Bozen Ein Hauch von Süden

Einkaufen, tanken, weiter - vielen Touristen gilt Bozen als Durchgangsort. Völlig falsch: Die Einwohner sind heute fest überzeugt, dass ihre Stadt aufregender ist als New York und cooler als Bologna.
Von Sigrun Albert

Cobo, Cobo, alle reden sie von diesem Cobo. Du hast an der Hotelrezeption gefragt, wer dir den Zauber Bozens am besten nahe bringen kann, du hast dich im Fremdenverkehrsamt erkundigt und bei der Stadtführerin. "Besuchen Sie halt den Cobo", war die Antwort, überall. Der sei Wirt und der vermutlich größte Bozen-Liebhaber überhaupt. Na gut, dann also: zum Cobo.

In Wirklichkeit heißt er Rino Zullo, Cobo ist sein Spitzname. Und der Cobo ist kein gewöhnlicher Wirt. Was schon damit anfängt, dass er keine Kneipe besitzt. Seine Gäste stehen an marmornen Tischen im Freien, den Fischbänken in der Dr.-Streiter-Gasse; früher wurde darauf Fisch verkauft, heute betreibt der Cobo um die Bänke herum eine Freiluftkneipe. Gegen Sonne oder Regen schützen nur ein paar Schirme. Er serviert Bruschetta, dazu Weißwein mit Aperol. Nebenher bemalt er, je nach Laune und Jahreszeit, Ostereier oder Weihnachtsmänner im Trompe-l'œil-Stil und zeichnet Bozen-Comics.

Der Cobo ist gebürtiger Veroneser, hauptsächlich aber Weltbürger. New York, Haiti, Rom – kennt er alles. "Doch Bozen ist der schönste Ort der Welt", behauptet er. Obwohl die Stadt nur 100.000 Einwohner hat und so überschaubar ist. Oder gerade deswegen.

Weil man aus der Stadt in zehn Minuten mit der Bergbahn auf einen Tausendergipfel gelange und in ein paar Stunden ans Meer. Weil hier Nord und Süd aufeinanderträfen, Moderne und Tradition, alteingesessene Bozner Familien und Studenten aus vielen Ländern Europas. Weil sich Sprache, Kultur und Küche aufs Ergiebigste vermischten.

Spätestens jetzt kann sich der Gast von der Nachbar-Fischbank nicht mehr zurückhalten und ergänzt die Cobosche Schwärmerei um ein paar aktuelle Meldungen: Wo sonst in Italien könne man so ungestört Fahrrad fahren wie in Bozen? Die Radwege seien vorbildlich: breit, gut markiert, bestens gepflegt. Und davon mal abgesehen: Längst habe sich in ganz Europa herumgesprochen, was Bozen für ein außergewöhnlicher Ort sei, behauptet er. Sogar Tyler Brûlé, Gründer der Zeitschrift Wallpaper und Fachmann in Sachen Trends, habe Bozen kürzlich eine glänzende Zukunft prophezeit. All die Gegensätze hier ziehen offenbar an.

Ein bisschen dick tragen sie schon auf, denkst du, der Herr Maler-Wirt, sein Gast und der Herr Brulé. Bozen aufregender als New York, cooler als Bologna? Also bitte. Andererseits geht gerade die Sonne unter und lässt die weiß gekalkten Laubenhäuser pastellfarben leuchten, ein sanfter Wind streicht durch die Gassen, und verschärfend kommt der Aperol im Wein hinzu. Charme hat die Stadt, ohne Zweifel. Mal schauen, ob sie dich auch um den Finger wickeln wird.

Mit Lustkäufen aus der Laubengasse

Zunächst siehst du dir das Naheliegende an, die Altstadt. Vier, fünf Gassen, die sich von West nach Ost erstrecken und von vier, fünf Querstraßen durchkreuzt werden. Verlaufen kann sich hier niemand, sich vergucken dagegen geht schnell.

In der Laubengasse etwa, wo du die Altstadthäuser bestaunst: Meterdicke Wände haben sie, prächtig bemalte Fassaden und schmucke Erker; alle wirken ein wenig windschief, vor Jahrhunderten gemauert. Im Erdgeschoss ist die Häuserfront nach vorn offen, Rundbogen reiht sich an Rundbogen, 380 Meter lang. Das sind die Lauben, in denen die Bozner in ihren Läden das tun, was sie seit vielen Generationen besonders gut beherrschen: handeln. Schon im Mittelalter reisten Kaufleute von jenseits der Alpen und aus dem Süden nach Bozen und trafen sich zur Messe.

