Biathlon für Anfänger Zentrieren, durchatmen, abdrücken

Biathlon ist kein beliebiger Sport, Schießen und Laufen ist eine archaische Kombination. Nur wer schnell war und sicher mit Bogen oder Speer umgehen konnte, überlebte in den alten Zeiten. Ein Biathlon-Schnupperkurs im Antholzer Tal in modernen Zeiten.

Von Annette Rübesamen


Südtiroler Winterwelt: Niemand hatte bisher Lust, hässliche Hotelkästen in die Antholzer Landschaft zu setzen
Rainer Martini

Südtiroler Winterwelt: Niemand hatte bisher Lust, hässliche Hotelkästen in die Antholzer Landschaft zu setzen

Meine erste Begegnung mit Biathlon hatte ich Ende der siebziger Jahre. Wir saßen im Wohnzimmer eines befreundeten Theaterregisseurs, der Fernseher lief, wir schauten die Sportnachrichten. Auf dem Bildschirm glitten Langläufer mit Gewehren auf dem Rücken durch den Wald. Kurz danach sahen wir sie schießen. Der Regisseur, ein leicht entflammbares Mitglied der Friedensbewegung, hieb mit der Faust auf den Tisch: "Krieg!", brüllte er. "Das ist kein Sport, das ist Vorbereitung auf den Krieg! Hier gewinnt, wer am besten auf Menschen zielt. So was gehört boykottiert!"

25 Jahre später stehe ich im Skiverleih von Ernst Zingerle im südtirolischen Antholz und bin bereit, mich offen und vor allem praktisch mit den ungelösten Konflikten meiner Vergangenheit auseinander zu setzen: Ich habe einen Biathlon-Schnupperkurs gebucht. Man muss die Dinge selbst ausprobieren, um sich ein eigenes Bild machen zu können.

Ernst Zingerle sprüht "Lemonfresh"-Spray in ein Paar zurückgegebener Langlaufschuhe. Er trägt einen rötlichen Schnauzer über einem friedlichen Lächeln und sieht gar nicht militärisch aus. Dabei hat er in den siebziger Jahren als aktiver Biathlet mehrmals an Weltmeisterschaften teilgenommen. 1979 wurde er bei der WM in Ruhpolding Fünfter; nicht ausgeschlossen, dass er es war, der damals auf dem Fernsehschirm des Regisseurs zu sehen war.

Ein Dorf - ein Sport

Zum Biathlon, sagt Ernst Zingerle, während er mir ein Paar Langlaufski heraussucht, sei er zufällig gekommen. Er war 16 und lernte Koch im "Hotel Wildgall" in Antholz, als sich dort die italienische Nationalmannschaft einquartierte. Sie nahm den jungen Zingerle spaßeshalber zum Training mit. Dem gefiel's. Viele Antholzer können ihre persönliche Biathlon-Geschichte erzählen. Ihr Tal führt von Bruneck bis nach Osttirol, und ganz hinten, wo sich die mächtigen Bergflanken der über 3000 Meter hohen Riesenfernergruppe zusammendrängen, liegt auf 1600 Meter Höhe das "Biathlon- und Langlaufzentrum".

Es besteht aus einem Stadion mit Zuschauertribüne, einem Schießstand mit 30 Bahnen und einer Flachdachkonstruktion mit Skischule, Skiverleih und Café. Antholz gehört seit 30 Jahren zu den wichtigsten Schauplätzen des internationalen Biathlon-Zirkus. Fast jedes Jahr macht der Weltcup hier Station, und 2007 stehen bereits zum vierten Mal Weltmeisterschaften auf dem Programm.

Für mich gibt es ein richtiges Gewehr. Hubert Leitgeb, mein Schnupperkurs-Lehrer, nennt es nur "die Waffe". Kleinkaliber, Nussholz, patentiertes Ladesystem. Ein Diopter hilft, den Blick aufs Ziel zu konzentrieren. Wir stehen im Stadion in der Sonne und büffeln erst einmal Theorie. Hubert, der 14 Jahre lang im italienischen Team mitgekämpft hat, erzählt von der militärischen Herkunft des Biathlon.

Also doch: Schon im 16. Jahrhundert, lerne ich, wurden in Skandinavien und Russland Regimenter auf Skiern eingesetzt. Das erste Biathlonrennen veranstalteten 1767 Grenzsoldaten im Niemandsland zwischen Norwegen und Schweden. Das weckt Erinnerungen an Bilder aus dem Geschichtsunterricht und historischen Wochenschauen: Stalins Angriff auf Finnland, Winterkrieg 1939/40, das tief verschneite Karelien, Soldaten auf Skiern, Gewehre über den Rücken. Die Finnen trugen schneeweiße Uniformen und waren für den Gegner kaum zu erkennen ...

