürftig aus dünnen Baumästen zusammengeschustertes kleines Gipfelkreuz. Direkt darunter stehen noch die Ruinen zweier Steinverschläge, in denen die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihre Flak untergebracht hatte.

Anspruchsvoller zu erklimmen ist das Biokovo-Massiv. Mit 30 Kilometern Länge und sieben Kilometern Breite ist es das Wahrzeichen der mittleren kroatischen Adria um die Stadt Makarska. Der mächtige Bergzug "scheint wie mit dem Meer verwurzelt", schwärmt die Geologin Ksenija Protrka, die in diesem Naturpark arbeitet. Vom Meeresniveau auf den 1762 Meter hohen Gipfel Sveti Jure in nur fünf Kilometern Luftlinie: Was für ein Anstieg!

Da der Weg zum Gipfel sieben Stunden dauert und die Berghütte nur im Sommer bewirtschaftet wird, werden hier meist nur Teile der Region erwandert. Über die höchste Asphaltstraße des Landes geht es über 23 Kilometer direkt zum Gipfel. Der Fahrweg ist zur Talseite kaum gesichert, nur alle 300 Meter gibt es Verbreiterungen zum Ausweichen bei Gegenverkehr.

Auf dem Gipfel stockt vielen Besuchern der Atem

Der erste Stopp auf halber Höhe ist ein geologischer Lehrpfad, der die Erosion des Karstgesteins durch Wind und Wetter anschaulich erklärt. Der erste Aussichtspunkt auf das tiefblaue Meer ist Ravna Vlaska auf 1228 Metern Höhe. Auf dem Gipfel zeigt sich dann ein faszinierender Gegensatz: Während die Inlandsseite des Biokovos durch den häufigen Regen grün ist, zeigt sich die Meeresseite schroff und kahl. Am tiefer gelegenen Aussichtspunkt Vosac stockt vielen Besuchern der Atem beim Blick auf das tief unten liegende Makarska.

Rund 40.000 Wanderer wählen diese Standardroute jedes Jahr. Dabei begegnen sie nicht vielen Einheimischen, denn seit einem schweren Erdbeben im Jahr 1962 haben die letzten Siedler das Biokovo-Gebirge verlassen. Deren Nachkommen haben nur ganz vereinzelt Wochenendhütten in der Region errichtet.

Ein weiterer Ort zum Wandern liegt weiter nördlich im Nationalpark Paklenica in der Nähe der Hafenstadt Zadar. Dort hat eine beliebte Route die Manita-Tropfsteinhöhle in 570 Metern Höhe zum Ziel.

Der etwa zweistündige Aufstieg führt entlang des Paklenica-Flusses. Schilder weisen darauf hin, welche Szenen der deutschen Karl-May-Filme wie "Schatz im Silbersee", "Unter Geiern" oder "Old Surehand" in den 60er Jahren an dieser Stelle gedreht wurden.

Obwohl die Drehorte sich wegen der wuchernden Vegetation deutlich verändert hätten, seien sie auch heute noch Anziehungspunkte vor allem für deutsche Winnetou-Fans, sagt die Geografin Natalija Andacic. Sie kennt den Wanderweg zur Tropfsteinhöhle in- und auswendig, weil sie fast täglich hierher kommt, um die Touristen durch das Labyrinth der Stalaktiten und Stalagmiten zu führen.

Thomas Brey, dpa



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