Bobby-Car-Rennen Volles Karacho mit dem Baby-Ferrari

Auf knallroten Bobby-Cars rutschen längst nicht mehr nur Kinder durch die Gegend. Eine Gruppe junger Väter aus dem Sauerland entdeckte das Kult-Gefährt für die Erwachsenenwelt. Heute rasen in ganz Deutschland junge und alte Wilde mit getunten Plastikautos steile Hänge hinab.

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Robin Wagner zerrt am Reißverschluss seiner Rennjacke und stöhnt. Schweres Leder, hauteng, da muss er jetzt rein bei 30 Grad im Schatten. Dem 15-Jährigen rinnen die ersten Schweißperlen über die Stirn. Dann verschwindet sein Kopf unter einem schwarzen Motorradhelm, und er setzt sich auf sein Ferrari-rot lackiertes Bobby-Car. Neben ihm hat sich Jens Hoppmann, ebenfalls 15, bereit gemacht. Für die in Sonnenlicht getauchten Hügel rund um das 400-Einwohner-Dorf Silberg im Sauerland haben die beiden jetzt keinen Blick mehr. Ihre Augen sind auf die schmale Asphalt-Straße gerichtet, auf der sie mit bis zu 70 km/h hinab ins Tal rasen wollen. Dann nehmen sie die Füße hoch und rollen langsam los.

"Es hat natürlich schon so einige Unfälle gegeben", sagt der 19-jährige Christian Fox, der seine beiden Vereinskollegen zum Start hinaufbegleitet hat. "Aber bis auf Schürfungen, Prellungen und ein paar Knochenbrüche ist noch nichts passiert." Um so etwas beim heutigen Training zu vermeiden, haben sich ein paar Jungs unten ins Dorf gestellt. Sie warnen Autofahrer vor den kleinen Rennwagen.

"Du bekommst den absoluten Adrenalinschub"

Überrascht ist hier allerdings niemand wirklich, wenn mal wieder ein aufgemotzter Plastikflitzer samt auf dem Rücken liegendem Fahrer zwischen Fachwerkhäusern um die Ecke prescht. Denn Silberg ist Geburtsort und Zentrum der Bobby-Car-Gemeinde. An einem sonnigen Maifeiertag vor zwölf Jahren hatten hier ein paar junge Väter den Einfall, mit den Spielautos ihrer Kinder um die Wette zu rollen. Mittlerweile gibt es mehr als 30 Klubs in Deutschland und der Schweiz, eine Europameisterschaft und Weltranglisten für Erwachsene und Kinder verschiedener Altersklassen. Zu den Rennen, die auf der Website des Bobby-Car Club Deutschland angekündigt werden, kommen zahlreiche Besucher.

"Du bekommst den absoluten Adrenalinschub, wenn du immer schneller wirst", sagt Fox, der wie die anderen Jugendlichen schon zur zweiten Fahrer-Generation gehört. "Unten im Ziel zittern nur noch deine Hände."

So viel Stress ist Robin und Jens bei ihrer gut 90-sekündigen Abfahrt ins Dorf gar nicht anzumerken. Fast regungslos liegen sie auf ihren Plastikautos. Nach 200 Metern die erste Linkskurve, 90 Grad. Jens bremst etwas, Robin steuert stoisch weiter und verliert kaum Geschwindigkeit. Auf der Geraden danach baut Robin den Vorsprung noch aus, während Jens etwas ins Schlingern gerät.

Marc Hoppmann, der den beiden in seinem Renault hinterherfährt, zeigt auf den Tacho. "60! Und sie werden noch schneller", sagt der 20-jährige Geschäftsführer des Silberger Bobby-Car-Clubs Deutschland. "Wären sie noch etwas weiter oben gestartet, würden sie jetzt fast 100 fahren." Angesichts solcher Geschwindigkeiten sichern bei offiziellen Rennen Strohballen die Strecke, und die Zuschauer sind mit einem Flatterband von den Fahrern getrennt.

Mit dem Bobby-Car im Windkanal

Robin ist im Ziel und reißt sich den Helm vom Kopf. Jens kommt kurz darauf an und schnauft ordentlich durch. Dann schleppen die beiden ihre Autos ins Vereinsheim, das samt Werkstatt in einem alten Bauernhof mitten im Dorf untergebracht ist. Gleich am Eingang steht eine Schubkarre, voll mit Plastikreifen, die die Fahrer von fabrikneuen Bobby-Cars abmontiert haben. "Mit denen können wir natürlich nicht fahren", sagt Marc, "die würden sofort schmelzen."

Mit den etwa 25 Euro teuren Rutschautos aus dem Kaufhaus haben die Bobby-Cars der Profis tatsächlich nicht mehr allzu viel zu tun. Nach festgelegten Regeln tunen die Fahrer die 1972 auf der Nürnberger Spielwarenmesse vorgestellten Kultgefährte zu wahren Rennmaschinen. Nachdem Lenker und Räder abmontiert sind, schrauben sie den roten Plastikkörper auf eine Stahlplatte und montieren Gewichte – bis zu 40 Kilo. "Das bringt die Geschwindigkeit", sagt Marc. Dann versehen sie das Fahrzeug mit stabileren Achsen, Rädern und einer spoilerartigen Rückenlehne. Ein Bekannter sei mit seinem Bobby-Car sogar im Windkanal gewesen, erzählt Marc. Die wichtigste dort gewonnene Erkenntnis setzten sie prompt in der Werkstatt um: Die Stahlplatten bekamen Löcher, das verringerte den Luftwiderstand.

An ihrer tonnenschweren Drehbank bastelten Marc und seine Freunde auch schon an diversen weiteren Prototypen. Im Auftrag eines Sponsors bauten sie sogar Modellflugzeug-Motoren in eine Serie Bobby-Cars, mit denen ein Werbespot in Südafrika gedreht wurde. Schon planen die Enthusiasten eine neue Weltmeisterschaftsserie mit Rennen, bei denen es auch bergauf geht.

Mit besonderem Stolz zeigt Marc jedoch auf eine unscheinbare Werkbank am Ausgang der Autoschmiede. "Unser neuestes Projekt." An eine dicke Achse sind Reifen mit tiefem Profil geschraubt, an dem kapitalen Stahl-Chassis darüber ist ein Fünf-PS-Motor befestigt. Marc lächelt. "Das wird unser erstes Off-Road-Bobby-Car."



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