Bahn an Bahn mit den Cracks

Die friedlichen Biathleten in Antholz flitzen in knallengen Outfits in ihren Landesfarben durchs Stadion, Finnen, Norweger, Chilenen, Japaner, Weißrussen, Litauer und Italiener. Stock schwingend skaten sie an uns vorbei. Jung und fit sehen sie aus. Ihre Wangen sind gerötet, die Augen glänzen. Vor ein paar Tagen ist hier ein Wettkampf zu Ende gegangen, viele Nationalteams sind geblieben, um sich auf den nächsten vorzubereiten. Trainer und Betreuer, ausgerüstet mit Daunenjacken, Ferngläsern und Trinkflaschen, warten am Schießstand auf ihre Schützlinge. Hubert und ich tun so, als gehörten wir dazu, und beziehen Position an Bahn 15. Das ist das Schöne an den Schnupperkursen in Antholz: Training Bahn an Bahn mit den Cracks. Das beflügelt.

Laufen und schießen: Es kommt auf die richtige Haltung und den sicheren Griff an
Rainer Martini

Laufen und schießen: Es kommt auf die richtige Haltung und den sicheren Griff an

Hubert erklärt die Distanzen: Abstand zum Ziel 50 Meter. Geschossen wird auf Scheiben von 11,5 Zentimeter Durchmesser im Stehen und von 4,5 Zentimeter im Liegen. Im Schnupperkurs darf man der Einfachheit halber auch im Liegen auf die größeren Scheiben anlegen. Ich lasse mich bäuchlings auf die graue Plastikmatte nieder. Hubert reicht mir sein Gewehr und die Munitionsschachtel. Long-Rifle-Bleigeschosse mit Messinghülse, Kaliber 22, maximale Reichweite 1,5 Kilometer. Die Terminologie ist mir fremd, die Wirkung auch. "Passieren kann doch nichts?", frage ich sicherheitshalber. Hubert widerspricht mit ernster Miene. Noch auf 300 Meter Entfernung könne "die Waffe" tödlich wirken. Zielgenau schießen kann man damit bis auf 150 Meter. Deshalb brauchen Biathleten auch einen Waffenschein, jedenfalls in Italien. Bis zu 12.000 Patronen verschießt ein aktiver Sportler im Jahr.

Die Kunst, 4,5 Kilogramm ruhig zu halten

Wir laden eine erste Serie à fünf Schuss. Das Schießen selbst ist gar nicht so schwer, doch erst muss ich die Vorbereitungsgriffe hinter mich bringen: die Schutzklappen von Visier und Lauf entfernen, den Armgurt zur Gewehrstabilisierung einhaken, die linke Hand nach vorne bringen, den Lauf anheben, das Ziel im Ringkorn zentrieren, den Finger an den Abzug legen und ein paar mal tief durchatmen. Dann drücke ich ab. Der Schuss klingt wie eine Art freundliches Klatschen. Er geht daneben. Ich ziele weiter. Ich lerne, das Gewehr ruhig zu halten, was nicht leicht ist bei 4,5 Kilo Gewicht. Ich treffe einmal, zweimal, immer öfter. Ein gutes Gefühl. Im Stehen treffe ich gar nichts; das Gewehr schwankt so unkontrolliert in meinen Armen, als hätten wir schweren Seegang.

Aus den Augenwinkeln beobachte ich eine weißrussische Biathletin mit fröhlichem Pferdeschwanz. Sie drückt ihr Gewehr an die Wange, schiebt das Becken seitlich vor, geht leicht in die Knie. Fünf Schuss gibt sie ab, fünf Klappen klatschen nach oben: nur Treffer. Wie schön sie aussieht in ihrer Konzentration! Dabei hat sie gerade einen Tempolauf über mindestens drei Kilometer hinter sich. Die wahre Kunst der Biathleten besteht darin, den rasenden Puls und die fliegende Atmung auf den letzten Metern vor dem Schießstand so herunterzufahren, dass sie das Gewehr fürs Zielen ruhig halten können.

Geboren aus dem menschlichen Überlebenswillen

Am Nachmittag gehe ich ein bisschen langlaufen, allein. 60 Kilometer präparierte Loipen gibt es im Tal; vier davon führen im Kreis über den zugefrorenen, dick verschneiten Antholzer See hinter dem Stadion. Doch statt den korrekten, halbschrägen Stockschwung zu üben, den mir Hubert ans Herz gelegt hat, staune ich die weiß eingezuckerten Tannenwälder an, den bläulichen Schimmer der Felszacken darüber, die festgefrorenen Wasserfälle. So schön ist es, dass ich gleich noch eine Runde dranhänge in dieser Winterwelt, die ein Stück naiver Malerei sein könnte, mit all den fröhlichen Hunden, den Schlitten ziehenden Familien, den gemütlich schiebenden Langläufern Genussklasse.

