Bergwandern mit Kindern Zum ersten Mal im Gipfelbuch

Ausgebrannte Ruinen, abenteuerliche Stiege, tierische Begegnungen: In der Bergwelt Südkärntens kommt auch bei Kindern auf ihren ersten Gipfeltouren keine Langeweile auf. Nur ganz selten müssen die Erwachsenen selbst für die Unterhaltung sorgen.

TMN

Bad Eisenkappel - Es nützt ja nichts, die Kühe liegen mitten auf dem Weg, also: mutig dran vorbei! Gut ein halbes Dutzend Rindviecher hat sich auf dem steinigen Pfad zum Hochobir in den Kärntner Alpen breitgemacht, das unrhythmische Bimmeln ihrer Glocken ist schon von weitem zu hören. Stoisch blicken einige den Wanderern entgegen.

Fast alle Kühe liegen, eine aber tritt ein wenig auf der Stelle und wedelt mit dem Schwanz die Fliegen weg. Nicht ganz wie ein Stier vor der Attacke, aber etwas bedrohlich sieht sie schon aus - besonders aus der Perspektive einer Neunjährigen, deren Augen direkt auf Maulhöhe sind. Doch Tatjana zieht ungerührt schnurstracks an den Tieren vorbei. Der Gipfelsturm kann weitergehen.

Der Weg ist das Ziel, heißt es unter Wanderern oft. Wer mit einem Grundschüler unterwegs ist, merkt aber rasch: Kinder haben mitunter andere Vorstellungen. Das Ziel ist das Ziel, in diesem Fall also der 2142 Meter hohe Hochobir. Tatjanas erster Gipfel.

Und der ist mit Bedacht ausgewählt: Ein recht hoch gelegener Startpunkt, verhältnismäßig wenige Höhenmeter, ein bisschen Geschichte am Wegesrand und am Ende ein spektakulärer Weitblick über das Klagenfurter Becken ergeben genau die richtige Mischung für eine Tour, die nicht einmal den ganzen Tag dauern muss.

Die Belohnung muss warten

Bad Eisenkappel im Südosten Kärntens ist der Ausgangspunkt. Etwa 16 Kilometer Autofahrt sind es von hier bis zur Eisenkappler Hütte in 1555 Metern Höhe - die letzten acht Kilometer winden sich über eine sehr schmale Serpentinenstrecke, die kein Ende zu nehmen scheint. Vom Parkplatz aus wären es nur ein paar Schritte zur Brotzeit Brettljause und Kräuterlimonade, doch diese Belohnung wird es erst nach dem Abstieg geben.

Stattdessen geht es erstmal auf einem gut ausgeschilderten Trampelpfad bis zur Baumgrenze, danach kommt der Gipfel zum ersten Mal in Sicht. Der Berg fällt nach Norden hin steil ab, von Südosten her aber ist die Steigung mäßig und seine Spitze leicht erreichbar. Bald ist das Gipfelkreuz zu erkennen - genau da will Tatjana nun hin.

Ein paar Minuten nach der Begegnung mit den Kühen kommt allerdings doch Langeweile auf - der Weg zieht sich mehr in die Länge, als gedacht. Nun ist es Zeit für Geschichten und ein bisschen Geschichte. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der so massiv wirkende Hochobir ganz schön durchlöchert ist und zwar nicht nur von der nahe gelegenen Obir-Tropfsteinhöhle, die jedes Jahr rund 70.000 Besucher hat.

Durch den Berg wurden außerdem einst rund 600 Kilometer Stollen getrieben, um Blei und Zink aus dem Kalkgestein der Karawanken herauszuholen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Bergbau eingestellt, nachdem er immer unrentabler geworden war.