In den Lauben tauschten sie ihre Ware nach strengen Regeln: Die nördliche Seite der Laubengasse bezogen die Händler aus dem Süden, die südliche die aus dem Norden. Heute bestücken die Geschäftsleute ihre Auslagen länderübergreifend. Beim Feinkosthändler Seibstock steht österreichisches Kern neben italienischem Olivenöl im Schaufenster. Und nebenan im Schuhgeschäft der deutsche Turnschuh nur ein paar Regalbretter entfernt von den italienischen Pumps.

Und du kannst es nicht abstreiten – wer sich für elegante Mode oder Wohnaccessoires erwärmen kann, für Taschen, Sonnenbrillen, Anzüge, Uhren, feine Weine, schweren Käse, den entlässt die Laubengasse erst nach Stunden. Mit einigen Lustkäufen im Gepäck, in Richtung Obstmarkt.

Der befindet sich am westlichen Ende der Laubengasse. Ein paar Dutzend Marktstände sind an einem lang gezogenen Platz aufgestellt. Trauben, Feigen, Artischocken, Tomaten, Peperoni, Schinken, Speck, Parmesan – die Bozner Händler präsentieren ihre Köstlichkeiten wie Kunstwerke: lilafarbene Feigen sind zu einer Pyramide aufgeschichtet, aus zartgrünen Trauben haben sie einen Quader gebaut, die Peperoni zu einem Strauß gebunden.

Sehr appetitanregend das alles, und deshalb steht am Rand des Obstmarkts ein Brunnen, unter dessen Strahl man Äpfel oder Trauben sofort waschen kann; übrigens ohne Bedenken, denn das Wasser in der Stadt ist sauber. So sauber, dass es im Stadtcafé "Città" am Waltherplatz zum Espresso gereicht wird. In Gläsern, an deren Rand die Worte "Bozner Wasser" eingraviert sind.

Zurück zum zweiten Bozen

Überhaupt, das "Città". In der Bozner Altstadt findet man in jeder Gasse ein Café, eine Bar oder ein Restaurant. Aber im "Città" muss man einmal gesessen haben, mindestens. Denn hier trifft man sie alle: die Damen aus der Bozner Gesellschaft beim Champagner nach dem Einkaufsbummel, den Geschäftsmann, der zwischen zwei Telefonaten einen espresso macchiato kippt, und Deutsche auf der Durchreise.

Gerade noch den Brenner hoch und wieder runtergebrettert, jetzt haben sie an einem Tisch im Freien Platz genommen, blinzeln in die Sonne – verdattert davon, wie hell und südlich das Licht hier ist, wie italienisch der Kaffee schmeckt, wie kühn der mächtige Berg da vorn – er heißt übrigens Kohlern, aber das wissen die Durchreisenden nicht – nach dem blauen Himmel greift.

Am Waltherplatz könntest du jetzt eigentlich sitzen bleiben, du würdest der Stadt bei ihrem Kleinstadtleben zusehen, von der Straße hinter dem Platz hörtest du ab und zu ein Auto hupen oder eine Vespa rattern, und falls dir nach Unterhaltung wäre, würdest du dir aus dem Café eine Zeitung holen.

Später, daheim, könntest du erzählen, dass das wirklich ein hübsches Städtchen sei, mit seinen barocken Häusern und dem pittoresken Obstmarkt. Das, was Bozen einzigartig macht, das allerdings hättest du dann verpasst.

Deshalb: zurück zum Obstmarkt, aber diesmal weiter, am Ötzi-Museum vorbei, hinauf auf die Brücke. Unter ihr gurgelt und sprudelt die Talfer. Auf der anderen Seite der Brücke drehen sich Autos und Motorroller im Kreisverkehr. Dort, hinter dem protzigen Siegesdenkmal, das die Faschisten in der Art eines antiken Triumphbogens gebaut haben, beginnt das zweite Bozen. Der Teil der Stadt, durch den nur selten Touristen schlendern. Dabei kann man da ebenfalls unter Laubengängen bummeln, auch wenn sie nüchterner wirken und gar nicht windschief.

