Kreative in Bern "Wir geben weiter, was uns Spaß macht!"

Nach Zürich - sofort. Aber nach Bern, in die brave Schweizer Bundesstadt? Unbedingt! Junge Kreative versetzen mit ihren Ideen und ihrer Heimatliebe die ganze Stadt in Sommerlaune.

Bettina Hensel

Mit dem Wellen-Tattoo auf dem rechten Arm, dem Dreitagebart, den Flipflops und seiner sommerlichen Bräune würde er eigentlich besser an einen kalifornischen Strand passen. Doch Manuel Gerster steht am steinigen Ufer der Aare. Er will ein Bungee-Seil, aus 600 Fäden selbst geknüpft, mit Hilfe eines Flaschenzugs an einer Baumkrone befestigen.

Geschafft! 35 Meter Seil treiben jetzt im Wasser, am Ende ist ein Griff befestigt. Gerster schnappt sich sein Board, paddelt los. Und dann beginnt sein wilder Tanz: Quer liegt das Brett auf dem Wasser. Gerster steigt auf. Der Strömungswiderstand katapultiert ihn nach vorn. In kunstvollen Pirouetten dreht der Berner sich immer wieder um die eigene Achse - federleicht sieht das aus. Dabei erfordert Fluss-Surfen viel Kraft und Übung. "Das Wasser ist so stark. Wenn du dich im Seil verfängst, ist Feierabend", sagt der 35-Jährige. Zwei Taschenmesser hat er für Helfer griffbereit am Ufer deponiert - für den Notfall.

Bungee-Surfen - ein Sport, der auf der Aare, die sich wie ein blaues Band um die Altstadt legt, Tradition hat. "Bereits um die Jahrhundertwende surften die Leute hier auf dem Fluss. Damals noch mit Stahlseilen", sagt Gerster.

Im Slalom den Fluss hinab

Die Aare kennt er seit seiner Kindheit. Ihre reißende Strömung hat schon Menschen das Leben gekostet. Nach einem Hochwasser treiben manchmal ganze Baumstämme den Fluss hinab. An schönen Tagen hingegen tanzen hier die Flusssurfer. "Manchmal muss man im Slalom um alle anderen Wassersportler herum fahren", sagt Gerster. Vor allem um Legionen von Schlauchbootfahrern, die sich die Aare hinabtreiben lassen.

Für knapp 15 Euro gibt Gerster Kurse im Flusssurfen. "Es geht uns dabei nicht um Ruhm oder Profit", sagt der Schweizer. Eigentlich betreibt er einen Fahrradladen im Breitenrain, über den auch die Anmeldung zum Bungee-Surfen läuft. "Wir wollen einfach das weitergeben, was uns Spaß macht."

"Nume ned gesprängt", sagen die Berner gerne. Das bedeutet so viel wie "nur nicht hetzen". Die gepflegte Langsamkeit sollte man hier aber nicht mit Langeweile verwechseln. Ganz zu Unrecht scheint die 138.000-Einwohner-Stadt neben der polyglotten Bankenmetropole Zürich zu verblassen. Denn Bern ist in Bewegung. Abseits der Arkaden in der Unesco geschützten Altstadt machen sich Kreative selbstständig und krempeln mit ihrem Gründergeist ganze Viertel um.

Wasabi-Eis und Alpenminze-Stracciatella

Wie Susanna Moor und ihre drei männlichen Mitstreiter, die vor vier Jahren ihre erste Gelateria di Berna eröffnet haben. Dort, in der Garage einer ehemaligen Sattlerei im Uni-Viertel, stehen Eishungrige für Ranten-Wasabi-Eis, Schokolade mit Anis oder Alpenminze-Stracciatella Schlange. Und inzwischen auch in zwei weiteren Filialen.

Auf Plätzen in Bern, die früher eher als Hundeklo dienten, zieht Leben ein. Und die Eismacher helfen bei der Zurückeroberung des öffentlichen Raums: Mit einem Traktor transportierten sie Paletten und Pflanzenkübel auf den Stauffacherplatz im Quartier Breitenrain, den Standort ihrer zweiten Eisdiele.

"Es hatte einen Zauber, als sich plötzlich ganz viele Leute auf die improvisierten Möbel setzten. Die Eisdielen haben sich zum neuen Quartierstreff entwickelt, auch für Berner, die sich keine Restaurantbesuche leisten können", sagt Moor.

Gelati-Ideologen, so nennen sich die Gelateria-di-Berna-Macher. Profit ist Nebensache. Nur einer der vier Gründer verdient als Geschäftsführer Geld, alle anderen gehen ihren gelernten Berufen nach, die nichts mit Eis zu tun haben.

Craftbeer-Brauer und Stadtteil-Reformer

Das verbindet sie mit Christoph Stotzer, in dem man auch einen Reformer des "Breitsch" sehen könnte - so nennen die Berner das Breitenrain. Am gleichnamigen Platz, dem Herzstück des Quartiers, sechs Tram-Minuten von der Altstadt entfernt, hat der 37-Jährige zusammen mit fünf Freunden im März einen lang gehegten Traum realisiert: die Barbière - Bar, Restaurant und Mini-Bierbrauerei in einem.

Der Neuzugang kommt an, die Terrasse ist im Sommer immer voll. Durstige lassen sich Two Penny Porter - ein zappendusteres Bier, fast schon ein Guinness, servieren. Oder den Rivalen, ein Red Ale. Oder das Überliner Weiße, eine Craftbeer-Kreation, die in Kollaboration mit anderen Brauereien entstanden ist. Wer will, kann sich von einem Bier-Sommelier beraten lassen.

