Bildband von Jan Windszus Lissabon, die Dunkle

Fotograf Jan Windszus hat ein eindrucksvolles Porträt von Lissabon gezeichnet. Mit jedem seiner atmosphärischen Bilder feiert er die Schwermut des Fado, ohne die üblichen Klischees zu bedienen.

Jan Windszus

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Lissabon ist Fado. Wer über Lissabon schreibt, beschreibt die Wirkung der Musik, die kaum jemanden unberührt zurücklässt. Wer Lissabon fotografiert, der versucht, die Schwermut des Fado in Bildern einzufangen.

"Der Fado ist immer da, zu jeder Jahreszeit, in jedem Gesicht und jeder Geste. Selbst die Steine, das Wasser des Tejo oder die exotischen Pflanzen scheinen diese unbeschreibliche Sehnsucht zu atmen", sagt Jan Windszus. Der Fotograf hat sich über Monate hinweg der portugiesischen Hauptstadt gewidmet - sein Bildband "Lissabon" ist jetzt im Mare-Verlag erschienen.

Doch wie kann es gelingen, die Melancholie Lissabons in Fotos umzusetzen? Wie zeigt man ein Lebensgefühl, die portugiesische Saudade, in Bildern? "Am Anfang war alles überwältigend", sagt Windszus. In den ersten Tagen seines Aufenthalts ist der Berliner durch die Gassen und Viertel gestreift. Ohne Stadtplan, ohne zu fotografieren, nur um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen.

Vergänglichkeit und Patina der 2700 Jahre alten Hafenstadt seien überall zu spüren gewesen, an den bunten Kacheln, den verwunschenen Plätzen und den leer stehenden Häusern in der Unterstadt. "Dann habe ich gesammelt - mit zwei, drei Fotos angefangen, bei denen die Stimmung passte." Immer wieder geht er dieselben Wege und besucht die gleichen Orte. Er beobachtet, wie das Licht sich bricht und reflektiert - und wie das Leben in der Stadt funktioniert.

"Die Stadt hat etwas Dunkles"

Windszus ist bei seinen Recherchen auch in Gegenden Lissabons vorgedrungen, die ein Tourist nicht kennenlernt: Mit Roma und Sinti hat er gesprochen, die ihre Gottesdienste in Wellblechkirchen feiern, und er war im Viertel der Kapverdier unterwegs, die aus Portugals früherer Kolonie eingewandert sind. "Je mehr ich von der Stadt sah, desto mehr Fragen hatte ich."

Nicht nur, was Lissabon herzeigt, sondern auch, wie sich gibt, war Windszus wichtig: durch die verschiedenen Wetterstimmungen. "Da die Stadt am Meer liegt, ändert sich das Wetter ständig. Sie hat im Winter etwas Dunkles." Foto für Foto entstand Windszus Portfolio - "wie eine freie Erzählung über die Stadt".

Die Motive des 37-Jährigen: die Menschen, der Fluss, das Meer, aber auch Straßenzüge. Oft bei Nacht, oft im Regen, immer atmosphärisch. Die Gesichter sind meist besonnen, nachdenklich. "Ich wollte die Stadt darstellen, indem ich die Menschen zeige", sagt Windszus, "und damit das Gefühl darstellen, das ich beim Treibenlassen aufgenommen habe."

Sein Wunsch: Porträts zu fotografieren, die eine Frage stellen und dadurch interessant sind. "Man muss ein Geheimnis drin lassen." Wie bei Ana Marta, der Fadosängerin: "Hätte sie die Augen geöffnet, dann wäre das Bild viel klarer." Oder bei Pedro, dem Musiker mit Sonnenbrille, der sich mit abgewandtem Kopf eine Zigarette anzündet.

Kein Foto zeigt den Fado

"Lächeln ist oft etwas Oberflächliches", sagt Jan Windszus, "wenn man sich noch nicht kennt, hat das immer etwas von Fassade." Die Fahrerin der Tram auf einem seiner Lieblingsbilder blickt ernst: "Ich nenne das Foto das Marienbild." Die Frau mit den dunklen Locken ist im mittleren Frontfenster der Straßenbahn zu sehen, sie schaut ins Licht: "Es wirkt wie ein Triptychon."

Auch die beiden porträtierten Männer in der engen Rua da Bica de Duarte Belo, einer jung, einer alt, lächeln nicht. "Sie haben jeden Morgen vor dem Freizeitklub gestanden und das Sonnenlicht genossen", sagt Windszus, der in der Straße gewohnt hat. "Die Altstadt kam mir sehr dörflich vor, sehr kiezhaft, jeder kennt jeden."

Jan Windszus' ruhiges "Lissabon"-Porträt feiert die Schwermut des Fado mit jedem Bild. Kein Bild jedoch zeigt die Lissabonner beim Fado. Auch dieses Geheimnis lässt der Fotograf der Stadt und ihren Bewohnern.

Dabei war Windszus tief beeindruckt: "Beim Fado dabei zu sein, war eine neue Erfahrung. Es ist eine total ernsthafte Angelegenheit: Man sitzt und isst, alle sind ganz leise. So ein Abend kann über zwei, drei Stunden gehen, teilweise singen die Portugiesen mit. Und wenn der Text traurig ist, wird auch geweint. Man lässt das raus, man lebt das."


Nikolaus Gelpke (Hrsg.), Jan Windszus (Fotos), Karl Spurzem (Texte): "Lissabon". Mare Verlag; 144 Seiten; 58 Euro.



insgesamt 11 Beiträge
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titonda 21.10.2013
1. Doch Klischees
"ohne die üblichen Klischees zu bedienen" - aber dann gleich mehrere Male die Straßenbahn abzubilden? Das ist doch das Klischee schlechthin! Auch der alte Mann mit dem Hut schießt den Vogel ab. Die Fotostrecke gibt mir keine neuen Eindrücke von Lissabon, schade
mistalov 21.10.2013
2. Mutige Orthographie!
Der Mut! Die Schwermut!
suso4 21.10.2013
3. langweilige Bilder
Bild 1 ist sehr nett, Nr. 6 ist ok, der Rest leider zum Vergessen. Die vollmundigen Worte des Artikels bleiben hohl. Lissabon bietet sehr viel mehr Athmosphäre als hier erkennbar!
bohrendeworte 21.10.2013
4. Was wäre wenn?
Was wäre, wenn es keine Besserwisser und Nörgler gäbe? Die Welt wäre eine klitzekleine Prise langweiliger. Spitzenfotos. Hervorragende Arbeit!
jau! 21.10.2013
5. Nur Klischees
Glücklicherweise ist Lissabon sehr viel mehr als nur Fado und Einwohner, die melancholisch (bis sinnlos) in die Gegend schauen. Wer die Stadt kennt, für den wirken die Fotos eher inszeniert.
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