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Auf nach Warschau: Was eine Überraschung!

Foto: Eva Lehnen

Städtetrip mit Blind Booking Wohin fliegst du? Keine Ahnung!

Urlaub ist meist zu kurz, um keinen Plan zu haben. Nur: Wo bleiben dann die Überraschungen? Eva Lehnen packt ihren Koffer, ohne zu wissen, wo sie landet.

Für ein Blind Date ist es früh am Tag, doch meine äußere 5.30-Uhr-Verfassung täuscht. Innerlich bin ich hellwach und hoch gespannt. Noch nie habe ich am Hamburger Flughafen ein Terminal betreten, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Doch genau das ist der Deal, den ich mit mir selbst habe.

Fast ist mir ein bisschen feierlich zumute, als ich in einer Sitzecke bei den Check-in-Schaltern mein Smartphone aus der Tasche ziehe. Online hat mir mein Reiseveranstalter zwar schon vor zwei Tagen Bordkarte und Hotelvoucher hinterlegt. Er hat mich aber auch noch mal daran erinnert, dass die Kunden mit den stärksten Nerven den Download erst am Flughafen beginnen.

Ich will natürlich maximale Überraschung und habe mir bislang nur den Abruf einiger Eckdaten erlaubt: Abflugzeit und das Dokument mit den anonymen Wetterinfos habe ich gelesen.

Einfach drauflos reisen - mein letzter Spontantrip liegt länger zurück. Entweder, weil ich Länder sehen wollte, die eine gute Vorbereitung voraussetzten. Oder aber, weil ich mit kleinen Kindern los wollte. Überraschungen vor Ort? Lieber nicht. Mein aktuelles Reise-Ich: planungswütiger, als es mir lieb ist.

Warschau! Volltreffer

Von den Slogans neuerer Blind-Booking-Plattformen wie Wowtrip , Blookery  oder Unplanned  fühlte ich mich sofort angesprochen: "Lass dich überraschen", "Erfahre erst kurz vor Abreise wohin es geht!", "Maßgeschneiderte Reisen. Ins Unbekannte. Traut Ihr Euch?" 340 Euro kostet mein Überraschungskick bei Wowtrip für Flug und zwei Nächte im Hotel. Einige Städte, die ich schon kannte, konnte ich bei der Buchung ausschließen - gegen Aufpreis.

Um mich herum hasten Geschäftsreisende Richtung Sicherheitskontrolle - und auch für mich wird es Zeit. Ich entsperre mein Smartphone, und ein paar Klicks später ist klar: Ich fliege nach Warschau! Volltreffer.

Dort war ich noch nie. Klar, ich weiß, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg dort angerichtet haben. Ich kenne die Bilder von Willy Brandts Kniefall. Vor meinem inneren Auge sehe ich noch viel Grau. Aber ich habe überhaupt keine Vorstellung, was mich 2017 in Polens Hauptstadt erwartet. Beste Voraussetzungen für ein paar spannende Tage!

Drei Stunden später steige ich aus dem Flughafenbus. Und stehe vor einem riesigen Turm. Er kommt mir von Fotos vage bekannt vor. Muss wohl ein Wahrzeichen Warschaus sein. Wie der sozialistische Protzbau heißt? Keine Ahnung. Mein Hotel, ein Novotel, liegt direkt gegenüber.

Unbekannte lotsen mich durchs Unbekannte

Wie fängt man an mit einer Stadt, für die man keinen Plan hat? Sich einfach treiben lassen und gucken, was passiert? Dafür scheint Warschau mir zu groß. Also hole ich mir Hilfe, über Twitter.

"Hat jemand #Warschau-Tipps", poste ich, nachdem ich den Koffer im Hotelzimmer abgestellt habe. Einige Minuten und Retweets später poppt Rat schon auf. "Unbedingt mal in einer Bar Mleczny essen gehen. Günstige Hausmannskost wie zu kommunistischen Zeiten! Nostalgie pur!" "Der grüne Park auf dem Dach der Unibibliothek ist schön und ungewöhnlich." Ein Besuch des Neon Museums wird mir ans Herz gelegt. Und Warschaus Hinterhöfe, "noch alt und echt sehenswert". Die Avantgarde-Architektur an der Katowicka Straße.

Für mich, die Stadtnovizin, hört sich alles super an. Zwar kenne ich keinen meiner Twitterguides persönlich, aber genau das gefällt mir. Unbekannte lotsen mich durchs Unbekannte.

