Landurlaub in Apulien Bauernhof mit Gourmet-Abteilung

Apulien galt lange als vergessenes Stück Italien gegenüber von Albanien. Heute ist die Region im Stiefelabsatz angesagt. Denn Olivenbauern, Künstler und Hoteliers haben dem Südzipfel einen ordentlichen Schliff verpasst.

AFP

Von Thomas Heinloth


Wäre da nicht Xylella fastidiosa, Franco Ricupero könnte mal ein Päuschen machen an diesem Vormittag. Er könnte in der Sommersonne einen Espresso trinken oder ein kleines Glas Rosato. Doch Xylella macht auch keine Pause, und so muss Ricupero wieder los: in die Oliven.

Das Bakterium mit den klangvollen Namen macht Apuliens Bauern gerade schwer zu schaffen, Xylella hat es nämlich auf das grüne Gold in Italiens Süden abgesehen. Elf Millionen Olivenbäume stehen zwischen Bari und dem Salento, jeder zehnte ist mittlerweile infiziert, trägt vergilbte Blätter, streckt nackte Äste von sich und verdorrt von innen. "Es ist die Pest", sagt Ricupero.

2000 Bäume stehen auf seinem Grund. Noch sind sie gesund, denn Ricupero ist jeden Tag bei ihnen, schneidet Totholz raus, sorgt für Luft in den Kronen und recht das Laub am Boden. "Ein Baum, den man gut pflegt, wird auch nicht krank", sagt er und kann schon wieder lächeln. Franco Ricupero, 50, rundes Gesicht, gesunde Farbe, ist einer, der Gottvertrauen und gelassene Zufriedenheit ausstrahlt und dem man es nicht ansieht, dass er schon seit halb fünf Uhr morgens auf den Beinen ist.

Auf einem 20 Hektar großen Grundstück südlich von Bari hat er alles stehen, was Italiens Süden hergibt: Tomaten, Zucchini und Zichorien, und unter den Oliven wiegen sich hüfthoch die Artischocken. Früher hat er seine Ware vor allem auf dem Markt in Fasano und Ostuni verkauft. Jetzt aber wandert die Ernte direkt in die eigene Küche, wo aus Obst und Gemüse Feinkost wird.

Feigen kocht seine Frau zu Marmelade ein, Auberginen werden gegrillt, filetiert und eingelegt, rote Zwiebeln mariniert, grüne Oliven zu samtweicher Creme passiert, die Fiaschetto-Tomaten eingekocht zu Nudelsoße und die Kirschen hinterm Haus finden sich, likörgetränkt, in Keksen wieder.

Die alte Landmaschinenhalle ist jetzt gefegt, und statt Traktoren stehen hier Regale voll mit Gläsern, per Hand beschriftet und kunstvoll arrangiert. "Das ist das neue Apulien", sagt Ricupero, "Bauernhof mit Gourmet-Abteilung."

Bauernhof wird Boutique-Hotel

Die Kunden kommen mitunter von weither, meistens aber aus der Nachbarschaft, und immer öfter von nebenan aus der Masseria Alchimia. Die zum Hotel umgebaute Masseria, ein verwinkelter und doch imposanter Gutshof aus dem 17. Jahrhundert, gehörte bis vor ein paar Jahren Ricupero.

Doch nach jahrelangem Leerstand war das Schlösschen zwischen den Oliven schwer marode. Nur einen Schuppen nutzte Ricupero, für die Olivenpresse, als er die Masseria 2005 an Caroline Groszer, eine Schweizerin mit deutschen Wurzeln, verkaufte. "Die Presse", sagt Ricupero, "gab's gratis."

Das Gerät steht noch in einer der Katakomben, ansonsten hat Caroline Groszer das Landhaus zu einem Boutique-Hotel umgewandelt. Außen blendend weiß und mit seinen Erkern, Treppchen, Türen und Terrassen sowie der Palme hinter dem schmiedeeisernen Tor beinahe orientalisch, innen gediegenes Grau.

Zehn Wohnungen birgt das Ensemble, jede anders, doch jede stilsicher. Der Grundton im Design ist modern bis futuristisch, durchbrochen von Erbstücken aus dem Biedermeier. Im Sommer ist die Masseria fast immer ausgebucht, wer im August die Romantik-Suite mit Meerblick und Wohnzimmer unter freiem Himmel will, reserviert am besten zwei Jahre vorher. "Früher war das hier eine Arme-Leute-Gegend", sagt Groszer, "ein vergessenes Stück Italien an der Adria, gegenüber von Albanien." Heute ist Apulien angesagt.

Während in vielen anderen Regionen Italiens die Besucherzahlen nach unten gehen, legt die Region am Stiefelabsatz kräftig zu. 2014 stieg die Zahl der Übernachtungen um gut vier Prozent auf jetzt 13 Millionen im Jahr. Aus Dutzenden der traditionellen Rundhäuser, der sogenannten Trulli, wurden Ferienwohnungen, und viele der alten Gutshäuser, die Masserien, verwandelten sich in Luxusabsteigen.

Groszer hat Kunst in den Olivenhain mitgebracht: die Werke aus ihrer Zeit als Fotografin und Dutzende Grafiken, Gemälde und Skulpturen, die sie in den letzten Jahren zusammengetragen hat. Im Foyer hängt die Galionsfigur eines britischen Handelsschiffes aus dem 17. Jahrhundert, die sie einst bei einem Trödler in Venedig entdeckte. Und dann sind da noch Peppino Campanellas Lampen.

