Berner Oberland Nichts als das Rauschen des Wasserfalls

Durchatmen, Ruhe genießen, Kraft tanken: Unter den majestätischen Gipfeln und auf den einsamen Almen des Berner Oberlandes finden zivilisationsgeschädigte Städter Zuflucht. Originelle Berggasthöfe bieten den Komfort früherer Jahrhunderte und Philosophie von heute.


Grindelwald - Der Berg ruft - und viele Urlauber folgen. Aus aller Welt strömen sie in die alpinen Feriendomizile der Schweiz. Sie flanieren durch die Dörfer, wandern, fahren Bergbahn oder Mountainbike. Ruhe und Abgeschiedenheit sucht man manchmal vergeblich. Doch es gibt sie noch, die abgelegenen Orte voller Ursprünglichkeit. Entdecken kann sie beispielsweise, wer den urigen Berggasthöfen im Berner Oberland einen Besuch abstattet.

"Nur wer gegen den Strom schwimmt, findet zur Quelle", sagt Adi Bohren. Der Wirt des Berggasthauses "Waldspitz" etwas abseits von Grindelwald auf 1918 Metern Höhe sitzt in der rustikalen Stube seiner Hütte und isst Gämssalami mit Alpkäse. "Ecke für Jäger, Fischer und andere Lügner", steht auf einem Holzschild an der Wand über ihm geschrieben. Der 46-Jährige kocht, jagt und schnitzt. Er gilt als unangepasstes Urgestein. Vor allem seinetwegen kommen die Gäste zum "Waldspitz". Natürlich auch wegen der großartigen Aussicht auf das Wetter- und das Schreckhorn, sowie auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Der Blick kann dort über eine Bergwelt in 1000 bis 4000 Metern Höhe schweifen.

Im Massenlager vom "Waldspitz" übernachten nur Gäste, die auf Komfort verzichten können. Separate Pensionszimmer gibt es nicht. Das Gasthaus ist inzwischen auch mit dem Postbus zu erreichen, was Adi nicht sonderlich gefällt. "Die Luft hier oben in den Bergen ist dünn. Deshalb geht man eben langsamer - aber viele begreifen das nicht", sagt er. Für ihn zählt die Freiheit in den Bergen, nicht die Bequemlichkeit. "Ich bin halt ein Viereckiger."

Maultier Fiona schleppt das Bier

Das "Berghotel Obersteinberg" dagegen ist mit keinem Fahrzeug zu erreichen. Das Hotel mit dem Chalet und der Alpkäserei liegt völlig abgeschieden oberhalb der Baumgrenze auf 1776 Metern, umrahmt von Gletschern und Wasserfällen. Auch Goethe soll dort schon einmal Station gemacht haben. Zu Fuß steigen die Wanderer vom Ort Stechelberg im Lauterbrunnental über viele Stufen mehr als 800 Höhenmeter auf. Oder sie nehmen die Bergbahn nach Gimmelwald und wandern von dort vorbei an der Busenalp und dem Aussichtspunkt Tanzbödeli bis zum Obersteinberg.

"Die Getränke und Lebensmittel trägt unser Maultier Fiona auf den Berg", sagt Hugo von Allmen. "Das ist billiger als mit dem Helikopter." Zusammen mit seinen Geschwistern führt er das Hotel ohne Stromversorgung. Licht im Dunkeln spenden ausschließlich Kerzen. Die Gäste übernachten in 14 schlichten Zimmern. Böden, Wände, Decken - alles aus Holz. Knarrende Dielen, strahlend weiße Federbetten, Wasserkrug und Waschschüssel ganz wie in früheren Jahrhunderten. "Die Nachttöpfe haben wir allerdings vor zehn Jahren abgeschafft", sagt Hugo. Das WC ist heute auf dem Flur.

Die Gäste auf dem Obersteinberg sind Naturliebhaber. Sie schätzen den einfachen Genuss in den Bergen. Gemüsesuppe, Rösti mit Schweinebraten, Apfelnusskuchen, dazu Wein und frisches Quellwasser - mehr braucht es nicht. Draußen durchdringt immer wieder das Donnern eines Gletscherabbruchs die Stille der Nacht. Die Gäste des Berghotels ziehen sich im Schein der Kerzen meist früh zurück. "Manche Gäste suchen noch nach einem Lichtschalter", amüsiert sich Hugo.

Tibetische Gebetsfahnen am Gasthaus

Nicht ganz so einsam wie auf dem Obersteinberg ist es im hinteren Kiental. Allein die steile Postautostrecke zum "Berggasthaus Golderli" lockt viele Besucher an. Von Reichenbach fährt der gelbe Bus durch das wildromantische Kiental und passiert das historische "Hotel Bären", wo schon Lenin zu Gast war. Nach dem Tschingelsee steigt die Straße steil an. Enge Kurven führen vorbei an tosenden Wasserfällen und Felsschluchten zur Griesalp hinauf. Von dort ist es noch eine kurze Fußwanderung zum Gasthaus.

"Luxuriöses Übernachten ist etwas anderes", sagt Beatrice Jost, die Wirtin des 1925 erbauten "Golderli". "Unsere knarrenden alten Treppen sind die Wecker im Haus", pflichtet ihr Ehegatte Georges bei. Doch die Gäste lieben gerade diese Atmosphäre. Klassische Hausmannskost wird in der gemütlichen Gaststube serviert. Manchmal gibt es auch Spezialitäten aus dem Himalaja. Ein Koch kommt aus Nepal, wo die Josts ein Hilfsprojekt unterstützen. Die tibetischen Gebetsfahnen am Haus zeigen diese Verbundenheit.

Sehr stolz ist Familie Jost auf den neuen Alpwirtschafts- und Naturlehrpfad. Auf diesem Themenweg können sich Touristen über Flora und Fauna informieren. Auch über die Wollgämsen alias Anden-Alpakas, die auf den Blumenwiesen der Griesalp stehen. Eine besondere Attraktion nahe des "Golderli" ist ein über 500 Jahre alter Ahorn, der als Kraftbaum verehrt wird.

"Wir lieben das Natürliche"

Kraftorte sind auch am Oeschinensee oberhalb von Kandersteg ein Thema. "An diesem Ort schöpft man Kraft und verbraucht sie nicht", erklärt Susanne Wandfluh, Wirtin des "Hotels Oeschinensee" auf knapp 1600 Metern. Ihre Gäste wandern entweder von Kandersteg mit dem Rucksack auf dem Rücken oder nehmen die Nostalgie-Sesselbahn, in der man seitlich zur Fahrtrichtung sitzt. Auf dem Berg angekommen lädt Kutscher Hugo dann zur Rössli-Fahrt ein. Zwei Freiberger Pferde ziehen die Kutsche das letzte Stück nach oben.

Das Hotel ist eines von drei Häusern am türkisfarbenen See, der malerisch von Bergen umrahmt ist. Das Hotel ist seit 1892 im Besitz der Familie Wandfluh. "Wir lieben das Natürliche und leben das auch", sagt Wirt David. Als Koch verwendet er viele ökologisch angebaute Zutaten aus eigener Produktion. Auf der Terrasse können die Gäste das Bergpanorama genießen. Abends ist nur noch das Geräusch des Wasserfalls zu hören. Ruhe pur. Das ist nichts für jedermann, sagt David. "Manchmal halten die Leute diese Ruhe in den Bergen gar nicht mehr aus."

Von Daniela David, gms

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