Das Arbeitsmodell von Stotzer und den anderen fünf Barbière-Gründern: Sie alle sind nur Teilzeit im Geschäft. Die 900 Liter Bier pro Woche brauen sie an den Wochenenden. Und das läuft gut, obwohl sie in der "Hauptstadt des Biers" immerhin mit rund 90 Brauereien konkurrieren.

Es geht nicht um Profit

Die Sehnsucht nach einer Nebenbeschäftigung, die kreativ ausfüllt, ist groß. Auch bei Peppe Jenzer. Der 30-Jährige ist aus dem Vollzeitarbeitssystem ausgebrochen und vertreibt seit 2013 seinen Ingwerer. Über ein Jahr lang hat er mit scharfen asiatischen Ingwerknollen, Apfelsaft und Gewürzen herumexperimentiert, bis das Rezept für den Likör perfekt war. Jenzers bester Freund Simon Borchardt, ein Ökonom und mittlerweile Geschäftspartner, brachte ihn schließlich auf die Idee, das Getränk auf den Markt zu bringen.

In den letzten vier Monaten sei das Geschäft explodiert, sagt Jenzer. 360 Flaschen pro Woche produziert er jeden Sonntag in der Küche des Café Kairo im Quartier Lorraine.

Während im Breitenrain nördlich der Altstadt, mit seinen hübschen Häusern und breiten Alleen aus der Gründerzeit die Immobilienpreise schon stabil sind, steckt die angrenzende Lorraine mitten in der turbulentesten Gentrifizierungsphase.

Längst so hip wie Kreuzkölln

Das ehemalige Arbeiterviertel im Norden, das in einer Terrasse zum Stadtfluss Aare führt, ist längst schon so hip wie Kreuzkölln in Berlin - mit Cafés und Bars wie dem Wartsaal, dem Café Kairo oder der Brasserie, kurz Brass. Die Investoren kaufen. Häuser, die vor drei Jahren noch schäbig waren, werden renoviert, die Mieten teurer - der übliche Kreislauf.

"Die Leute in der Lorraine wehren sich, gründen Genossenschaften, und kaufen selbst Häuser", sagt Likör-Macher Peppe Jenzer. Er hofft, dass der Geist des alternativen Viertels mit seinen vielen Graffiti und dem dörflichen Charakter erhalten bleibt.

Auch den Ingwerer-Machern geht es nicht in erster Linie um Profit, sondern darum, kreative Ideen ohne Fremdkapital umzusetzen oder - wie Jenzers Mitstreiter Borchardt es nennt - "Unfug zu machen". Zumindest so lange es funktioniert. "Wir wissen beide, dass es nicht ewig so weitergehen kann", sagt Borchardt. Ein Export ins Ausland sei schwierig wegen der Aufwertung des Franken und des hohen Zolls. "Aber die Entwicklung beflügelt uns extrem."

Bettina Hensel ist als freie Autorin für SPIEGEL ONLINE tätig. Teile der Reise erfolgten mit Unterstützung von Bern Tourismus.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 16.07.2015
1. Wenn...
...ich mir die Preisliste in der Eisdiele im Hintergrund so ansehe....verzichte ich lieber auf einen Besuch in der schönen Schweiz.
MartinS. 16.07.2015
2. ...
Zitat von fatherted98...ich mir die Preisliste in der Eisdiele im Hintergrund so ansehe....verzichte ich lieber auf einen Besuch in der schönen Schweiz.
Na das sollte jetzt aber keine neue Erkenntnis sein, dass in der Schweiz nicht nur die Löhne vergleichsweise hoch sind, sondern auch das Preisniveau deutlich über dem Deutschen liegt. Wenn Eisverkäufer, Restaurantbedienungen, Lieferdienstfahrer und eigentlich jeder mal eben das doppelte verdient, wie man es von hier kennt, dann sollte es auch nachvollziehbar sein, dass Produkte und Dienstleistungen eben auch empfindlich teurer sein müssen.
lagartixa 16.07.2015
3. Nume ned gesprängt
Aua! Das würde bei einem Berner aber ganz anders tönen: " Numme nit gschpränggt" oder auch "Numme nit juffle" Gruss von einem Berner aus Basel ;-)
symolan 16.07.2015
4.
Zitat von fatherted98...ich mir die Preisliste in der Eisdiele im Hintergrund so ansehe....verzichte ich lieber auf einen Besuch in der schönen Schweiz.
Dabei sind diese Preise für Schweizer Verhältnisse nicht mal besonders.
fatherted98 16.07.2015
5. wow...
Zitat von MartinS.Na das sollte jetzt aber keine neue Erkenntnis sein, dass in der Schweiz nicht nur die Löhne vergleichsweise hoch sind, sondern auch das Preisniveau deutlich über dem Deutschen liegt. Wenn Eisverkäufer, Restaurantbedienungen, Lieferdienstfahrer und eigentlich jeder mal eben das doppelte verdient, wie man es von hier kennt, dann sollte es auch nachvollziehbar sein, dass Produkte und Dienstleistungen eben auch empfindlich teurer sein müssen.
...den Vortrag müssen Sie mal beim Tourismus-Verband in der Schweiz halten...die werden ganz begeistert sein weil sie endlich wissen warum keine Gäste mehr kommen....
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