In dieser Phase müssen sich Atmung und Puls beruhigen
Rainer Martini

In dieser Phase müssen sich Atmung und Puls beruhigen

Nur die in schwarzes Neopren geschweißten Mondgestalten mit ihren Badelatschen fallen aus dem Rahmen. Sie haben zwei Löcher in den zugefrorenen See gesägt und trainieren die Kunst, in zwei Grad kaltem Wasser unter einer 30 Zentimeter dicken Eisschicht die Luft anzuhalten. Apnoe-Tauchen heißt der seltsame Zeitvertreib.

Als ich diesen Wahnsinnigen beim Luftholen zusehe, wird mir klar, was genau mir am Biathlon immer so gut gefallen hat: Es ist kein beliebiger Sport. Er wurde aus dem menschlichen Überlebenswillen geboren. Biathleten müssen schnell sein, weil sie noch etwas vorhaben: das Schießen. Schießen und Laufen - eine archaische Kombination. Nur wer schnell war und sicher mit Bogen oder Speer umgehen konnte, überlebte in den alten Zeiten. Er gewann im Kampf mit dem Nachbarstamm, erlegte den fliehenden Hirsch und brachte Essen nach Hause.

Das Skihaserl von Rödöj

Dass Jäger und Sammler bei Schnee mit skiartigen Brettern auf die Pirsch gingen, lässt sich bei griechischen, römischen und chinesischen Geschichtsschreibern nachlesen. In Nordnorwegen hat man eine neolithische Felsritzung gefunden, geschätzte 4000 Jahre alt: eine langohrige Gestalt mit einer Art Axt in der Hand, die auf hochgebogenen, parallel geführten Skiern unterwegs ist. Die langen Löffel des "Skihaserls von Rödöj" werden als Verkleidung gedeutet, die der Jäger womöglich anlegte, um sich in der winterlichen Natur zu tarnen.

Der erste Biathlon-Wettkampf in Antholz wurde in den frühen 1970er Jahren ausgetragen. Touristisch hat sich seither nicht allzu viel geändert. Das Tal gehört zum Tourismusverband Kronplatz. Der gleichnamige Skiberg mit 90 Pistenkilometern liegt auf der anderen Seite des Pustertals. In Antholz selbst gibt es für Alpinfahrer praktisch nichts zu holen, und das ist gut so. Lifte, Trassen, Pisten und Schneisen sind dem Tal ebenso erspart geblieben wie Megaparkplätze und Pommesbuden. An den Hängen sitzen uralte Höfe mit tief heruntergezogenen Holzdächern. Niemand hatte bisher Geld oder Lust, hässliche Hotelkästen in die Landschaft zu setzen.

Gäste werden mit großer persönlicher Hingabe betreut. Die Chefin des Hotels "Antholzer Hof" serviert mir die Knödelsuppe mit einem "Gemmer morgen wieder schießn? Das ist schön!" und begrüßt den norwegischen Biathleten Lars Berger, der am Nebentisch sitzt und zum Frühstück immer vier Nutellasemmeln verdrückt, liebevoll mit "unser Weltmeischder". Der Fremdenverkehr von Antholz, gestützt auf Langlauf und die Biathlon-Events, ist so sanft in die Gänge gekommen, wie man es sich nur wünschen kann.

"War's schön?"

Am nächsten Morgen übe ich mit Hubert das Schießen nach dem Laufen. Ich beginne mit einer Zwei-Kilometer-Loipe, mittelschwer. Erst überquere ich einen rauschenden Bach, dann geht es durch den Wald, leicht bergauf und leicht bergab. Hubert fährt neben mir und feuert mich an. Ich maximiere den Stockeinsatz, gebe läuferisch alles. Als ich den Schießstand erreiche, schlägt mir das Herz bis zum Hals. Jetzt heißt es ganz tief durchatmen.

Konzentrieren. Mit jedem Atemzug etwas von der Anstrengung abschütteln. Die Sonnenbrille hoch, die Hände aus den Stockschlaufen, Gewehr vom Rücken, Stöcke runter. Mit den Skiern an den Füßen sinke ich zu Boden wie eine trächtige Elefantenkuh. Nun in die Bauchlage. Das Ziel anvisieren, noch einmal durchatmen. Mein Zeigefinger liegt leicht am Abzug. Ich bin ganz ruhig. Ich bin glücklich. Dann drücke ich ab. Nichts passiert. Fragender Blick zu Hubert. "Du hast vergessen zu laden", sagt er.

Mein alter Freund, der Theaterregisseur, ist mit den Jahren milder geworden. Als ich wieder zu Hause bin, rufe ich ihn an und erzähle ihm von meinem Biathlon-Kurs. "Biathlon?", fragt er. "Ah, hm. So so. War's denn schön?" "Ja", sage ich. "Sehr schön."

Aus dem "GEO Spezial"-Heft 1/2005, "Australien"



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