Eine Gärtnerei als Kulturstätte

Die Faschisten haben nach 1922 große Stadtteile westlich und südlich der Bozner Altstadt errichtet, um Industrie und Tausende von italienischen Arbeitern anzusiedeln und so die Deutschen, ihre Sprache und Kultur zu verdrängen. Ihre Architektur war ein Gegenentwurf zum verwinkelten Stil der mittelalterlichen Stadt, radikal modern, mit schnörkellosen Fassaden, Flachdächern und Prachtboulevards.

Bis heute scheiden sich die Geister an diesen Bauten, viele Deutschstämmige lehnen sie ab, es ist die Architektur der Unterdrücker. Aber wenn du den Justizpalast, den Sitz des IV. Armeekorps und das Finanzamt mit unparteiischem Blick betrachtest, wird dich ihre kühle Schönheit vielleicht an Bauhaus-Architektur erinnern.

Bis heute ist Bozen die einzige Stadt Südtirols, in der der Anteil der italienischsprachigen Bevölkerung mit 75 Prozent den der deutschsprachigen weit übersteigt. Die beiden Bevölkerungsgruppen haben sich in den vergangenen Jahren angenähert, miteinander verschmolzen sind sie nicht.

Im "Fantasy", einer Kneipe am Corso Libertà, der Hauptstraße des italienischen Bozens, sitzt Rosso – noch so ein Wirt, den alle nur unter seinem Spitznamen kennen. Auch er serviert Wein mit Aperol und Ciabatta. "Ich komme aus dem Trentino", sagt er, "ich fühle mich als Italiener. Aber meine Kinder, die wachsen als Südtiroler auf."

"Hier kennt ja jeder jeden"

Martina Schullian ist heute Abend der einzige deutschsprachige Gast bei Rosso. Blonde Haare, moderner Kurzhaarschnitt, blitzblaue Augen, flotte grüne Trainingsjacke. Von Beruf ist Martina Schullian Gärtnereibesitzerin, von Herzen Südtirolerin. Sie hat in München und Wien Kunstgeschichte studiert und kehrte zurück nach Bozen, um die Gärtnerei ihres Vaters zu übernehmen.

Nach ihrer Rückkehr hat sie sich zunächst nicht sehr wohl gefühlt in Bozen. "Ich habe die Anonymität der Großstadt vermisst, hier kennt ja jeder jeden." Zumal viele Bozner in ihrer kleinen Welt bleiben. Die Deutschsprachigen leben in der Altstadt oder im fast ländlichen Viertel Gries, und in ihren Stadtvierteln kommt man gut durchs Leben, ohne ein Wort Italienisch zu sprechen.

Viele Italiener dagegen wohnen in Hochhaussiedlungen weit weg vom Stadtkern. Die Altstadt besuchen sie höchstens mal sonntags, zum Schaufensterbummel. Oder in der Vorweihnachtszeit. Dann drängen sie sich gemeinsam mit den Touristen um die Buden auf dem Weihnachtsmarkt und bestaunen dessen alpenländische Atmosphäre.

Martina Schullian empfand dieses Nebeneinander der Welten nach ihrer Zeit in der Großstadt als ziemlich engstirnig. "Mir hat der Austausch mit Menschen gefehlt, die nicht zu meinem engen Bekanntenkreis gehören", sagt sie. Und die Zufälle hat sie vermisst – dass man durch ein Stadtviertel läuft und eine Galerie entdeckt oder eine abgerockte Bar. Deshalb hat sie sich ihre Bozner Welt so eingerichtet, wie sie sie zum Glücklichsein braucht. Sie wohnt mit ihrer Familie im italienischsprachigen Teil der Stadt, die Kinder sprechen Deutsch so gut wie Italienisch, ihr Freundeskreis ist gemischt.

Und dem Zufall, dem hat sie ein wenig nachgeholfen: Ihre Gärtnerei ist nur tagsüber ein Geschäft, in dem man Geraniensetzlinge für den Balkon kauft oder einen Oleander für die Terrasse. Abends lässt Martina Schullian die Pflanzenkübel im Gewächshaus zur Seite rücken, Kerzenständer aufstellen und organisiert Lesungen, Ausstellungen oder Konzertabende. Eine Gärtnerei als Kulturstätte – da hat der Cobo schon recht, das hat New York wahrscheinlich nicht zu bieten. Aber Bozen.

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