Wie im Zeitraffer vergehen die letzten 100 Höhenmeter

Für Kinder spannend sind immer alte Ruinen, und eine solche liegt schon bald links des Weges. Bis es im Jahr 1944 ausbrannte, war das Rainer-Schutzhaus eine beliebte Wandererherberge mit Wetterstation. Heute stehen in 2042 Metern Höhe nur noch Reste der Mauern, aber es macht Spaß, sich gemeinsam auszumalen, welcher Raum wohl für welchen Zweck genutzt worden ist. Die letzten 100 Höhenmeter vergehen danach wie im Zeitraffer - plötzlich ist das Gipfelkreuz zum Greifen nahe.

Eine Eintragung ins Gipfelbuch muss natürlich sein, Tatjana führt mit stolzer Hand den Kugelschreiber. Erst anschließend ist Zeit für einen Blick ringsum. Nach Nordosten reicht er über Kärntens wärmsten Badesee, den Klopeiner See, und über die Drau hinweg bis zur Saualpe. Weiter im Nordwesten lassen sich die Flugzeuge beim Landen auf dem Klagenfurter Flughafen beobachten.

Die meisten Gipfel im Süden liegen schon in einem anderen Land: in Slowenien. Noch schnell ein paar Fotos mit dem Gipfelkreuz, dann geht es wieder hinab zur Eisenkappler Hütte - dort gibt es dann endlich Brettljause und Kräuterlimonade.

Wer nach dem Hochobir-Gipfelsturm ein Kontrastprogramm sucht, findet es mit einer Wanderung in der tiefen Tscheppaschlucht, die weiter westlich an der Strecke von Klagenfurt zum Loiblpass und damit zur slowenischen Grenze liegt. Für die 1,2 Kilometer lange Tour muss Eintritt gezahlt werden, die Kassenstation "Goldenes Brünnl" ist eine halbe Stunde Fußweg vom Parkplatz entfernt. Für Erwachsene sind 6,50 Euro fällig, für Kinder bis 15 Jahre 3,50 Euro.

Kaltes Wasser schießt aus dem Berg

Zum ersten Teil der Tour gehört die "Tscheppa-Drei-Brunnenquelle", an der 37 Liter kaltes Wasser pro Sekunde aus dem Berg schießen. Beiderseits des Überlaufs sind vier Metallschalen befestigt, die der Wanderer in den Wasserstrahl halten kann, um anschließend daraus zu trinken.

"Trinke und lade Dich auf", rät die Künstlerin Christine Huss aus dem nahen Ort Ferlach auf einem Schildchen. Die vier Schalen stehen für Kraft, Liebe, Freude und Mut - und von dem braucht es dann auch ein bisschen für den weiteren Verlauf der Schlucht. Denn schon bald geht es über Tritte, Stiege, Leitern und Bretter aufwärts, die fest mit dem Felsen verbunden sind. Weit unten tobt das Wasser mal ganz wild und weiß, mal schimmert es bläulich in ruhigeren Pools.

Mancher Erwachsene bekommt bei diesem Blick in die Tiefe ganz zittrige Knie, doch Tatjana und ihre sechsjährige Schwester Carolin laufen auch hier entschlossen voran - Höhenangst scheint eine Frage des Alters zu sein.

Das zeigt sich auch am 26 Meter hohen Tschaukofall, der mit einem Durchfluss von durchschnittlich 500 Litern pro Sekunde in die Tiefe stürzt. Hier führen zunächst eine moderne Wendeltreppe und dann die "Teufelsbrücke" aus der Schlucht heraus zur Haltestelle an der Bundesstraße 91. Von hier fährt im Sommer nachmittags jede Stunde ein Bus zurück zum Besucherparkplatz.

Treppe und Brücke bestehen aus Gitterrosten, durch die man immer zum tosenden Wasser tief unten hinabblicken kann - das ist nicht gerade jedermanns Sache. Aber wer als Neunjährige am Hochobir so mutig an den Kühen vorbeigewandert ist, hat damit überhaupt kein Problem.

Christian Röwekamp, dpa



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