Zuerst zur Hausmannskost. Im Hotellift erklärt mir Google, dass eine "Bar Mleczny" eine sogenannte Milchbar ist, ein Relikt aus sozialistischen Zeiten. Die Idee von einst: Jeder sollte sich in den vom Staat gesponserten Volkskantinen wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit leisten können. Heute kehren in den aufgehübschten Milchbars längst nicht nur Bedürftige ein. Eine App, auf der Locals ihre Lieblingsadressen in einer Stadt verraten , zeigt mir an, welche ich am besten ansteuern soll: "Die Bar Bambino - Warschaus eleganteste Milchbar".

Ein Überraschungstrip braucht vor allem: Akku

Am Tisch zu meiner Linken hat sich ein Trupp Bauarbeiter auf ein paar Schnitzellängen niedergelassen. Zu meiner Rechten sitzt ein bürofein gebügelter Mann vor einer Tomatensuppe mit Reis. Eine Mutter buchsiert den kleinen Sohn samt einem Teller voll puderzuckerbestäubter Pfannkuchen durch das mittägliche Geschirrgeklapper.

Sollen die anderen Touristen sich doch in den überteuerten Altstadtrestaurants niederlassen. Ich löffel meine lila leuchtende Rote-Beete-Suppe mitten unter Polen. Was zu meinem Glück noch fehlt: eine Steckdose. Ein Überraschungstrip - das hatte ich unterschätzt - frisst jede Menge Akkuleistung: für Apps, Maps, Twitter und natürlich die Kamera.

Immerhin zu 73 Prozent ist mein mobiler Reiseführer wiederhergestellt, als ich mir den Weg zum Neon Museum weisen lasse. "Klein aber fein und in einer Ecke, in der man es nicht erwartet." Der Twitter-Tipp hat mich neugierig gemacht, doch da zupft mich plötzlich mein planungsbesessenes Reise-Ich am Ärmel: Spinnst du?! Du bist in Warschau, hier steht ein beeindruckendes jüdisches Museum, aber du willst zuerst eine Leuchtreklamen-Sammlung besuchen?!

Ja, genau! Die kurzen und knappen Twitter-Empfehlungen lese ich wie Missionen: Fahr hin und find out!

Um zum Neon Museum zu gelangen, muss ich Warschaus Hauptsehenswürdigkeiten links liegen lassen: Museum der Geschichte der polnischen Juden, Nationalmuseum, Altstadt, Nowy-Swiat-Boulevard, Lazienki-Park - dort sollen heute gern die anderen hingehen.

Die U-Bahn-Fahrt nutze ich für eine schnelle Zielaufklärung. Praga, wo das Museum liegt, war lange ein verschmähter Vorort mit bröckelnden Fassaden. Doch jetzt, so lese ich online, wird das Viertel am anderen Ufer der Weichsel wiederentdeckt. Die Soho Factory , ein aufgemöbeltes Fabrikgelände, wird als Epizentrum der Kreativen gefeiert. Mittendrin: das Neon Museum .

In einer dunklen Halle leuchten mir bunte Schriftzüge entgegen, die im grau-sozialistischen Polen einst an Bahnhöfen, Kinos, Supermarkt- oder Restaurantfassaden hingen.

Der Rundgang dauert nicht lang, gibt aber spannende Einblicke. Ich lerne von der "Neonisierungskampagne" der polnischen Regierung, die die schicken Schriftzüge von bekannten Grafikern, Künstlern und Architekten für ganze Straßenzüge entwerfen ließ. Fahr hin und find out - für mich eine geglückte, erhellende Mission.

Nicht nur auf Reisen gilt: Dinge ergeben sich - auch ohne Plan

Als ich weiter über das Soho-Factory-Gelände laufe, bin ich allerdings enttäuscht. Das kreative Leben scheint sich hier eher hinter den Türen abzuspielen. Büroschilder weisen auf Redaktionen, Agenturen und Designstudios hin, es gibt ein paar schicke Restaurants, los ist an diesem Nachmittag nur wenig.

Auf einem Parkplatz entdecke ich drei in Knallfarben angestrichene Oldtimer-Busse. Ich zücke mein Smartphone und lese im Internet nach, was sich hinter den"Adventure Warsaw"- Aufklebern auf den Transportern verbirgt: vierstündige Off-the-Beaten-Track-Stadttouren. Sofort melde ich mich per Mail für den nächsten Tag an.

On-the-go puzzle ich mir meinen Städtetrip zurecht. Mich nicht nur auf Reisen, sondern auch im Leben mal wieder ein bisschen mehr überraschen zu lassen - darauf trinke ich abends am Plac Zbawiciela. Die Bar - eine App-Empfehlung - heißt Plan B. Auch irgendwie ein schöner Zufall denke ich, als ich später auf die Tram warte. Man braucht eben nicht immer einen 1a-Plan. Nur ein aufgeladener Akku - der ist wirklich wichtig.

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