Immer wieder stößt man in der Masseria auf seine Werke, die mehr Leuchtobjekte sind als Lampen, schillernde, gläserne Organismen, deren Strahlkraft nicht durch die LED entstehen, die sie zum Glühen bringen. Über die Jahre sind die Hotelchefin und der Künstler Freunde geworden, und alle paar Wochen macht Groszer einen Abstecher nach Polignano a Mare, wo Campanella sein Atelier hat.

Oktopus-Flaschen, Thunfisch-Carpaccio

Mitten in der Altstadt, dort, wo der Fels spektakuläre 24 Meter tief ins flaschenfarbene Meer fällt, thront sein Studio. Es verwundert nicht, dass seine Motive meistens maritim sind: Mal erinnern Campanellas Lampen an einen Oktopus, mal an eine Venusmuschel, mal an einen Wal.

Angefangen hat sein Künstlerleben mit Strandspaziergängen, bei denen er Scherben sammelte, gläsernes Treibgut, das er zusammenklebte und mit einer Glühbirne versah. "Die Mädels", sagt er, "standen drauf." Heute sind die Strände der Umgebung aufgeräumt und scherbenfrei, darum arbeitet Campanella längst mit industriellem Glas - und nicht mehr für ein Mädchenlächeln.

Bis zu 12.000 Euro kosten seine Werke, gerade arbeitet er an einem mannshohen Spiegel für eine New Yorker Galerie. Immer öfter kommen auch wohlhabende Touristen auf der Suche nach einem Souvenir vorbei. "Die Zeiten sind vorbei", sagt Campanella, "in denen man nach Polignano reiste, weil man sich Amalfi nicht leisten konnte."

Er selbst reist nicht besonders gern, nur manchmal fährt er mit Caroline Groszer ein Stück die Küste runter. Dann halten sie an einem der exklusiven Strandklubs, die in den letzten Jahren hier entstanden sind, oder trinken einen Aperitif bei Vito Sabatelli.

Dessen Pesceria Due Mari liegt direkt am Hafen von Savelletri, und von den Tischen an der Mole kann man den Fischern zusehen, wie sie ausladen, was später in Sabatellis Küche landet. Viel stellt er nicht an mit frischem Fisch - mal Zahnbrasse, mal Meerrabe, mal weißer Thun - das meiste kommt roh auf den Tisch, als Carpaccio und - mit Ingwer, frischem Koriander und Limone - als Tartar. "Am späten Vormittag gibt es nichts Besseres", sagt Sabatelli. In seinem Kühlregal hat er eine ganze Batterie Jahrgangschampagner stehen, Krug und Dom Pérignon, dazu ausgesuchte Flaschen Spumante aus der Franciacorta in Norditalien.

Auch schlichten Landwein gibt es noch in Savelletri, das Glas zwei Euro in der Trattoria gegenüber. "Keine Sorge", sagt Sabatelli, "Savelletri hat seine Seele nicht verloren." In den Nebenstraßen riecht es nach Salzluft und nach frischer Wäsche, nach Oleander, Vespa und Spaghetti vongole. Die Kinder spielen abends Fußball auf der Piazza, in den Bars läuft Eros Ramazotti, und wenn die letzten Gäste weg sind, sitzt Sabatelli an der Mole und blickt aufs Meer, das vor dem Hafen liegt wie immer schon.



insgesamt 13 Beiträge
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siebke 14.07.2015
1. wunderschön!
Mein Mann war dort beruflich für 3 Jahre. In Apulien haben wir das Italien kennengelernt, das nicht überteuert und arrogant ist. Warmherzige Menschen, phantastisches Essen und prächtige Weine. Wir fahren jedes Jahr nach Pulia um unsere Freunde und geschäftlich meine Winzer zu besuchen. Freunde die wir mitgenommen haben...verstanden uns danach.Für uns fängt das "Italien" erst ab Rom an.
fridericus1 14.07.2015
2. Wir waren ...
... im letzten Jahr in Apulien (Martina Franca) und haben dort "Agriturismo" auf einem Milchviehhof genossen. Sehr nette Menschen, fantastisches Essen, tolle Gegend.
möwenhöhenflug 14.07.2015
3. Apulien?
Apulien hat nette Küsten, die anderen 19 Regionen Italiens haben kulturell teils deutlich mehr zu bieten, die nördlicheren Regionen sind wesentlich näher an Deutschland dran. Apulien war seit eh und je eine "regione depressa= (=sehr arm= sehr niedrige Preise). Drum: Warum wird die teure Anlage (siehe Preise im Internet) der Dame, die gar mit Foto abgelichtet wird, so deutlich beworben? Hat sie den SPON bzw. den Autor dafür bezahlt? Oder ist sie Freundin/Lebensgefährtin/Geliebte des Autors? In ganz Italien findet man zur Hälfte Ihrer Preise wunderschöne Unterkünfte, dieser Artikel hier erinnert an künstlich erzeugten "Nouveau-Chic-Mist"...Hauptsache, die schweizer Aussteigerin beworben, mit der man befreundet ist?
fatherted98 14.07.2015
4. Apulien...
...ist schön...naja...ganz Italien ist recht schön (mit wenigen Ausnahmen)...aber mir leider viel zu teuer..und der Standard ist teils unterirdisch....leider...sonst wäre ich viel öfter dort.
siebke 14.07.2015
5.
Zitat von fatherted98...ist schön...naja...ganz Italien ist recht schön (mit wenigen Ausnahmen)...aber mir leider viel zu teuer..und der Standard ist teils unterirdisch....leider...sonst wäre ich viel öfter dort.
Hallo Forist ich weis nicht wo Sie in Italien Urlaub gemacht haben..........aber wir hatten noch nie unterirdische "Behausungen", auch bekommen Sie noch was für Ihr Geld, im Süden. Vielleicht einmal über den "Pizzarand" schauen...lohnt sich !
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