Biertourismus in Tschechien Das Geheimnis des böhmischen Hopfens

Bier gilt als Nationalgetränk der Tschechen. Mehr als 100 Brauereien gibt es in Böhmen und Mähren. Ob die Tschechen das weltbeste Bier brauen, ist zwar fraglich - unumstritten sind sie aber die größten Biertrinker der Welt.


Hier trinken die Weltmeister: Das Bierlokal "U tygra" ist eines von rund 1300 Bierlokalen in Prag
GMS

Hier trinken die Weltmeister: Das Bierlokal "U tygra" ist eines von rund 1300 Bierlokalen in Prag

Prag - Günter Verheugen mag tschechisches Bier, und das ist ein Problem. Denn bei jedem Besuch in Prag, erzählt der EU-Erweiterungskommissar, nehme er wegen des Gerstensaftes und der kalorienreichen Speisen einige Kilogramm zu. "Meiner Frau gefällt das gar nicht", gesteht der EU-Kommissar. Verheugen steht mit seinem Problem nicht allein: Als Bundeskanzler Gerhard Schröder im Herbst Prag besuchte, durfte ein Aufenthalt in einer böhmischen Kneipe nicht fehlen. Und auch für viele nicht prominente Besucher Tschechiens gehört der Biergenuss immer zu einer gelungenen Reise.

Ob die Tschechen mit ihrer Meinung Recht haben, das weltbeste Bier zu brauen, ist zwar Geschmacksache. Anders sieht es beim Konsum aus: Im Schnitt 162 Liter des Gerstensaftes tranken die Tschechen im Jahr 2003 laut dem Brauverband in Prag - Weltjahresbestleistung. Deutschland lag mit 123 Litern erst auf dem dritten Rang hinter Irland (146 Liter), sagt Verbandsvorsitzender Jan Vesely.

Seine Organisation regte im vergangenen Jahr das Projekt eines die Grenzen überschreitenden "Bier-Pfades" an, der von Schwaben über Bayern, Franken, Böhmen und Mähren bis nach Polen und in die Slowakei führen könnte. Tatsächlich verbinden nicht nur Flüsse wie die Elbe, die in Tschechien entspringt und durch Deutschland fließt, beide Länder, sondern auch eine jahrhundertealte Brautradition.

Bier gilt als Nationalgetränk der Tschechen: Mehr als 100 Brauereien gibt es in Böhmen und Mähren. Hergestellt wird vor allem untergäriges Dunkles sowie Helles. Hopfen, Malz und Brauwasser - diese drei Zutaten existieren in Tschechien in ungewöhnlich guter Qualität, und das begründet den Erfolg. Schon im 12. Jahrhundert wurde böhmischer Hopfen auf der Elbe bis nach Hamburg gebracht. Die Setzlinge allerdings wurden so gut behütet, dass auf ihre Ausfuhr zeitweise die Todesstrafe stand.

Brauwasser aus 80 Metern Tiefe

Eines der bekanntesten Biere der Welt wird unweit der deutschen Grenze gebraut, in der westböhmischen Industriestadt Plzen (Pilsen): das Urquell (Prazdroj). Hier stellte man 1842 erstmals ein Bier untergärig her, und weil es der Welt schmeckte, trägt es den Namen der Stadt, in der es geschaffen wurde: Pils. Als Entstehungsort ist die örtliche Bürgerliche Brauerei heute ein beliebtes Ausflugsziel. Das Eingangstor findet sich auch als Symbol auf Urquell-Etiketten.

Das Brauwasser wird aus einem 80 Meter tiefen Brunnen gefördert, und besonders sehenswert sind die Keller, die auf einer Länge von neun Kilometern in den Fels gehauen wurden. Bemerkenswert ist auch eine Sitzbank im Rathaus, mit der früher die Qualität des Urquells geprüft wurde: Hier mussten Brauer auf einer Bierpfütze Platz nehmen und warten, bis die Stelle trocken war. Blieb dann beim Aufstehen die Hose nicht an dem Bier-Rest kleben, war das Getränk zu schwach, und der Brauer wurde mit einem Stock bestraft.

Nach Plzen und noch vor Prag muss die Stadt Ceske Budejovice (Budweis) genannt werden, wenn es ums Bier geht. In dem südböhmischen Ort wird ebenfalls ein Bier mit Weltruhm gebraut: das Budvar (Budweiser). Allerdings muss sich das im staatlichem Besitz befindliche Unternehmen international mit dem Brauriesen Anheuser-Busch (Bud) streiten, wer in welchem Land sein Produkt unter dem werbewirksamen Namen verkaufen kann. Das US-Unternehmen besitzt über einen ausgewanderten Tschechen ebenfalls Rechte am Namen Budweiser.

Heimweg mit Stil: Besonders schön wankt es sich nach einem Kneipenbummel in Prag über die Karlsbrücke nach Hause
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Auch "U Fleku" ("Zum Fleck") dürfte vielen Prag-Besuchern bekannt sein. Das Traditionsrestaurant ist eines der rund 1300 Bierlokale in der Stadt, und sein jährlicher Ausstoß von mehr als 20.000 Hektoliter unterstreicht die Beliebtheit. Im "Fleck" wird selbst gebraut, und zwar ein süßliches Schwarzbier. Das rustikale Lokal ist vor allem bei Bustouristen populär und daher in der Hochsaison nicht unbedingt für gemütliche Abende geeignet.

Absolutes Alkoholverbot am Steuer

Ähnliches gilt für den "Kelch" ("U kalicha"), in dem der Prager Schriftsteller Jaroslav Hasek seinen Braven Soldaten Schwejk den Satz sagen lässt: "Also dann nach dem Krieg um halb Sechs im Kelch" - vermutlich eine der berühmtesten Verabredungen der Weltliteratur. Vor allem im "Fleck" und im "Kelch" war die deutsch-deutsche Vereinigung vor dem Jahr 1989 an der Tagesordnung: Als der Eiserne Vorhang Europa trennte, war Prag ein beliebtes Ziel für deutsche Urlauber aus Ost und West. Und wohl nirgends an der Moldau kam es zu solchen Verbrüderungen wie in den beiden Lokalen.

Apropos Lokal - dieser Begriff muss geklärt werden: In einer hospoda (Gaststube) gibt es je nach Laune des Wirtes kleine Gerichte, in einer pivnice (Bierhalle) kalte Häppchen und in einem vycep (Ausschank) auf die Frage nach Essen nur hochgezogene Augenbrauen. Denn der Tscheche speist in einer Kneipe nur im Notfall, zum Essen geht er ins restaurace. Auch deshalb sind in der Bevölkerung bestimmte Gasthäuser nicht etwa wegen ihrer guten Küche ein Begriff, sondern vor allem wegen des dort gezapften Bieres.

Die in Tschechien verwendeten Gradzahlen beziehen sich auf die Würze: Zehngradiges Bier hat etwa vier Volumenprozent Alkohol, zwölfgradiges etwa fünf Prozent. Und noch eine Zahl sollte man im Gedächtnis behalten, vor allem als Autofahrer: In Tschechien herrscht absolutes Alkoholverbot am Steuer - die Grenze beträgt null Promille. Und die Behörden nehmen das bierernst.

Von Wolfgang Jung, gms



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